Süddeutsche Zeitung

"Tatort" aus Ludwigshafen:Ein Gruselstück, bei dem sich keiner gruselt

Der "Tatort" aus Ludwigshafen will federleicht alle Genre-Grenzen überwinden - und überhebt sich.

Von Holger Gertz

Vor einem Jahr hat der Filmemacher Axel Ranisch den allerersten Impro-Tatort an den Start gebracht. Keine vorgegebenen Dialoge, die Schauspieler mussten improvisieren, und weil die Schauspieler Laiendarsteller waren, ging die Sache nicht gut aus. Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) improvisierte sich durch eine Geschichte, die durch peinlichste Elemente angereichert wurde, zum Beispiel eine Traumsequenz.

Die aktuelle SWR-Episode "Waldlust" ist Ranischs nächste Impro-Variation, diesmal spielen ausschließlich Profis, der Hang zur Peinlichkeit bricht aber wieder durch. Die uralte Schauspielerin Lieselotte Viadot - verkörpert übrigens von der Oma des Regisseurs - schwebt im Wölkchenkostüm durch das uralte Hotel Lorenzhof und gibt Autogramme. Für Ranisch-Superfans gewiss ein Moment der Freude, die Oma spielt bei ihm schließlich öfter mit. Für alle anderen: befremdlich, fast fühlt es sich an, als würde die Greisin ausgestellt.

Das Ludwigshafener Team hat sich zu Teambuilding-Maßnahmen im Lorenzhof einquartiert, unter anderem ist der Abgang des ewigen Assistenten Kopper aufzuarbeiten, der die Kollegen definitiv mehr beschäftigt als das Publikum. "Des Inderned funktionierd ned", erkennt die Sekretärin Edith Keller (Annalena Schmidt), und auch sonst ist der Tagungsort von der Umwelt abgeschnitten. Draußen schneit's, drinnen müssen dem Motivationscoach alle Smartphones ausgehändigt werden. Also ist das Kommissariat den Irren im Lorenzhof ausgeliefert, eine klassische Versuchsanordnung für ein Gruselstück. Aber dann begegnen sich nur Leute im Dunkeln und sagen: "Huch!"

Es gruselt so gar nicht, es gruselt ungefähr so wenig wie im hessischen Versuch "Fürchte dich" vor einem halben Jahr. Im Lorenzhof gibt es vegetarische Kost, angereichert mit Knochen des Homo sapiens sapiens. Da fragt Gerichtsmediziner Peter Becker (Peter Espeloer): "Wo gibt's noch alte Knoche? Biologie-Unnerischt. Kunschtakademie. Alte Geischterbahn. Oder aufm Friedhof." Und so entsteht ein zäher Krimi, der auch noch Horrorfilm sein will, oder Horrorfilmparodie. Denn im Hintergrund jault die singende Säge. Aber dieser Tatort überhebt sich, wenn er sich anmaßt, federleicht alle Genre-Grenzen überwinden zu können.

ARD, Sonntag 20.15 Uhr.

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SZ vom 03.03.2018/doer
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