Süddeutsche Zeitung

Rhetorik-Check des TV-Duells:Mit der Frechheit zur Banalität

Merkel liefert im TV-Duell einen rhetorisch ziemlich genialen Satz - und sieht doch streckenweise recht abgekämpft aus. Steinbrück wirkt kundig und engagiert, vor allem in Finanzfragen, klingt dabei aber wie "Börse im Ersten". Und bei den Moderatoren? Herrscht viel zu viel Hektik. Das TV-Duell im Rhetorik-Check.

Von Johan Schloemann

Der Herausforderer: Peer Steinbrück

Seine Stärken

Steinbrück ist einigermaßen glaubwürdig in dem Bemühen, sich nichts vormachen zu lassen. "Lassen Sie sich nicht einlullen", sagt er recht geschickt zu Beginn. Und: Bei der CDU gebe es "viele bunte Schachteln im Schaufenster".

In Fragen der sozialen Gerechtigkeit wirkt er (obwohl er früher dafür nicht gerade berühmt war) im Detail kundig und engagiert. Da spricht wenigstens theoretisch ein Kümmerer: Ohne Mindestlohn sind die Niedrigverdiener "die Gelackmeierten". Auf die Frage, ob nicht gegenwärtig große Zufriedenheit in Deutschland herrsche, pariert er treffend: Die Menschen sorgten sich aber um ihre Zukunft.

Am stärksten wirkt seine Vorführung von Hartnäckigkeit: Einmal, als er von der Kontrahentin eine klare Stellungnahme zur Pkw-Maut erzwingt; und zum zweiten Mal, als er seine Haltung zur Steuerflucht der Reichen gegen alle "Leisetreterei" verteidigt.

Seine Schwächen

Steinbrück redet viel zu schnell. Seine Sätze sind bei hohem Tempo mit Themen und komplizierten Begriffen völlig überfrachtet - auch gut informierte Akademiker unter den Zuschauern müssen sich extrem konzentrieren, um ihm folgen zu können. Er sagt "Pflegerinnen und Pfleger" etwa so, wie Erich Honecker "Deutsche Demokratische Republik" sagte.

Bei Finanzfragen wird sein Dilemma exemplarisch deutlich: Da wirkt er zweifellos kompetent, aber er läuft Gefahr, sich wie "Börse im Ersten" anzuhören. Er kann daher die gesamtpolitische Bedeutung der einzelnen Punkte nicht rüberbringen. Bei der Energiepolitik toppt er Merkels "Grundlastversorgung" mit "Überförderungstatbestände" - der Zuschauer versteht kein Wort.

Es heißt immer, Steinbrück werde sich nicht verbiegen und "Kante zeigen". Im Fernsehduell schlägt sich das aber so nieder: Man nimmt ihn als ruppig, angespannt und unfreundlich wahr. Er strahlt negative Energie, Pingeligkeit und Arroganz aus. Und sehr wenig Leidenschaft.

Merkel sagt einen ziemlich genialen Satz

Die Kanzlerin: Angela Merkel

Ihre Stärken

Merkel verströmt Souveränität, Ruhe und Selbstbewusstsein. Im Schluss-Statement sagt sie, an die Bürger gerichtet, den einfachen, aber rhetorisch ziemlich genialen Satz: "Sie kennen mich." Das verspricht Verlässlichkeit in schwierigen Zeiten. Es ist vielleicht der wirkungsvollste Satz im ganzen TV-Duell.

Nicht nur mit ihrer längeren Redezeit signalisiert sie: Ich habe das Heft in der Hand. Als Stefan Raab einmal dazwischengehen will, watscht sie ihn ab: "Das möchte ich gerade jetzt erläutern."

Überhaupt das Ich: Merkel ist gut im Versenden sogenannter Ich-Botschaften. Zum Beispiel: "Ich handle nicht erst und denke dann nach, ich mache das umgekehrt." Oder: "Ich sage: Eine Koalition muss dem Land dienen, nicht der Partei." Oder: "Ich habe entschieden" - als es um den Atomausstieg geht.

Merkel nutzt den Amtsbonus - und sie besitzt die Frechheit zur beruhigenden Banalität. Auf die Frage nach den künftigen Finanzierungsproblemen im Gesundheitswesen antwortet sie, man könne auf dieses doch "insgesamt stolz sein". Auf Versäumnisse beim Schuldenabbau hingewiesen, heißt es: "Da muss wirklich gearbeitet werden." Selbst die Brutalität der "Eigenverantwortung" der südlichen Euro-Länder klingt da irgendwie noch ganz nett.

Gerade mit ihrer gezielten Unverbindlichkeit erscheint Merkel nicht bloß souveräner, sondern einfacher, direkter und - im Vergleich - auch viel sympathischer.

Ihre Schwächen

Merkels Pluspunkte sind leider nur relativer Natur. Ein rednerisches Feuerwerk hat sie auch nicht gerade abgeliefert. Ihr Witz, den sie ja hat, blitzte selten auf. Sie sah streckenweise recht abgekämpft aus - nach Arbeitssieg eben. Ihre Inhaltsleere grenzt gelegentlich ans demokratisch Skandalöse, woran aber auch die Journalisten nicht ganz unbeteiligt sind.

Die Moderatoren unternehmen nervige Störversuche

Die vier Moderatoren: Illner, Will, Klöppel und Raab

Ihre Stärken:

Stefan Raab tat gar nicht weh, er war sogar ein belebendes Element. Er blödelte kaum herum, sondern vertrat auf unterhaltsame Weise den Common Sense.

Ihre Schwächen:

Die Konstruktion dieser 4+2-Verhandlungen war, ist und bleibt Unsinn. Es hat auch diesmal nicht funktioniert. Es fehlt jede Konsistenz in der Gesprächsführung. Angela Merkel sagte einmal in dem Duell: "Wir müssen das jetzt erst mal ordnen." Und da hat sie recht, denn die vier Moderatoren tun es nicht.

Es herrscht viel zu viel Hektik und Durcheinander. Warum nicht mal eine halbe Stunde beim Thema Euro-Rettung bleiben - und wirklich verständlich über Positionen und Probleme reden? Durch ihre Sprunghaftigkeit und Überbevölkerung aber kommt es, dass die Moderatorenseite nervige Störversuche mit notwendigen Nachfragen verwechselt. Wird hier ein Programm Manöver nach Manöver abgearbeitet, oder geht es um politische Inhalte? So gelingt es jedenfalls nicht, komplizierte, aber wichtige Themen bürgernah zu erklären - ein Fehler, den man gerne den Politikern vorwirft, für den das journalistische Starquartett dieses Abends aber mindestens ebenso verantwortlich ist.

Fazit

Es war keine Sternstunde der demokratischen Debatte - für die das Fernsehen durchaus geeignet sein kann. Steinbrück hat sich wacker geschlagen, sah aber doch gegenüber Merkel zu kleinlich und miesepetrig aus. Es ist daher unwahrscheinlich, dass seine Angriffe beim TV-Duell der Kanzlerin groß schaden werden. Diese hatte das letzte Wort und wünschte allen noch "einen schönen Abend". Das ist beunruhigend harmlos angesichts der Herausforderungen der Zukunft - es wird aber wohl wieder Erfolg haben.

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