Süddeutsche Zeitung

Corona-Krise:Was Sportvereine und Fitnessstudios gegen den Stillstand tun

  • Der Bayerische Landessportverein rechnet mit rund 200 Millionen Euro Verlust durch die Corona-Krise.
  • Neben den Sportvereinen sind auch Fitnessstudios von den Einschnitten betroffen.
  • Manche Verantwortlichen versuchen nun, die Verluste mit kreativen Maßnahmen zu minimieren.

Von Jakob Wetzel

Das Bild wirkt vertraut, jedenfalls für alle, die zum Sporttreiben derzeit in die eigenen vier Wände verbannt worden sind. Links steht eine Kommode, rechts ein Schreibtisch, dazwischen ist am Boden gerade so Platz für eine blaue Matte. Und auf dieser liegt jetzt Benjamin Weiderer, graue Hose, minzgrünes Hemd, und hebt seine Beine an, langsam rauf und runter, die Zehen immer angezogen. Dann blickt er auf seinen Monitor: Man müsse auf die Lendenwirbelsäule achten, erklärt er, die müsse auf den Boden gedrückt bleiben, nur kein Hohlkreuz.

Benjamin Weiderer ist Athletik-Trainer beim "München Roadrunners Club" (MRRC). In normalen Zeiten trainiert er immer montags mit den Leistungsgruppen der Läufer in einer Schulsporthalle. Doch das kommt wegen des Coronavirus derzeit nicht infrage. Von intensivem Training werde ohnehin abgeraten, um die Immunabwehr nicht zu schwächen, heißt es vom Verein. Wie im MRRC noch trainiert wird, das würden die Sportler mit ihren Trainern ausmachen. Doch damit alle in Form bleiben können, hat Weiderer auf eigene Faust begonnen, Übungen zur Beweglichkeit und zur Kräftigung online vorzumachen: Mittwochs und freitags überträgt er jetzt ein etwa einstündiges Trainingsprogramm live auf Facebook.

Anfangs sei er nervös gewesen, ob die Technik funktioniere, sagt er. Auch eine Webcam wollte er kaufen, aber die seien ausverkauft gewesen. Nun muss die integrierte Kamera im Rechner herhalten. Die Teilnehmer brauchen keine Geräte und keine Laufstrecke, sondern nur etwa zwei Quadratmeter Platz. Mitmachen würden vor allem Mitglieder der Leistungsgruppen, sagt Weiderer. Aber das Angebot ist grundsätzlich offen für alle.

Das Coronavirus hat Sportvereine in eine schwierige Lage gebracht: Turnhallen und Trainingsanlagen sind geschlossen, Wettkämpfe sind verschoben, Training findet bis auf Weiteres keines statt. Ab wann es weitergehen kann, weiß auch nach den jüngsten Lockerungen immer noch niemand. In der Zwischenzeit setzen einige Vereine, so wie Weiderer, aufs Internet.

Klubs wie Alba Berlin haben es vorgemacht: Der Basketball-Verein produziert seit Mitte März "Albas tägliche Sportstunde" für Kinder und Jugendliche und veröffentlicht jeden Werktag zwei Videos auf Youtube. Ähnliches bietet in München mittlerweile der MTV München von 1879 an: Stand diesen Freitag haben die Trainerinnen und Trainer des Vereins schon mehr als 50 Videos gedreht und hochgeladen, vor allem in den Kategorien Fitness, Gymnastik und Kindersport. In Letzterem gibt es zum Beispiel Bewegungsspiele mit dem Springseil, Badminton mit Luftballon und Fliegenklatschen oder auch Balance-Übungen auf einem aus einer Decke gebastelten, simulierten Schwebebalken. Zusätzlich hat die Fitness-Abteilung Trainingspläne für die Älteren auf der Webseite des MTV bereitgestellt.

Der Verein will damit nicht nur erreichen, dass seine Mitglieder und andere in Bewegung bleiben und kein Fett ansetzen. "Uns geht es auch darum, unsere Trainer vor Kurzarbeit zu bewahren", sagt MTV-Geschäftsführer Veit Hesse. Solange sie nicht mit den Mitgliedern trainieren können, sollten sie zum Beispiel Konzepte entwickeln oder eben Videos drehen.

