Süddeutsche Zeitung

Bundeswehr:Afghanistan ist eine Blaupause des Scheiterns

Wenn die Bundesregierung die Streitkräfte weiterhin auf Auslandseinsätze schicken will, muss sie dringend aus den Fehlern des Afghanistan-Debakels lernen.

Kommentar von Mike Szymanski, Berlin

Das Scheitern des Westens in Afghanistan bildet eine Zäsur für die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik. Wer auch immer die künftigen Bundesregierungen stellen wird, dürfte sich noch weitaus schwerer tun, als es ohnehin schon war, Rückhalt in der Politik und Akzeptanz in der Gesellschaft für gefährliche Auslandseinsätze der Bundeswehr zu finden. Derart einschneidend ist die Erkenntnis, dass ein fast 20 Jahre lang andauernder und mit 59 Toten verlustreicher Einsatz vergebens gewesen ist.

In Afghanistan herrschen wieder die Taliban. Die Episode, in der Deutschlands Sicherheit "auch am Hindukusch verteidigt wird", wie es 2002 der damalige Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) formulierte, geht mit einer Demütigung zu Ende. Das kann nicht ohne Folgen bleiben, gerade für andere Einsätze, die auf der Blaupause Afghanistan aufbauen.

Zurzeit läuft der größte solche Einsatz im westafrikanischen Mali. Aber die Parallelen zum gescheiterten Afghanistan-Einsatz sind nicht zu übersehen. Waren es dort die USA, von denen alles abhing und auf die sich die Bundeswehr und die anderen beteiligten Nationen abstützten, so nimmt in Mali bislang noch Frankreich die Rolle des starken Partners ein, der sich ebenfalls nicht scheut, "robust", also auch ins Gefecht mit den Gegnern zu gehen. Wie die Amerikaner in Afghanistan haben die Franzosen in Mali die Terrorbekämpfung als oberstes Ziel ausgegeben. Deutschland gibt sich dort rund um Gao derselben Vorstellung hin, wie es dies in Kundus tat: mit seinen Soldaten den Aufbau verlässlicher staatlicher Strukturen samt einer funktionierenden Armee bewerkstelligen zu können. Die Truppe beteiligt sich unter anderem an der Ausbildung malischer Soldaten.

Afghanistan hat soeben gezeigt, wie grandios ein solches Vorgehen scheitern kann. Dort haben die Amerikaner einseitig den Rückzug eingeleitet, und ohne sie ging nichts. In Mali ist nicht klar, wie lange die Franzosen noch bereit sind, ihren Kampfeinsatz aufrechtzuerhalten. Bricht dann dort auch alles zusammen?

Die nächste Niederlage: Mali?

Die Taliban in Afghanistan mussten Kabul gar nicht wirklich erobern. Die mit Milliarden Dollar von internationaler Seite unterstützte und ausgebildete afghanische Armee hat das Land den Taliban fast kampflos überlassen. Allen Bemühungen um ein nation building zum Trotz hat sich ein großer Teil der Bevölkerung nicht mit dem Gebilde Afghanistan, mit dem, was einen Staat ausmacht, identifiziert. Gekämpft wurde für Clans, für Bevölkerungsgruppen, fürs eigene Überleben - aber am Ende nicht für ein Land Afghanistan.

Ein solches Scheitern kann sich in Mali wiederholen. Zweimal hat die malische Armee schon geputscht. Der künftigen Bundesregierung fällt die Aufgabe zu, ihre Strategie für Mali zu hinterfragen. Der Wahlkampf, der jetzt in die heiße Phase eintritt, dürfte nunmehr auch an außenpolitischen Auseinandersetzungen nicht mehr vorbeikommen.

Jetzt ist auch die Zeit, darüber zu sprechen, ob es nicht doch eines nationalen Sicherheitsrates bedarf, der stärker analysierend und koordinierend arbeitet. Die Sicherheitslage in Afghanistan war zuletzt komplett falsch eingeschätzt worden, die Hilfe für Ortskräfte deutscher Institutionen kommt spät, für viele womöglich zu spät. Es war beschämend, mit anzusehen, wie die Ministerien über Wochen gegenseitig Verantwortung von sich geschoben haben. Ohne einheimische Mitarbeiter wäre die Bundeswehr an keinem fernen Ort funktionsfähig, aber das Vertrauen, das dafür nötig ist, muss sie erst wieder mühsam aufbauen.

Auch die Bundeswehr selbst wird sich nach diesem Scheitern verändern. Die Soldaten vermissten Rückhalt und Anerkennung. Der bedingungslose wie am Ende überstürzte Abzug aus Afghanistan hat zunichtegemacht, wofür die Soldaten all die Jahre ihr Leben riskiert haben. Sie gehen geschlagen vom Feld. Die Politik hatte ihnen unerreichbare Ziele gesetzt. Das darf sich auf keinen Fall wiederholen. Andernfalls ist die Gefahr groß, dass sich Truppe und Politik noch weiter voneinander entfremden.

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