Süddeutsche Zeitung

SWR-Kultur-Chefin Martina Zöllner:Kämpferin mit Freiheitsdrang

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Als neue Kultur-Chefin des Südwestdeutschen Rundfunks fragt sich Martina Zöllner immer wieder: "Wie viel Kultur geht noch wo?". Wenn sie daran arbeitet, den Regionalitätsbegriff zu modernisieren, hat das auch in der ARD Gewicht.

Claudia Tieschky

Es wäre natürlich Quatsch zu behaupten, Martina Zöllner sei ein Kind des Privatfunks. Aber dort hat für sie vieles angefangen, in den achtziger Jahren. Während ihrer Studienzeit, bei Jobs im Kabelpilotprojekt Berlin. "Da war auf einmal Vieles möglich bei lauter neuen Stadtsenderlein", erinnert sie sich. "In diesem ganzen Dschungel habe ich angefangen, Fernsehjournalismus zu lernen." Seit Anfang Oktober ist Zöllner, 50, Hauptabteilungsleiterin Kultur Fernsehen des Südwestrundfunks (SWR).

Noch als Studentin der Germanistik und Anglistik in Berlin hatte sie zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen gefunden, 1993 bekam sie ein Anstellung beim SWR. Zuletzt war sie in Baden-Baden Redaktionsleiterin Kulturdokumentationen und Dokumentarfilm, und um diese Rolle zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass der SWR beim Dokumentarfilm in der ARD viel Ansehen genießt, auch wenn Etats für Doku-Projekte inzwischen meist nur noch in Koproduktion mehrerer Fernsehanstalten aufzutreiben sind.

Zöllner hat beim SWR Hochwertiges vorangetrieben, zum Beispiel die Dokumentarfilme Bierbichler (als Koproduzent), Brecht - die Kunst zu leben oder Welthauptstadt Germania. Sie versteht sich aber auch auf populäre Formatentwicklungen, daraus werden Schnellkurse für kulturelles Allgemeinwissen mit Titeln wie Nie wieder keine Ahnung.

Zöllner hat sich einen Ruf als Fernseherfinderin erworben, der hinausging über den Wirkkreis in der zweiten Reihe eines Landessenders. ARD-Chefredakteur Thomas Baumann lobt sie als "eine der couragiertesten Kolleginnen", die er kenne: "erfahren, gebildet, verfügt über Kämpferqualitäten. Setzt sich wie eine Löwin für Kulturbelange ein".

Die Anerkennung hat viel mit der ARD-Reihe Deutschland Deine Künstler zu tun. Die bisher gezeigten 21 Folgen (dritte Staffel) gehen auf ein Papier zurück, das Zöllner 2006 schrieb und Baumann schickte.

Wo die beste Oper Deutschlands steht

Durch die Beförderung ist sie nun auch für Wissenschaft und Bildungsprogramme, Schulfernsehen und Kirche zuständig. "Die Gretchenfrage ist natürlich, wie viel Kultur geht noch wo?", sagt sie und weiß, was für eine Aufgabe da auf sie zukommt.

Die Budgets der Sender werden auf absehbare Zeit nicht mehr erhöht werden, eher verringert. Sie glaubt, "dass es eine zentrale Aufgabe ist, in unserem dritten Programm das abzubilden, was hier in dieser Region, im Südwesten Deutschlands, kulturell läuft" und lobt: Die Gegend gelte zwar als Provinz mit sehr viel ländlichem Raum, aber trotzdem sei viel geboten: "Große Pop-Konzerte, wichtige Filmfestivals, große Klassikveranstaltungen, ich würde sagen, die beste Oper Deutschlands ist die Stuttgarter".

Das kann man anders sehen, aber das alles auch zu zeigen "in den Gefäßen, die das Dritte zur Verfügung stellt, so lebendig und reportagig wie möglich, das wäre ein Ziel". Sie weiß, dass ein Fernsehereignis auch dadurch eines wird, dass es als Ausnahme deklariert ist. In der ARD wertet man mit Sonderprogrammierungen zum Beispiel Dokumentarfilme auf, für die es eigentlich keinen guten Regelsendeplatz gibt. Zöllner will solche Programmevents schaffen, "auch für Kultur", und fühlt sich von SWR-Chef Peter Boudgoust "klar ermutigt" in diese Richtung zu denken.

