Süddeutsche Zeitung

Coronavirus:Durchgefallen

Gesundheitsminister Spahn kündigt an, dass der Schulbetrieb im Herbst wieder im Wechselmodell stattfinden wird. Ein Albtraum für Kinder und Eltern. Nach eineinhalb Jahren Pandemie kann man von der Politik bessere Antworten erwarten.

Kommentar von Angelika Slavik

Deutschland ist gut drauf an diesem Wochenende, der Sommer ist da, die Inzidenzen sind niedrig und Portugal 4:2 geschlagen. Alles super, oder? Leider nein. Denn dieses Wochenende macht überdeutlich, dass in der deutschen Pandemiepolitik einiges gehörig schief läuft.

Wie nebenbei verkündete Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bei einer Diskussionsveranstaltung, dass es im Herbst keinen normalen Schulbetrieb geben soll. Die Schutzmaßnahmen sollten aufrecht erhalten werden, sagte Spahn, und meinte damit keineswegs nur Testen und Lüften, sondern das volle Programm: Maskenpflicht und Wechselunterricht.

Die lässige Selbstverständlichkeit, mit der Spahn das vorträgt, ist bemerkenswert, schließlich schien es in den vergangenen Wochen, als hätte die deutsche Politik zu der Erkenntnis gefunden, dass die Bedürfnisse der Jüngsten in der Pandemie viel zu wenig beachtet wurden. Und als sei es das oberste Ziel, dass der Schulbetrieb im Herbst wieder normal laufen kann.

Es gibt ja auch viele gute Gründe, die Priorität darauf zu legen: Für viele Kinder waren die vergangenen Monate ein massive psychische Belastung. Für manche, die aus einem schwierigen sozialen Umfeld kommen, war es auch eine Zeit der Schutzlosigkeit: Die Gewalt gegen Kinder stieg während der Pandemie deutlich, sagt die Statistik. Und auch viele, die ein liebevolles Elternhaus haben, erlitten massive Nachteile - weil Homeschooling in vielen Familien eben nicht funktioniert. Zu wenig Platz, keine guten Computer, eine andere Muttersprache, es gibt unzählige Gründe, warum Lernen zu Hause nicht klappt. Viele der Nachteile, die Kinder nun erfahren haben, sind nur schwer und viele der Verletzungen gar nicht wiedergutzumachen.

Hier Wechselunterricht - dort maskenlose Fußballfans

Ein weiteres Schuljahr so bestreiten zu wollen wie das vergangene, ist deshalb absolut nicht akzeptabel. Dass es nicht längst in jeder Schulklasse Luftfilter gibt, dass kein eigenes Kontingent an Impfstoff vorgehalten wird, um jenen Eltern, die ihre Kinder gegen Corona impfen lassen möchten, das auch wirklich im Sommer zu ermöglichen, all das ist schwer nachvollziehbar. Die Schulen dürften keine "Drehscheibe in die Haushalte hinein" werden, sagt Spahn.

Wie skurril dieses Argument ist, zeigt der Blick auf die Bilder aus dem Stadion am Samstag in München: 14 000 Menschen - und die Mehrheit von ihnen hat die Maskenpflicht ignoriert. Klar, die Ansteckungsgefahr im Freien ist gering und das Infektionsgeschehen aktuell niedrig. Allerdings versteht man auch als Laie, dass im-Arm-liegen-und-siegestrunken-Lieder-grölen die Infektionsprognose vermutlich ungünstig beeinflusst. Man kann über die Regeln, die gelten sollten, trefflich streiten. Aber dass einerseits im Stadion diese Regeln nicht eingehalten werden, ohne dass man dagegen vorgeht, und andererseits Kindern und ihren Eltern schon mal deutlich gemacht wird, dass im Herbst leider, leider wieder Wechselunterricht ansteht, das zeigt eine völlig verschobene Prioritätensetzung.

Der Sommer ist da - und während die Menschen durchatmen, muss man von der deutschen Politik einen Kraftakt verlangen. Sie muss regulären Schulbetrieb und damit ein normales Leben für Kinder im Herbst möglich machen. Mit Sicherheitsmaßnahmen, mit Tests, Luftfiltern, aber ohne ein Wechselmodell, das dem Wort "Schule" nicht gerecht wird. Nach eineinhalb Jahren Pandemie darf man Lösungen erwarten, alles andere ist schlicht: nicht genügend.

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