Süddeutsche Zeitung

"Tatort" Luzern:Unsinn, wie er im Drehbuch steht

Der Schweizer "Tatort" will politisch sein und holt den Tschetschenien-Konflikt nach Luzern. Rätselhaft bleiben wie immer die Kommissare.

TV-Kritik von Katharina Riehl

Das war mal wieder eine bewegte Woche für den Tatort, erst gab es kräftig auf die Mütze, weil der SWR in Ludwigshafen auf den Einsatz eines Drehbuchs verzichtet hatte. Viele Menschen empörten sich, zumindest im Internet, wo Menschen mit großem Mitteilungsdrang ein warmes Zuhause gefunden haben. Kaum war die Debatte um den angeblich "schlechtesten Tatort aller Zeiten" (Bild-Titelseite) vorbei, kündigten die beiden Kommissare aus Bremen ihren Rücktritt an. Und am Donnerstag wurde dann bekannt, dass im bereits erwähnten Ludwigshafen künftig Lena Odenthal ohne Mario Kopper ermitteln soll, was dessen Darsteller Andreas Hoppe möglicherweise gar nicht so super findet wie der SWR.

Soweit also die bewegte Ausgangslage für die aktuelle Episode aus der Schweiz, wo in dieser Woche kein Rausschmiss und keine Kündigung zu verzeichnen waren, wo es aber auch regelmäßig kräftig auf die Mütze gibt.

Ein großes Rätsel bleiben auch diesmal die Kommissare

Diesmal wird es politisch in Luzern, Kommissar Flückiger steht gerade auf einem Hotelbalkon, als ein dem Tode geweihter Journalist an ihm vorbei Richtung Boden rauscht. Wie sich bald herausstellt, war der Reporter auf der Suche nach einem angeblichen tschetschenischen Kriegsverbrecher, der in der Schweiz untergetaucht sein soll. Gleichzeitig kommt eine junge Frau mit Schleppern über die Grenze, lernt auf dem Weg von der Autobahnraststätte zu ihrem Bruder nach Luzern erstaunlich schnell erstaunlich gut Deutsch und hat eine Knarre im Rucksack. Denn der gesuchte Kriegsverbrecher hat offenbar auch ihre Mutter auf dem Gewissen.

Die elfte Schweizer Tatort-Episode "Kriegssplitter" (Buch: Stefan Brunner und Lorenz Langenegger, Regie: Tobias Ineichen) ist nicht so schlimm, wie es andere schon waren, ein großes Rätsel bleiben aber auch diesmal die Kommissare. Reto Flückiger, der seit einigen Folgen breit grinsend (weil offenbar verliebt) auf sein Handy schmachtete, zeigt sich diesmal mit seiner verheirateten Gefährtin. Die Liaison liefert zwar einen Grund für seine Anwesenheit beim Fenstersturz im Hotel, bleibt aber sonst - gemessen an der langen Herleitung - seltsam irrelevant. Und Liz Ritschard erklärt während der stockenden Befragungen, in denen es um Tschetschenien, Krieg und Folter geht: "Da bleibt echt nur noch ab nach Sibirien", dicht gefolgt von "da bleibt echt nur noch foltern", wobei sich Letzteres gegen den Kollegen Flückiger richtet. Ironie? Wer weiß das schon. So oder so: Unsinn, wie er im Drehbuch steht.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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Quelle:
SZ vom 04.03.2017
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