Süddeutsche Zeitung

Olaf Scholz auf Pro Sieben:Wenig Tiefgang mit dem Scholzomat

In einem neuen Interviewformat bei Pro Sieben befragt die frühere Tagesschau-Sprecherin Zervakis SPD-Kanzlerkandidat Scholz mehr zum Persönlichen und Gefühligen. Doch der lässt sich nicht viel entlocken.

Von Holger Gertz

Der Großreporter Georg Stefan Troller ist mal gefragt worden, warum er so wenige Politiker interviewt habe in seiner Karriere. Weil Politiker nicht die Wahrheit sagen können, hat er geantwortet: "Sie können nicht über ihre wahre Motivation jenseits des Politischen reden, also das, was mich interessiert. Sie müssen lügen."

Nun ist Linda Zervakis, bei allem Respekt, noch nicht so legendär wie Troller, aber sie ist doch so etwas wie die neue Hoffnung des Polit-Talks im deutschen Fernsehen, immerhin hat sie unter großer öffentlicher Anteilnahme ihren Job bei der Tagesschau aufgegeben, um bei Pro Sieben nun journalistischer zu arbeiten und die Wahrheit hervorzulocken aus Politikern.

Wenn's im Maschinenraum des Lebens einen Weltgeist gibt, hat der im Fall Zervakis gleich mal sämtliche Regler maximal nach oben gedreht, denn zu ihrer Premiere der neuen Interviewreihe "Pro Sieben Spezial" hat er ihr den Scholzomaten gegenüberstellt.

So wurde Olaf Scholz früher genannt, als er noch SPD-Generalsekretär war und trockenste Politphrasen ausspuckte. Scholz fand es übrigens "sehr treffend", Scholzomat genannt worden zu sein, er hat sich auch mit dem schlumpfigen Grinsen arrangiert, das Markus Söder bei ihm diagnostiziert hat. Wer sich eine derartige Schmerzunempfindlichkeit antrainiert hat, dem ist nur mit schwererem Gerät beizukommen.

Eine Dreiviertelstunde Gespräch also mit dem Kanzlerkandidaten und Stanzenkaiser Scholz, es sollte spürbar keine Schmuserunde werden wie neulich beim missglückten Experiment mit Annalena Baerbock - und diese Vorgabe haben Zervakis und ihr Co-Interviewer Louis Klamroth erfüllt.

Der Rest war nicht Schweigen, sondern Reden - doch worüber? Über alles und nichts, von Israel über Wirecard, von G20 übers CO2-Budget und Billigflüge, alles kurz angerissen, wenig vertieft. Eine Nummernrevue, die auch noch aufgelockert wurde durch Ja- oder Nein-Fragen und Entweder-Oder-Spielereien, aus denen der Mediensupervollprofi Scholz komplett unberührt hervorging, weil er im Zweifel weder ja noch nein sagte. Bei entweder oder kommt man eh billiger weg.

"Bratwurst oder Grillgemüse", fragte also Linda Zervakis, zuständig fürs Persönliche, Gefühlige in diesem Interview.

Kollege Klamroth hatte bei n-tv eine Interviewsendung, "Klamroths Konter", und schon der Name verrät, dass er sich selbst recht wichtig nimmt und seinen Job recht sportlich: Im Fußball ist der Konter ein schneller Gegenangriff. Leider setzte Klamroth aber permanent übermotiviert nach ("Das haben wir verstanden, Herr Scholz"), wobei er Scholz trotzdem wenig entlockte. Klamroths Nachfassen wirkte wie Pose, er wollte Zahlen sehen, die der Scholzomat nicht ausspuckte, und als Scholz dann doch sagte, Billigflüge sollten nicht weniger kosten als 50 Euro, sah der heiß gelaufene Klamroth die Zahl vor lauter Nummern nicht.

"Die Schulen sind im Wechselunterricht, der funktioniert so lalilala", sagte irgendwann Louis Klamroth. Am Montag dürfen die beiden Armin Laschet ins Gebet nehmen, der funktioniert auch so lalilala. Für Linda Zervakis, den Königinnen-Transfer von ProSieben, dann bitte unbedingt: mehr Raum.

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