Süddeutsche Zeitung

Forschung in Wasserburg:Prunk und Pracht

Bislang unbekannte Quellen zeigen neue Erkenntnisse zur Baugeschichte der Burganlage in Wasserburg. Magdalena März, Kreisheimatpflegerin für die Region, hat die Ergebnisse ihrer Recherchen nun in einem Buch veröffentlicht

Von Johanna Feckl, Wasserburg

Selbst, wer noch nie in Wasserburg gewesen ist, kann zwei Dinge schlussfolgern, die in der 13 000-Einwohner-Stadt ziemlich prägend sind: Wasser und eine Burg - beides steckt schließlich schon im Ortsnamen der Kleinstadt 55 Kilometer östlich von München. Es ist nämlich so: Beinahe 90 Prozent der Stadt sind umschlossen vom Inn, der sich seinen Weg auf mehr als 500 Kilometer durch drei Länder bahnt; eine Halbinsel also, die nur über eine knappe Landzunge im Norden und eine Brücke im Süden erreichbar ist. Und die Burg, erhöht auf einem Berg im Süden der Altstadt zwischen Landzunge und Brücke - der Burgberg - war ab dem frühen 12. Jahrhundert Stammsitz des lokalen Grafengeschlechts. Die Kreisheimatpflegerin für den Raum Wasserburg Magdalena März hat bei ihren Recherchen über die Burganlage neue Quellen und Erkenntnisse zutage gebracht. Die Ergebnisse gibt es nun in einer weiteren Ausgabe der Buchreihe "Heimat am Inn" zu lesen.

Dass das letzte und bislang einzige Werk, das sich mit der Wasserburger Burg beschäftigt, veröffentlich wurde, liegt beinahe 100 Jahre zurück; das "Heimatbüchlein" von Alois Mitterwieser stammt von 1927 und umfasst nur ein paar wenige Seiten. "Eine eingehendere kunst-, kultur- oder bauhistorische Auseinandersetzung mit der Anlage hat bisher niemals stattgefunden", schreibt Magdalena März in ihrem Buch. Seit Dezember 2019 ist die Kunsthistorikerin Kreisheimatpflegerin für die Region Wasserburg, seit 2015 ist sie im Vorstand des Wasserburger Heimatvereins. Dass sie sich einmal wissenschaftlich der Wasserburger Burg widmen wird, war so richtig gar nicht geplant. Ein bisschen Zufall war auch dabei.

2012, als März mitten in ihrem Kunstgeschichtsstudium an der Münchner Ludwig-Maximilians-Uni war, zog sie nach Zellerreit, einem Gemeindeteil von Ramerberg im Landkreis Rosenheim, gut 20 Kilometer östlich von Ebersberg. Und zwar nicht irgendwohin in den Ortsteil, sondern in das Schloss Zellerreit. Im Wasserburger Stadtarchiv gab es zwar Unterlagen zum Schloss. Die wurden aber noch nie systematisch gesichtet und ausgewertet, geschweige denn in den Archivkatalog aufgenommen - Recherchen und Veröffentlichungen darüber gab es also keine, wie März herausfand. Als dann ihre Bachelorarbeit anstand, war für sie klar: "Das bietet sich doch an", so die 33-Jährige. Für Historiker gibt es wohl kaum etwas Schöneres, als ihre Arbeiten auf solch "eigenen" Schriftquellen basieren zu lassen.

So kam es, dass März in ihrem Zuhause im Schloss an der Geschichte von genau diesem Schloss arbeitete. "Ich musste mir aber erst einmal meinen Weg durch einige Regalmeter im Archiv arbeiten." Als sie all die vielen Unterlagen sichtete und katalogisierte, stolperte sie auch über Quellen, die der Schlossbauherr im 17. Jahrhundert selbst verfasste, was laut März einem "Glücksgriff" gleichkommt. Während der Arbeiten am Schloss Zellerreit fragte sie sich schließlich, wie es eigentlich mit der Baugeschichte zur nahegelegenen Wasserburger Burg bestellt ist. Die Antwort: Kaum erforscht. Dass sich die 33-Jährige im Rahmen ihrer Masterarbeit die Wasserburger Burg vorzuknöpfen, war für sie dann "der logische next step", wie sie sagt.

Somit stellt die Masterarbeit von März, die sie 2016 abgeschlossen hat, die Grundlage des Buches dar, das sie nun im Rahmen der Reihe "Heimat am Inn" veröffentlicht hat.

