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Fairness auf dem Fußballplatz:"Als Schiedsrichter ist man immer der Buhmann"

Angriffe auf Schiedsrichter gibt es nicht auf den Fußballplätzen im Landkreis. Die Unparteiischen müssen dennoch viel einstecken können.

Es war gegen Ende des Spiels in der damals noch jungen Saison der C-Klasse München I, zwölf Ligen unterhalb der Bundesliga, als der Röhrmooser Spieler seinen Gegner auf dem Platz foulte. Er kam zu spät, wie es im Fußballsprech heißt, was bedeutet, dass er mit dem Tackling kaum den Ball, sondern nur den Gegner erwischen konnte. Ein Zweikampf, wie er in jeder Partie vorkommt. Dennoch brannten bei dem Gefoulten die Sicherungen durch. Dieser trat und prügelte auf den Röhrmooser ein. Der Schiedsrichter schickte ihn mit Rot vom Platz. Sein Spieler sei glücklicherweise buchstäblich mit einem blauen Auge davon gekommen, erzählt Dalay Kökner, 30, sportlicher Leiter bei der SpVgg Röhrmoos.

Szenen wie diese sieht man nur selten auf den Fußballplätzen im Landkreis Dachau. Sie sind, das betonen Spieler, Trainer und Schiedsrichter, eine Ausnahme. Und dennoch ist Gewalt im Amateurfußball auch in den Dachauer Sportheimen und auf den Zuschauerrängen plötzlich ein Thema. Vor Kurzem hat ein Fußballer im Spiel der hessischen Kreisliga C zwischen dem FSV Münster und TV Semd den Schiedsrichter bewusstlos geschlagen, weil dieser ihm die gelb-rote Karte zeigte. Im Netz macht ein Video von der brutalen Attacke die Runde. Ein Rettungshubschrauber musste den 22-jährigen Referee ins Krankenhaus fliegen.

Das Verständnis für den Schiedsrichter fehlt

Unabhängig davon protestierten am selben Wochenende Berliner Schiedsrichter mit einem Streik gegen zunehmende Gewalt in den unteren Ligen. Mehr als 1000 Spiele fielen aus. Das sorgt für Unruhe in der Amateurfußballwelt, die vollkommen anders funktioniert als das durchgetaktete Mediensystem des Profifußballs. Schlägereien oder Attacken auf die Unparteiischen auf den Fußballplätzen gehören im Landkreis glücklicherweise der Vergangenheit an. Was dennoch oft fehlt: Einsicht für die Situation der Schiedsrichter. Florian Sailer, 21, pfeift bis zur Kreisliga für den SV Günding. Er fühle sich sicher auf dem Spielfeld, sagt er. Doch er vermisse das Verständnis. "Keiner kann sich in den Schiedsrichter hineinversetzen."

Die Schiris haben es in den unteren Klassen natürlich nicht leicht. Sie sind allein auf dem Platz. Linienrichter gibt es in Dachau erst ab der Bezirksliga. Jedes Abseits oder Foul richtig zu entscheiden, ist unter diesen Voraussetzungen unmöglich. Hinzukommt, dass die Schiedsrichter in den unteren Ligen oft nicht richtig ausgebildet und deshalb oft überfordert sind. Sie sind Amateure, die ein Hobby betreiben. Wie die Spieler und Trainer. Fehlentscheidungen gehören dazu. Genauso wie die Kommentare von selbsternannten Experten unter den Zuschauern.

"Bei Handgreiflichkeiten, rassistischen oder homophoben Äußerungen hört der Spaß auf"

"Als Schiedsrichter ist man immer der Buhmann", sagt Philipp Donath. Der 25-Jährige pfeift für die SpVgg Hebertshausen. Die Schiris müssten damit rechnen, blöd angeredet zu werden. Das sei ok, solange es nicht unter die Gürtellinie gehe. Donath hat einmal in der Kreisklasse einem Spieler Gelb-Rot gezeigt. Dieser hat dann die Stollen von seinen Fußballschuhen geschraubt und nach Donath geworfen. "Bei Handgreiflichkeiten, rassistischen oder homophoben Äußerungen hört der Spaß auf", sagt er.

360 Schiedsrichter gibt es in der Gruppe Dachau/München Nord, davon sind 210 aktiv. Die Zahlen sind vergleichsweise gut, in anderen Regionen Bayerns hat der Bayerische Fußballverband Probleme, für jedes C- oder B-Klassen-Spiel Schiedsrichter zu finden. Doch auch im Landkreis sorgt man sich um den Nachwuchs. Viele Jugendliche hören nach ein paar Monaten als Schiedsrichter wieder auf wegen der fiesen Sprüche und der Beleidigungen auf dem Platz und vom Spielfeldrand. Vorfälle wie zuletzt in Münster schrecken natürlich ab.

