Süddeutsche Zeitung

Solidaritäts-Anzeige:Lieberberg über Naidoo und den ESC: "Erschüttert über die Heuchelei"

Viele Prominente haben sich in einer Zeitungsanzeige mit Xavier Naidoo solidarisiert - auf Initiative des Konzertveranstalters Marek Lieberberg. Ein Gespräch über den Künstler, die Kritik und die Versäumnisse der ARD.

Marek Lieberberg, 69, ist einer der größten deutschen Konzertveranstalter. Er arbeitet seit mehr als 20 Jahren mit Xavier Naidoo. Nach der Ausladung des Sängers vom Eurovision Song Contest (ESC) schaltete Lieberberg in der Samstags-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Anzeige mit dem Titel "Menschen für Xavier Naidoo", auf der 121 Menschen Unterstützung für Naidoo signalisierten, unter ihnen Mario Adorf, Til Schweiger, Jan Josef Liefers, Jan Delay und Andreas Gabalier.

SZ: Wie ist die Idee zu der Anzeige entstanden?

Lieberberg: Ich habe die ganze Geschichte aus der Nähe mitbekommen. Und ich war wirklich erschüttert über die Heuchelei, die Hetze und den blinden Hass, die da aufkamen. Nachdem es dann am vergangenen Wochenende eskalierte, hatte ich am Montag die Idee mit der Anzeige, die ganz bewusst nicht polemisch gehalten ist. Binnen kurzem gingen zahlreiche Reaktionen auf ein Schreiben von mir ein.

In Medienberichten heißt es, die Anzeige habe 70.000 Euro gekostet. War es die Sache wert?

Die Summe ist völlig falsch. Das hat nicht mal die Hälfte gekostet. Es ging auch mitnichten darum, Promotion für Xavier Naidoo oder unser Unternehmen zu machen. Dafür wäre das Feuilleton der FAZ der falsche Platz. Im Übrigen hat Xavier das gar nicht nötig. Er zählt zu den vier, fünf populärsten Künstlern des Landes. Mir ging es einfach darum, dass die deutsche Kulturszene ein Zeichen für Toleranz setzt. Ganz wichtig finde ich übrigens auch das Statement, das Herbert Grönemeyer auf seine Facebookseite gestellt hat: dass wir keine "Gesinnungspolizei" brauchen.

Die Frage, wie tolerant und weltoffen Naidoo selbst ist, wird aber heftig diskutiert. Es gab den umstrittenen Auftritt bei den sogenannten "Reichsbürgern" in Berlin und Songtexte, in denen er von "Baron Totschild" oder über seine Fantasien singt, wie mit Kinderschändern umzugehen sei.

Ich kenne Xavier seit mehr als 20 Jahren. Wir arbeiten nicht nur zusammen, sondern sind auch privat befreundet. Deshalb weiß ich sehr gut um seine Toleranz und um sein Eintreten für Menschen in Not. Ja, sein Auftritt bei den "Reichsbürgern" war sicher ambivalent. Und ja, er hat so manche Vorstellung, mit der ich mich nicht unbedingt anfreunden kann und muss. Aber er unterstützt weder rechte Parteien noch fremdenfeindliche Bewegungen. In der Diskussion wurden einfach auch viele Dinge aus dem Zusammenhang gerissen.

Versuchen Sie, auf sein Denken oder seine öffentlichen Äußerungen einzuwirken?

Ich bin nicht der Lehrmeister meiner Künstler. Wenn ich all deren Texte auf problematische Passagen untersuchen würde, käme ich gar nicht mehr hinterher.

Wie groß ist Ihre Wut auf den NDR?

Ach, was heißt Wut. Ich hätte einfach von der Intendanz etwas mehr Stehvermögen und Zivilcourage erwartet. Jeder weiß doch, dass die Nominierung von Naidoo keine einsame Entscheidung des ARD-Unterhaltungskoordinators Thomas Schreiber war, sondern dass das mit den Verantwortlichen des NDR abgestimmt war. Anstatt Herrn Schreiber allein im Regen stehen zu lassen, hätten die hohen Herren es auf ihre Kappe nehmen müssen.

Halten Sie es für denkbar, dass Naidoo vielleicht doch eines Tages noch beim ESC für Deutschland antritt?

Bloß nicht! Der ESC ist doch ein großes, aufgeblasenes Nichts, ein europäischer Karneval ohne jede Bedeutung für die Musikwelt. Da hat seit Jahrzehnten kein relevanter Künstler mehr teilgenommen.

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