Über die Errichtung der Burg ist bis heute nur wenig bekannt, die älteste bekannte Schriftquelle erwähnt eine sogenannte "Wazzerburch" im Jahr 1085, wie März schreibt. Deshalb und weil erst die baulichen Veränderungen unter den Wittelsbachern ab dem 15. Jahrhundert das heutige Aussehen der Burg prägen, widmet sich die Kreisheimatpflegerin nicht den eigentlichen Entstehungsjahren. Hauptsächlich geht es ihr um zwei Gebäude der Burganlage, nämlich das Schloss und den sogenannten Kasten.

Ein Kasten ist ein Speicherbau, der in Wasserburg mehrere Funktionen hatte, wie März erklärt: Dort wurde Getreide gelagert, es wurden aber auch Tiere gehalten und Waffen zu Wehrzwecken aufbewahrt. Das Besondere an beiden Bauten: Bei den Gebäuden, so, wie sie heute noch stehen, handelt es sich nicht um Neubauten, wie bislang angenommen. Stattdessen bilden sowohl beim Schloss als auch beim Kasten Altbestände in beachtlichem Ausmaß die heutigen Basis.

So wurde der angenommene Neubau des Schlosses eigentlich auf das Jahr 1531 datiert. Tatsächlich aber zeigen die bislang unbekannten Quellen, wie die 33-Jährige schreibt, dass die Bauarbeiten bereits zwei Jahre früher, also 1529 einsetzten und der bisherige Bau keinesfalls vollständig abgerissen wurde. Vor allem im Bereich der Außen- und Grundmauern des Schlosses wurden demnach Teile des alten Baus integriert. März vermutet, dass der Altbestand als Zeichen der Herrschaftstradition bewusst erhalten wurde - von Beginn an war das Schloss schließlich Sitz des lokalen Adels. Für diese These spreche, so März, dass der Erhalt und die Integration des alten Schlosses im Vergleich zu einem vollständigen Neubau erheblich mehr Aufwand bedeutete.

Spannend an dem Buch von März sind aber nicht nur die neuen Erkenntnisse, die sie durch ihre Recherchen herausgefunden hat. Sondern auch ihr vergleichender Ansatz. Sie geht nicht monothematisch vor, indem sie sich ausschließlich der Burganlage in Wasserburg widmet. Immer wieder zieht sie Vergleiche mit anderen Bauten heran, zum Beispiel dem Schloss in Grünau, der Landshuter Stadtresidenz oder der Innenausstattung der Festung Hohensalzburg, um nur einige Beispiele zu nennen. Für einen interessierten Hobby-Heimatkundler, der schon ein paar Burganlagen in der Region besucht hat, aber eben kein ausgewiesener Historiker ist, erleichtert das den Zugang zum Thema immens.

"Historische Architektur ist für mich begehbare Geschichte", sagt März. Burgen und Schlösser zu erforschen eigne sich besonders gut, um daraus weitreichende Rückschlüsse auf die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse zu ziehen und dadurch die Vergangenheit ein Stück weit lebendig werden zu lassen. "Es ist die Vielschichtigkeit, die ich in diesem Zusammenhang so faszinierend finde." So wie an der Burganlage in Wasserburg, die aus mehreren Bauabschnitten aus unterschiedlichen Jahrhunderten besteht. Für März ergibt sich dadurch ein dichtes Netz an Informationen, mit dem sich ein Bild zusammensetzen lässt - eine Faszination, die sie weitergeben möchte und der sie auch nach den Arbeiten an diesem Buch treu geblieben ist: Neben ihrer Aufgabe als Kreisheimatpflegerin promoviert die 33-Jährige im Moment über die Burganlage ein Burghausen.

Das Ziel von März ist es, neue Einsichten zur Burg zu eröffnen, die selbst Ortsansässigen kaum bekannt sein dürften - etwa, dass das Schloss, in dem heute ein Seniorenheim untergebracht ist, fürstlich ausgestattet war, die Ausstattung heute jedoch als verloren gilt. Oder dass noch bis ins späte 18. Jahrhundert ein Wohnturm an zentraler Stelle der Anlage stand. Kurz: März möchte die kulturhistorische Bedeutung der Burganlage ins Bewusstsein rücken. Und das gelingt ihr.

"Heimat am Inn 37/38 - Die Bauprojekte von Kasten und Schloss der Burg Wasserburg am Inn unter Herzog Wilhelm IV von Bayern (1493-1550)" gibt es für 19,90 Euro in der Wasserburger Bücherstube, in den Wasserburger Buchhandlungen Wasserburger Bücherstube, in der Buchhandlung Herzog und der Buchhandlung Fabula. Außerdem sind Bestellungen per E-Mail an stadtarchiv@wasserburg.de möglich.

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SZ vom 03.06.2020
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