Süddeutsche Zeitung

Nahost:Zyklen des Wahnsinns

Wieder eine Waffenruhe zwischen Israel und Hamas - und bald wieder der nächste Konflikt? Die internationale Staatengemeinschaft muss jetzt alles tun, um eine dauerhafte Lösung zu erreichen. Auch wenn es hoffnungslos erscheint.

Kommentar von Alexandra Föderl-Schmid

Das Zittern, das Leiden, das Sterben hat ein Ende - zumindest vorläufig. In Israel wie im Gazastreifen. Es ist nicht der erste Waffenstillstand in der Region, und es wird auch nicht der letzte sein.

Auch in diesem Wahnsinn gibt es Zyklen. Solange auch nur eine der vielen Konfliktparteien meint, an Macht, Einfluss oder Territorium zulegen zu können, wird es diese Auseinandersetzungen geben. Denn, so zynisch es klingt, es gibt immer Gewinner, so auch diesmal. Die Hamas hat sich im Machtkampf mit dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas und seiner Fatah-Partei profiliert - auch militärisch. Und in der Krise schart sich das Volk um seinen Führer: Benjamin Netanjahu hofft deshalb darauf, eine Regierungsbildung des Anti-Netanjahu-Lagers noch abwenden zu können.

Beide Seiten nahmen zivile Opfer in Kauf. Die Hamas schießt wahllos mit ihren Raketen: Menschen in Israel müssen um ihr Leben rennen und laufen Gefahr, getötet zu werden. Die israelische Regierung wiederum muss sich angesichts der vielen Toten die Frage der Verhältnismäßigkeit stellen lassen, weil im Gazastreifen auch Menschen getroffen wurden, die nichts mit der Hamas zu tun haben.

Beide Seiten argumentieren mit dem Recht auf Selbstverteidigung. Nach der israelischen Sichtweise ist die Bombardierung die gerechtfertigte Reaktion auf den Raketenhagel aus dem Gazastreifen. Die Palästinenser wiederum sehen sich in ihren Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt, im Gazastreifen sogar eingesperrt, und fordern ein Recht auf Selbstbestimmung.

Die Menschen haben ein Recht auf Frieden - auf beiden Seiten

Jede Seite hat ihr Narrativ. Die Frage, wer hat angefangen, lässt sich unendlich weit zurückverfolgen. Waren es im jüngsten Fall die israelischen Soldaten auf dem Tempelberg und in der Al-Aksa-Moschee? Folgten daraufhin die Angriffe arabischer Militanter auf Synagogen in Israel? Liegt die Wurzel des Konflikts im Sechs-Tage-Krieg 1967, in dem israelische Soldaten Ostjerusalem erobert hatten? Warum wurde nur der Staat Israel gegründet, der zur Nakba, der Vertreibung von Palästinensern, führte? Waren es nicht die arabischen Staaten, die 1947 den UN-Teilungsplan ablehnten, der Palästina in einen Staat für Juden und einen für Araber aufteilen sollte mit Jerusalem als internationaler Zone? Haben die Juden nicht nach der Schoah das Recht auf einen sicheren Hafen?

Irgendwann landet man bei der Balfour-Erklärung 1917: Die einen verweisen auf jenen Teil, in dem eine "nationale Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" versprochen wurde; die anderen zitieren jene Passage, "dass nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte der bestehenden nicht-jüdischen Gemeinschaften in Palästina (...) in Frage stellen könnte". Aber es gibt in diesem Konflikt nicht Schwarz und Weiß, hier die Täter, da die Opfer. Extremisten und all jene, die sich Vorteile erwarten, gießen immer wieder Öl ins Feuer, das den Antisemitismus genauso nährt wie den Hass auf Muslime - weltweit.

Die internationale Staatengemeinschaft sollte die Waffenruhe jetzt nutzen, um eine dauerhafte Lösung zu erreichen. Die USA, EU, UN, Arabische Liga, Russland - alle sind gefordert. Denn die Menschen in dieser Region leiden unter den Gewaltexzessen. Und alle, auf beiden Seiten, haben ein Recht auf ein Leben in Frieden.

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