Süddeutsche Zeitung

Russland:Die Menschen sterben leise

Putins Corona-Politik der Täuschung hat verheerende Nebenwirkungen.

Von Silke Bigalke

In Russland sollte sich das Virus der Politik anpassen, so war es von Anfang an. Wenn ein politischer Kompromiss gesucht wurde zwischen Neuinfektionen und den Plänen des Kreml, setzte sich der Kreml durch. Die Ansteckungszahlen waren dann eben so, wie sie waren, lange waren sie unglaubhaft niedrig. Der Lockdown 2020 endete mit der Parade zum Sieg im Zweiten Weltkrieg. Die Geschäfte öffneten, als Wladimir Putin gute Stimmung brauchte. Die braucht er weiterhin, bald sind Duma-Wahlen. Anders ist die sträflich späte und laxe Reaktion der Behörden auf die steigenden Infektionen kaum zu erklären.

Die Regierung will nicht riskieren, dass noch mehr Jobs verloren gehen, die wirtschaftliche Lage ist ernst genug. Wohl auch deswegen erzählt die Regierung seit Monaten, wie gut sie die Russen durch die Pandemie geführt habe. Über die Toten im Land wird selten gesprochen, die Menschen sterben leise und werden oft nicht gezählt. Wer öffentlich Horrorgeschichten aus überfüllten Kliniken erzählt, muss Repressionen fürchten.

Diese Politik der Täuschung hat Nebenwirkungen: Eine Mehrheit im Land will sich nicht impfen lassen - obwohl das Vakzin Sputnik V längst für jeden in Russland zugänglich ist. Doch viele Bürger fürchten sich nicht vor Ansteckung, weil sie schlecht informiert sind. Leider ist das Virus immun gegen Propaganda.

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