Dass man als Schiedsrichter einstecken können muss, hat Matthias Schepp, 30, früh in seiner Karriere erfahren. Mit zwölf hat er angefangen, Spiele zu pfeifen. Er erinnert sich noch, dass seine Mutter irgendwann nicht mehr am Rand zusehen wollte, weil sie es nicht mehr ertrug, die ganzen Beschimpfungen, die auf ihren Sohn einprasselten. Jetzt ist Schepp, der für den TSV Schwabhausen pfeift, Schiedsrichterobmann für die Gruppe Dachau/München Nord. Fast jedes Wochenende steht er selbst auf dem Platz. Er erkennt einen Trend nicht nur beim Fußball, überhaupt in der Gesellschaft. "Die Hemmschwelle sinkt immer mehr. Alles verroht." Dass Spieler oder Zuschauer Entscheidungen des Schiris infrage stellen und reklamieren, sei freilich kein Problem. "Aber sobald es persönlich oder beleidigend wird, ist das nicht mehr nachvollziehbar."

So sieht das auch Dalay Kökner von der SpVgg Röhrmoos. Er war selber mal Schiedsrichter, aber auch Trainer der Kreisklassenmannschaft, er kennt beide Perspektiven. "Es gehört dazu, dass man protestiert. Aber es sollte nicht unter die Gürtellinie gehen." Er sei ein impulsiver Mensch, natürlich auch auf dem Fußballplatz. Die Emotionen würden diesen Sport ja gerade so schön machen, sagt Kökner. Doch für ihn ist klar: "Nach 90 Minuten sollte es vorbei sein."

"Vor Spinnern können wir uns weder im richtigen Leben noch auf dem Fußballplatz schützen"

Im bayerischen Amateurfußball sind Vorfälle gegen Schiedsrichter in den vergangenen Jahren leicht zurückgegangen. In der Saison 2016/17 gab es laut dem Bayerischen Fußballverband (BFV) 255 gemeldete Spiele, bei denen Unparteiische entweder attackiert und/oder beleidigt wurden. Im Jahr darauf lag diese Zahl bei 245 und in der vergangenen Saison noch bei 225. 67 Partien wurden in der vorigen Spielzeit abgebrochen. Bei 243 379 erfassten Spielen entspricht das einem verschwindend geringen Anteil von 0,028 Prozent. Und trotzdem: Dass einer auf dem Platz nach einer strittigen Entscheidung ausflippt, kann theoretisch immer passieren. Bernhard Slawinski ist beim BFV Vorsitzender des Fußballkreises München, der auch Dachau umfasst. Er sagt: "Vor Spinnern können wir uns weder im richtigen Leben noch auf dem Fußballplatz schützen."

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es auch unter den Schiedsrichtern - wie unter den Zuschauern, Spielern oder Trainern - welche gibt, die sich mehr als fragwürdig auf dem Feld verhalten. Manche missbrauchen die Spielsituation, dass auf dem Platz buchstäblich jeder nach ihrer Pfeife tanzt. Marcel Richter trainiert die Reservemannschaft des TSV Dachau. Er hat auch schon Schiedsrichter erlebt, welche die Spieler absichtlich schikanieren oder sich selbst in ihrem Auftreten überschätzen. Doch klar ist für ihn: "Gewalt hat im Fußball nichts verloren." Seiner Meinung nach darf der Spieler, der den Schiedsrichter in Münster k.o. geschlagen hat, nie wieder in einem Verband Fußball spielen.

Die Vereine müssen bei jedem Spiel einen Ordnungsdienst bestimmen, der im Notfall eingreift, wenn es zum Beispiel zu Handgreiflichkeiten kommt. Dieser sollte sich vor Anpfiff selbständig beim Schiedsrichter vorstellen und mit einer Armbinde als Ordner sichtbar sein. Das klappt laut Aussagen von Schiedsrichtern in der Regel sehr gut. Beim SC Vierkirchen zum Beispiel übernehmen das meistens drei bis vier Verantwortliche vom Verein. Wobei Robert Szeidl, 48, betont, dass man sie eigentlich nicht brauche. Er ist seit 20 Jahren Trainer im Amateurfußball, seit dieser Saison coacht er in Vierkirchen. Er ist mit den Schiedsrichterleistungen in der bisherigen Saison absolut zufrieden, sagt er. "Man kann nicht erwarten, dass man in den untersten Klassen spielt und höherklassige Schiris bekommt. Auch der Schiri erwischt mal einen schlechten Tag. Und dann ist es halt so." Nach dem Spiel sei es wichtig, immer abzuklatschen und fair miteinander umzugehen. Doch auch Szeidl sagt: "Man darf beim Spiel nicht alle Emotion rausnehmen. Sonst sind wir irgendwann beim Golf."

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SZ vom 08.11.2019
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