"Wenn es geht, werden wir keinen unserer Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken", sagt auch Pia Kraske, Geschäftsführerin des ESV München, des mit etwa 8000 Mitgliedern und 26 Abteilungen nach eigenen Angaben derzeit größten Breitensportvereins der Stadt. Auch hier sind die Trainer deshalb damit beschäftigt, Sportvideos für Kinder zu drehen und auf Youtube hochzuladen. Andere würden ihr Kursprogramm nun online anbieten, sagt Kraske. Die Taekwondo-Abteilung zum Beispiel trainiere vier bis fünf Mal die Woche über ein Videokonferenz-Programm. Mannschaftssportarten wie Hockey dagegen würden jetzt eben Techniken trainieren, die man auch alleine üben kann. Und wer doch Zeit habe, kümmere sich um anderes. "Bei uns wird gerade viel gewerkelt und getan", sagt Kraske. Einer der Sportlehrer streiche gerade Wände, ein anderer schleife etwas ab. "Es gibt immer Sachen, die man gerne verändern will, aber sonst keine Zeit dafür hat."

Zugute kommt den Vereinen, dass sie für die Zeit der Corona-Schließung zumindest nicht auf die Mitgliedsbeiträge verzichten müssen. Ein Verein beruhe nicht auf dem Prinzip Leistung und Gegenleistung, sagt Kraske; vielmehr sei der Verein eine Solidargemeinschaft. "Wir sind kein Fitnessstudio."

Für viele von diesen hingegen geht es nun tatsächlich um die Existenz. Sie hoffen auf die Solidarität ihrer Mitglieder - und sie bemühen sich, diese trotz des Ausfalls bei sich zu halten. Mehrere Münchner Studios setzen zum Beispiel auf die New Yorker Online-Plattform "Classpass", auf der übergreifend Online-Kurse im Livestream gebucht werden können. Um die Studios in der Corona-Krise zu stützen, verzichtet der Plattformbetreiber bis Ende Mai auf seine Provision, die Einnahmen kommen also komplett den Studios zugute. Zudem ruft er zu Spenden auf und kündigt an, jede Spende bis zu einer Höhe von einer Million US-Dollar zu verdoppeln.

Andere Studios haben für sich alleine Online-Kurse produziert, zum Beispiel die "Elements"-Studios, von denen es in München drei gibt und die zu einer Tochter der Schweizer Migros-Genossenschaft gehören. "Elements" will die Mitgliedschaft seiner Kunden nach Ende der Schließung kostenfrei um die ausgefallene Zeit verlängern. Für das Studio sei diese Verschiebung wirtschaftlich sinnvoll, heißt es von "Elements". Denn dann kämen die Beitragsausfälle nicht gebündelt, sondern würden sich auf mehrere Monate verteilen. "Fitness First" wiederum, einer der weltweit größten Betreiber von Fitnessstudios, bietet ebenfalls eine kostenlose Verlängerung an, auch für seine vier Studios in München.

Die Kunden können sich aber stattdessen auch zum Beispiel Trainingsgutscheine für Freunde aussuchen. Etwas mehr als 40 Prozent der Mitglieder würden die kostenlose Verlängerung der Mitgliedschaft wählen, sagt Martin Seibold, der Deutschland-Chef von "Fitness First". Ein weiteres Fünftel nehme Trainingsgutscheine, andere etwa ein Upgrade der Mitgliedschaft. Seibold spricht von einem Umsatzausfall durch Corona in mehrstelliger Millionenhöhe - bei weiterlaufenden Kosten. Einige Mitarbeiter seien in Kurzarbeit. "Fitness First" unterstütze aber nicht nur sie, sondern auch die freiberuflichen Fitnesstrainer.

Doch auch die Sportvereine stehen vor finanziellen Herausforderungen. Der Bayerische Landessportverband BLSV hatte seine Mitgliedsvereine Mitte März gebeten zu melden, mit welchen Einbußen sie rechnen. Schon Ende März hatten sich etwa 1000 Vereine beteiligt, knapp ein Zehntel der Mitglieder; die Meldungen summierten sich auf 200 Millionen Euro. Der Verband spricht davon, der organisierte Sport in Bayern stehe vor der "größten Herausforderung seiner Geschichte".

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Auch Veit Hesse vom MTV spricht von Einbußen: Anders als Profi-Sportvereine sei sein Breitensport-Verein zwar nicht von TV-Gebühren und Zuschauern abhängig. Aber es brächen Mieteinnahmen weg. Und wer beim MTV einen Kletterkurs gebucht habe, der nun ausfalle, erhalte seine Gebühr zurück. Außerdem verzeichne der Verein in normalen Zeiten etwa 150 Neu-Eintritte pro Monat.

Auch diese fehlen nun. Und man müsse sehen, was geschehe, wenn die Sportanlagen noch längere Zeit geschlossen bleiben müssen. Im November hätten die Mitglieder erstmals die Möglichkeit, ihre Mitgliedschaft zu kündigen. "Ich hoffe, dass Sportvereine nicht die letzten sind, die wieder öffnen dürfen", sagt Hesse deshalb. "Natürlich geht es bei uns um die Freizeit. Aber Sport ist doch notwendig für die soziale Interaktion."

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Quelle:
SZ vom 18.04.2020/lfr
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