Der Fernsehkarriere hat sich Zöllner aber immer wieder zeitweise entzogen. Sie hat zwei Romane geschrieben (Bleibtreu 2003; Hundert Frauen 2009) und als sie 2008 privat für ein Jahr nach Israel ging, hat sie ihr damaliger Chef Egon Mayer, dem sie nun im Oktober nachfolgte, mit einer gewissen Sympathie ziehen lassen. Sie hat sich also womöglich eine Freiheit erhalten, und es wird auch diese Haltung sein, die sie beim SWR anwenden wird. Als Kulturchefin muss sie eine Haltung entwickeln zu dem Dilemma, vor dem die Dritten ARD-Programme generell stehen.

Seit die Digitalisierung dafür sorgt, dass alle Dritten bundesweit empfangbar sind, ist die Wiedererkennung für das Profil eines Senders wichtiger denn je. Das Problem daran ist der kurze Weg von Regionalität zu Provinzialität. Schreiend schlechte Sendungen in den dritten Programmen gibt es zuhauf, der Drall ins Kleine bringt nicht zwingend Verbesserung. Aber er kann überraschen, wenn er mit den Möglichkeiten des Fernsehens spielt: Das zeigte der Bayerische Rundfunk (BR) mit seiner Bayernsoap Dahoam is dahoam oder der Serie Kaiser von Schexing.

Herausforderung Internet

Beim SWR fielen einige Filme der Dokumentarreihe zum Thema Heimat auf (etwa Die Kinder von der Stohrenschule), die im Januar 2009 startete. Und die SWR-Kooperation in der Reihe Junger Dokumentarfilm mit der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg bringt bei weitem nicht nur, aber oft eben auch, Autorenfilme aus der Welt vor der Tür.

Fernseh-Regionalität, sagt Zöllner, sei manchmal "auf eine ungute Weise das, was man früher affirmativ genannt hätte". Man arbeitet im SWR sehr daran, den Regionalitätsbegriff zu modernisieren.

Die alte Fernsehwelt kracht ohnehin gerade gewaltig zusammen, und Martina Zöllner ("ich bin ja noch ein Kind des analogen Zeitalters") nennt folgerichtig als größte Herausforderung das Internet, das sie beschäftigt, weil es so vieles verändert im Konsum von Fernsehen. Also in der Art, wie Leute an die Programme überhaupt herangehen.

Sie will jetzt Möglichkeiten ausloten: Wo werden die SWR-Programme gesehen und auf welchem Weg? Wenn immer weniger linear geschieht, was heißt das für die Programme? Wie platziert man Programme dort, wo sie möglicherweise gesehen werden, in sozialen Netzwerken zum Beispiel, und dort von Leuten, "die unser Drittes oder überhaupt Fernsehen gar nicht mehr schauen". Die Frage ist auch, wo es sinnvoll ist, Projekte im Internet zu ergänzen (das SWR-Schulfernsehen ist da relativ weit) und wo nicht?

SWR-Chef Boudgoust hat wie inzwischen in nahezu allen Funkhäusern die Vorgabe gemacht, dass die Zukunft trimedial sein müsse, dass Fernsehen, Hörfunk und Internet irgendwann nicht mehr drei Organisationsbereiche sein werden, sondern nur noch Ausspielwege. Wie in anderen ARD-Sendern beginnt man, über die künftige Sinnhaftigkeit einer Trennung zwischen Fernseh- oder Hörfunkdirektor nachzudenken. Trimedialität bedeute, sagt Zöllner, "dass die Strukturen unseres Senders sich auf lange Sicht grundlegend ändern müssen".

Eine Kultur-Errungenschaft des SWR ist dagegen so ganz und gar konventionell, dass sie schon wieder auffällt: Literatur im Foyer, moderiert abwechselnd von Thea Dorn und Felicitas von Lovenberg, ist eine Gesprächssendung am Tisch mit Gästen, Publikum und Büchern, und so etwas muss man sich erst einmal leisten, während andere wild an Literatursendungen herumformatieren.

Das ist ein Fernsehen, das es eigentlich bald nicht mehr geben dürfte. Deshalb, sagt Zöllner, sei es heute eine "Schutzzone".

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Quelle:
SZ vom 27.12.2011/cag
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