Süddeutsche Zeitung

Armin Laschet:Man kann nicht ein bisschen kandidieren

Wahlkämpfe sind ein großes Risiko. Deshalb wäre es menschlich verständlich, sollte CDU-Chef Armin Laschet mit einem Hintertürchen geliebäugelt haben. Politisch aber war es unverzichtbar, dass er nun alle Zweifel an seiner Entschiedenheit ausgeräumt hat.

Kommentar von Stefan Braun, Berlin

Wahlkämpfe können einsam machen. Vor allem, wenn ein glorioser Sieg in immer weitere Ferne rückt. So gesehen ist es nur zu verständlich, wenn sich Kandidaten mit unsicheren Perspektiven Gedanken machen, wie sie im Fall einer Niederlage heil aus der Sache herauskommen. Sei es, dass sie sich früh mögliche Fluchtwege ausdenken; sei es, dass sie noch nicht gleich alle bisherigen Wurzeln kappen, um nach einer möglichen Niederlage vielleicht doch im alten Amt bleiben zu können. Ja, das ist nachvollziehbar; es kann einem in schweren Momenten ein bisschen Sicherheit geben. Politisch fatal aber ist es trotzdem.

Wahlkämpfe sind ein Risiko. Sie müssen es sogar sein, damit eine Demokratie eine Demokratie bleibt. Aus diesem Grund sind alle Gedankenspiele des CDU-Vorsitzenden Armin Laschet, durch die Verschiebung des Landesparteitags eine letzte Entscheidung über seine Zukunft in Nordrhein-Westfalen auf die Zeit nach der Bundestagswahl zu verschieben, nicht nur blöd, ungeschickt und taktlos gewesen. Hätte er tatsächlich versucht, die Wahl seines Nachfolgers im Landesvorsitz in den Oktober zu verlegen, dann wäre das einem politischen Selbstmord sehr nahe gekommen.

Das Schicksal von Norbert Röttgen sollte Warnung sein

Niemand weiß das besser als Laschet selbst. Er konnte sehr gut studieren, was passierte, als sein Vorgänger Norbert Röttgen so etwas im Landtagswahlkampf 2012 versuchte. Damals wollte Röttgen zwar unbedingt Ministerpräsident in Düsseldorf werden, erklärte aber zugleich, für den Fall einer Niederlage als Bundesumweltminister in Berlin zu bleiben. Aus seiner Sicht erschien das plausibel und verständlich. Die Wählerinnen und Wähler aber goutierten das nicht, sondern bestraften ihn mit einem miserablen Ergebnis.

In der CDU Nordrhein-Westfalens hat das große Narben hinterlassen. Bis heute ist dieser Teil ihrer Geschichte eine Erzählung voller Schmerzen. Nur einer profitierte von dem Debakel: Armin Laschet. Er übernahm erst den Landesvorsitz, dann wurde er bei der Wahl 2017 Ministerpräsident. Hauchdünn nur, aber er gewann.

Es ist in der Politik an dieser Stelle ganz einfach: Du musst mit allem, was du bist und kannst, ins Rennen gehen. Das wollen die Menschen spüren. "All in" nennt man das beim Pokern: Man gibt alles - und man riskiert alles. Nur dann spüren die Menschen, dass es einem mit seinem politischen Kampf wirklich ernst ist. Hätte Armin Laschet das vergessen, dann wäre ihm nicht mehr zu helfen gewesen. Mit seiner Erklärung vom Freitag zieht er nun eine steile Kurve. Das ist so etwas wie seine letzte Rettung gewesen.

Anm.: Dieser Text wurde um 14:38 Uhr nach neuen Aussagen von Armin Laschet aktualisiert.

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