Süddeutsche Zeitung

Russland:Die Ärztin des Rebellen

Medizinerin Anastasia Wassiljewa kämpft um das Leben von Alexej Nawalny, und immer wieder auch gegen die politischen Verhältnisse. In einem Punkt hat sie jetzt etwas erreicht - bei ihrem Patienten.

Von Frank Nienhuysen

Anastasia Wassiljewa ist groß, weshalb sie immerhin auf Augenhöhe von draußen in das mickrige Fenster schauen kann, das sich vor ihr geöffnet hat. Die Ärztin steht im dunklen Mantel am Eingang der Strafkolonie Nr. 2 in Pokrow, lehnt sich gegen die gelbe Ziegelsteinfassade und bittet um Einlass zu Alexej Nawalny, ihrem Patienten. Aber die Staatsmacht in Person der Dame hinter dem kleinen Fenster weist sie ab. Machtkampf verloren.

Wassiljewa, 37, stellt sich den Kraftproben mit den russischen Behörden mit Beharrlichkeit, und oft dokumentiert sie das mit kleinen Filmsequenzen auf Twitter. Fast jeden Tag ist sie zuletzt 100 Kilometer weit zum Gefängnis gefahren, um mit einem Kollegenteam endlich Nawalny untersuchen zu können. Stundenlang steht sie da, bittet, wartet, kritisiert, dass sie wieder nicht zu ihm kann. "Wer muss man sein, um Ärzten den Zugang zu einem sterbenden Menschen zu verwehren", sagte Wassiljewa kürzlich. Einmal wurde sie sogar dort festgenommen. Jetzt gab sie auch Nawalny selber einen dringenden Rat: den Hungerstreik nach drei Wochen endlich zu beenden. Schlechte Kaliumwerte, das Herz - die Ärztin befürchtete einen Infarkt. Am Freitag fügte sich Nawalny. Für Wassiljewa ist das ein Erfolg.

Es ist nicht einfach, die persönliche Ärztin des prominentesten russischen Regierungskritikers zu sein. Die Vergiftung Nawalnys mit Nowitschok, der Diagnose-Streit mit der Omsker Klinik, von deren Chefs sie sagte, "sie verkaufen uns wieder einmal für Idioten", dann Nawalnys Haft, ihr aufreibender Einsatz für den Oppositionspolitiker, dessen Vertraute sie geworden ist - all das wirkt tief in ihr eigenes Leben hinein. Ende Januar saß Anastasia Wassiljewa in ihrer Wohnung am Klavier und spielte konzentriert Beethovens "Für Elise", als Polizei an der Türschwelle erschien und sie festnahm. Sie spielte das Lied noch zu Ende und fragte die Beamtin und den Beamten: "Gibt es keinen Applaus?" Man könne sie umbringen, sagte sie dann noch, aber nicht einschüchtern.

Es ist dabei nicht etwa so, dass Anastasia Wassiljewa schon in ihrer Kindheit und Teenagerzeit systemkritisch aufgewachsen wäre. Sie wusste von Nawalny nicht einmal Genaueres, als sie ihn kennenlernte. Das war erst vor vier Jahren, als ihm jemand grüne Flüssigkeit ins Gesicht kippte, die Augenärztin ihm half und darauf bestand, dass er in Spanien operiert wird.

Die Ärztin engagiert sich auch für Arbeitnehmerrechte und Arbeitsschutz

Anastasia Wassiljewa stammt aus einer Medizinerfamilie: Großmutter Ärztin, Mutter Ärztin - Anastasia Ärztin? Nein, wollte sie nicht. Wurde sie aber doch, weil die Mutter darauf bestand. "Du wirst Ärztin, danach kannst du machen, was du willst", sagte sie. Die Tochter gab nach. Lange führte sie ein völlig unpolitisches Ärztinnenleben, kümmerte sich dazu um ihre zwei Kinder. In einem Interview erzählte Wassiljewa einmal, dass sie meistens staatliches Fernsehen geschaut habe, die Lage im Land als prächtig empfand und Wladimir Putin für einen ausgezeichneten Präsidenten hielt. Das änderte sich, als sie Nawalny kennenlernte. Und als auch ihre Mutter Probleme bei der Arbeit bekam.

Mit viel Mühe schaffte es Anastasia Wassiljewa, ihre Entlassung an der Klinik zu verhindern. Seitdem setzte sich die junge Ärztin für Arbeitnehmerrechte ein, kämpfte für bessere Bezahlungen und mehr Arbeitsschutz. 2018 gründete sie eine unabhängige Gewerkschaft, die Allianz der Ärzte. Das zahlte man ihr heim, denn die Gewerkschaft muss in Russland nun bei jeder Erwähnung in den Medien als "ausländischer Agent" bezeichnet werden, weil man ihre Arbeit als politisch empfindet.

In der Pandemie kritisierte Wassiljewa den schlechten medizinischen Zustand in der Provinz, und als sie mit ihrem Team entschlossen anpackte, in Eigeninitiative Schutzmasken, Handschuhe und Beatmungsgerät besorgte, wurde sie festgenommen. Aufgehalten hat sie das nicht.

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