Süddeutsche Zeitung

Ausstellung in Freising:Magische Meditationen

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Kreise, Ellipsen und manchmal auch eckige Formen: Kyung-Lim Lee, eine US-amerikanische Künstlerin mit koreanischen Wurzeln, stellt ihre Werke in Freising im Mariendom und in der Johanneskirche vor.

Von Sabine Reithmaier, Freising

Kyung-Lim Lee hat nicht der Zufall nach Freising und schon gleich gar nicht in den Dom geführt. Vor acht Jahren kam sie als Begleiterin ihres Manns in die Stadt. Der US-amerikanische Künstler James Turrell hatte damals einen Ortstermin, weil er für die Wiedereröffnung des Diözesanmuseums im Jahr 2022 einen Lichtraum gestalten soll. "So kamen wir ins Gespräch und vereinbarten eine Zusammenarbeit", erinnert sich Christoph Kürzeder, Leiter des Museums. Alles noch eher unverbindlich, doch als er 2015 in der Münchner Galerie Häusler Contemporary die Bilder der Künstlerin sah, stand für ihn fest, diese auf dem Domberg zu zeigen. Trotzdem dauerte es noch etliche Jahre, bis der Vorsatz verwirklicht wurde. Doch den jüngsten Pandemie-bedingten Verschiebungen kann Kürzeder inzwischen auch etwas Gutes abgewinnen: Kyung-Lim Lee schickte noch vier neue Bilder in die Ausstellung, die, eigens für die Nordempore des Doms konzipiert, nun mit den Fresken von Cosmas Damian Asam ein stilles, farbharmonisches Zwiegespräch führen.

Doch auch mit dem zweiten Ausstellungsraum, der Johanneskirche, harmonieren die strengen Werke gut. Die schräg gestellten, von Kyung-Lim Lee eigens für die gotische Kirche entwickelten Vitrinen geben den Zeichnungen den Raum, den sie brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten. In ihrer reduzierten Klarheit passen sie zur gotischen Architektur, strahlen eine ruhige Ordnung und Gelassenheit aus. Letztere sollte auch der Betrachter mitbringen. Denn schnell erschließen sich die Zeichnungen mit Kreisen, Ellipsen, manchmal auch eckigen Formen nicht. Doch durch das Spiel von Licht und Schatten erhalten die Körper eine ungeheure Tiefenwirkung, manche erscheinen, als würden sie von irgendwoher angestrahlt und beleuchtet.

Geboren ist Kyung-Lim Lee 1957 in Seoul (Südkorea). Als sie 15 Jahre ist, emigriert ihre Familie nach New York. Eine Familie, in der Kunst eine große Rolle spielte. Der Vater erzählt seinen Kindern Geschichten mit dem Zeichenstift, die Mutter töpfert im eigenen Atelier. Die Urgroßmutter war Kalligrafin am Hof des koreanischen Kaisers und im späten 19. Jahrhundert Chronistin der Königin. Ihre Leidenschaft für Schriftzeichen hat Kyung-Lim Lee vermutlich von ihr geerbt. Eine Reihe ihrer Werke basieren auf Meditationen über zehn ausgewählte chinesische Schriftzeichen, die sie, wie es der Ausstellungstitel "Transposition" ankündigt, in die abstrakte Zeichensprache geometrischer Formen umwandelt.

Studiert hat die Künstlerin am Pratt Institute in New York. Erst Bildhauerei, bevor sie zu Malerei und Zeichnung wechselt. "Zeichnen - und es wie Malerei erscheinen lassen" - so erklärt sie im Katalog ihre Methode. Eine präzise Beschreibung, denn manche Arbeiten wirken auf den ersten Blick wirklich wie Malerei. Doch ihre Hauptmedien sind Graphit und Pastellkreide. Mit letzterer experimentiert sie viel, erprobt verschiedene Materialmischungen, mischt Kreide mit Mohnöl. Sie legt viele Farbschichten auf Pergamentpapier oder Bütten übereinander, erzielt so subtil schimmernde Ebenen. Faszinierend ist "Blue Involution" (2019), eine Arbeit, bei der man glaubt, ins Innere einer blau strahlenden Form zu blicken. Andere Zeichnungen wecken konkrete Assoziationen, lassen einen Horizont entdecken oder einen dunklen Mond. Aber letztlich bleibt es jedem selbst überlassen, in welche unendlichen Sphären er die Bilder weiterdenken will.

Aber Achtung: Kommen Sie nicht am Donnerstag zum Meditieren! Denn da sind Dom und Johanneskirche zum Putzen geschlossen.

Kyung-Lim Lee: Transposition, bis 26.9., täglich außer Montag und Donnerstag 10 -16 Uhr, Sonntag 12 - 16 Uhr, Freisinger Mariendom und Johanneskirche. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

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