Süddeutsche Zeitung

Podcast von Mithu Sanyal und Jacinta Nandi:Sehnsucht nach Worten

Schriftstellerin Mithu Sanyal spricht in ihrem Podcast mit der Publizistin Jacinta Nandi über eine Sprache, die sie nie gelernt haben.

Von Sonja Zekri

Wie sinnvoll ist ein Podcast über eine ungesprochene Sprache? Sehr sinnvoll, denn über den Verlust lassen sich viele Worte machen. Die Schriftstellerin Mithu Sanyal ("Identitti") und die Publizistin Jacinta Nandi füllen mit einem Gespräch über den Verlust einer Sprache in "Voice Versa", dem Podcast des Goethe-Instituts und des Deutschlandfunk Kultur, fast eine halbe Stunde. Aber eigentlich, und darüber ließe sich noch viel länger reden, beschreiben sie etwas Schlimmeres als den Verlust: den Schmerz und die Trauer über eine Sprache, die sie nie gelernt haben, Bengalisch, die Sprache ihrer Väter.

Nandis Vater, mit dem sie vor dem Umzug nach Berlin in Großbritannien lebte, brachte ihr kein einziges indisches Wort bei. Weil sie eine Tochter und kein Sohn war, vermutete sie anfangs. Dann begriff sie: Er konnte selber nur ein paar Brocken. Es waren die Sixties, London swingte, die Tories schürten Ängste vor Einwanderern. Auf der Straße Bengalisch zu sprechen, war so wenig ratsam wie bengalisches Essen als Pausenmahlzeit in der Schule. "Die Inder mögen die Engländer aus Indien geworfen haben", sagt Mithu Sanyal, "aber die Kinder dieser Inder sprechen lieber Englisch als Bengali." Das sind natürlich jetzt schon wieder irgendwelche Idiosynkrasien von Minderheiten, die vor ein paar Jahren noch so schön still waren. Und die Mehrheit in Deutschland hat doch gerade wirklich andere Sorgen.

Wer hat denn noch den Kopf für wöchentliche wer-weiß-wie-viel-sprachige Podcasts? Für arabische Originalerzählungen über die Angst einer Syrerin vor dem Fahrkartenkontrolleur, weil die Situation sie an Geheimdienstler in Syrien erinnert, wie im ersten Teil von "Voice Versa"? Für vietnamesisch-deutsche Gedanken von Laura Anh Thu Dang über Essen als Verbindung zur Heimat ihrer Eltern in einer der nächsten Folgen? Könnte man sich nicht stattdessen von weißen Mittelschichts-Deutschen ausgiebig was über Corona vorklagen lassen? Logisch könnte man. Könnte man. Machen auch viele. Alle anderen schließen mit "Voice Versa" allerdings ins Jahr 2021 auf.

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