Süddeutsche Zeitung

Medienlandschaft:Vom Ende der Tageszeitungen

Der wirtschaftliche Druck auf Tageszeitungen wird in Deutschland immer größer, vor allem in Lokalredaktionen wird gespart. Doch wer berichtet, wenn Redaktionen immer kleiner oder gar geschlossen werden?

Von Simon Groß

Thomas Engelhardt kommt auch jetzt noch mit dem Fahrrad in die Redaktion gefahren. Bedenken, sich dort mit dem Coronavirus anzustecken, hat er nicht: "Die Zahl der sozialen Kontakte hält sich in Grenzen. Das ist sowieso wie im Home-Office." Nur eine Sekretärin arbeitet vormittags noch in dem Dreizimmerbüro. Sie koordiniert Termine, empfängt Anrufe und Besucher, Dinge, für die der 54-Jährige keine Zeit hat. Engelhardt ist der einzige verbliebene Redakteur der Lausitzer Rundschau in Guben. Die Kleinstadt liegt in der Niederlausitz im Südosten Brandenburgs, gleich an der Neiße, die hier die deutsch-polnische Grenze markiert.

Vor Jahren schon ist die Lokalredaktion vom Obergeschoss ins kleinere Erdgeschoss umgezogen, wo früher das Anzeigengeschäft abgewickelt wurde. Dass Engelhardt hier die meiste Zeit alleine sitzt, hat nichts mit der Pandemie zu tun, sondern vielmehr mit der allgemeinen wirtschaftlichen Situation deutscher Tageszeitungen. Den Zahlen des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) zufolge sinken die Auflagen seit drei Jahrzehnten kontinuierlich. Von Jahr zu Jahr sind es nur zwei, drei Prozent weniger, in der Summe aber entfaltet sich eine Wucht: Verkauften die Verlage Anfang der Neunzigerjahre noch gut 27 Millionen Tageszeitungen, so waren es 2018 nur noch 14 Millionen, rund die Hälfte davon. Im Fall der Lausitzer Rundschau ist der Rückgang noch eklatanter: Sie verlor im gleichen Zeitraum gut zwei Drittel ihrer Auflage, fiel von 230 000 auf 65 000 verkaufte Exemplare heute. Zwar weiten die Zeitungen ihr Onlineangebot aus, die sinkenden Abonnementzahlen und Anzeigenerlöse können sie damit aber nicht kompensieren, Einsparungen sind unausweichlich.

"Man muss aufpassen, dass man nicht verrückt wird. Ich schweige hier die Wand an", sagt Engelhardt. Sein Kollege wurde vergangenen September in die Zentrale der Lausitzer Rundschau nach Cottbus abgezogen. Er fehlt ihm als Gesprächspartner, als jemand, den er mal nach einer passenden Formulierung fragen kann - und als Arbeitskraft. Eine Seite täglich muss er jetzt fast alleine füllen und an manchen Tagen noch ein bisschen mehr, schließlich gibt es auch eine Wochenendausgabe. Eine freie Mitarbeiterin liefert ihm das eine oder andere Stück dazu. "Die hat aber auch noch einen vernünftigen Job", sagt Engelhardt und lacht ins Telefon.

Noch zu DDR-Zeiten absolvierte er in Dresden ein Lehrer-Studium. Eigentlich wollte der gebürtige Gubener schon damals Journalist werden, doch dafür hätte er in die Partei eintreten müssen, und das wollte er nicht. Nach der Wende begann er dann für die Lausitzer Rundschau in seinem Heimatort zu schreiben. Drei Redakteure, ein Volontär und er produzierten täglich drei Seiten Lokales und manchmal noch eine vierte Seite Sport. "Es war vielfältiger und bestimmt auch kritischer", erinnert sich Engelhardt an seine Anfangszeit. Lange ist das her. Heute muss er sich gut überlegen, auf welche Veranstaltung er geht. Und manchmal müssen auch eine Pressemitteilung und ein kurzer Anruf für einen Artikel reichen. Vieles sei ohnehin reine Darstellung, er sehe sich eher als Chronist. "Die große Recherche zu machen, wenn man jeden Tag eine Seite füllen muss, ist nicht möglich." Was hat das für Auswirkungen auf den Journalismus? Wer berichtet, wenn Redaktionen immer kleiner werden oder gar schließen?

Regionen, in denen gar keine Berichterstattung mehr stattfindet, gebe es nicht - zumindest noch nicht, sagt einer, der es wissen muss. Horst Röper hat seit den Achtzigerjahren die deutsche Zeitungslandschaft erforscht. "Zeitungssterben, so wie wir es aus den USA oder Großbritannien kennen, das trifft auf Deutschland nicht zu", sagt Röper. Hierzulande können sich die meisten Tageszeitungen bis jetzt irgendwie halten. Doch der Preis dafür ist hoch. Gerade im Lokaljournalismus: Redaktionen werden schrittweise verkleinert, zusammengelegt oder geschlossen. Oft bleiben die Zeitungstitel als Hülle erhalten, der Inhalt stammt aber nicht mehr aus eigener Feder.

In Dortmund übernehmen Westdeutsche Allgemeine und Westfälische Rundschau den Lokalteil der Ruhrnachrichten, in Düsseldorf unterhält nur noch die Rheinische Post eine echte Lokalredaktion; Westdeutsche Zeitung und Neue Ruhrzeitung bedienen sich bei ihr. Die alten Titel betreiben kleine "Alibi-Redaktionen", wie Röper sie nennt, die bloß noch Layout, Überschrift und Gewichtung der Stücke verändern und nur selten eigene Texte produzieren. Und auch die überregionale Berichterstattung vereinheitlicht sich zunehmend. Die beiden großen Mediengruppen Dumont und Madsack haben vor zwei Jahren eine gemeinsame Hauptstadtredaktion für Politik und Wirtschaft gegründet, von der aus sie mehr als 50 Zeitungen beliefern. "Kooperation statt Konkurrenz, das ist heute der Trend", sagt Röper. Es ist dabei nicht zu überhören, dass ihm das nicht gefällt.

Die Lausitzer Rundschau hat vieles davon hinter sich. Redaktionen wurden verkleinert, Arbeitsabläufe zentralisiert: Mittlerweile sitzen meist nur noch zwei bis drei Reporter in den Lokalredaktionen. Sie schreiben ihre Texte online, die Blattmacher bauen dann die Zeitung in Cottbus zusammen. Kooperationen mit anderen Zeitungen sind in Südbrandenburg nicht möglich, da die Lausitzer Rundschau dort die einzige Tageszeitung ist.

Dafür bekommt sie die überregionalen Seiten zu Wirtschaft und Kultur sowie die Seite für Brandenburg nun in aller Regel von der benachbarten Märkischen Oderzeitung aus Frankfurt an der Oder, von deren Verlag sie 2018 übernommen wurde. Politik-Inhalte stammen aus einer gemeinsamen Berliner Redaktion, die laut Chefredakteur Oliver Haustein-Teßmer auch die Märkische Oderzeitung sowie die Südwest Presse in Ulm beliefert.

Dass die Lausitzer Rundschau die Brandenburg-Seite meist aus Frankfurt übernimmt, findet Andreas Oppermann bedauerlich. Er ist Redaktionsleiter des RBB-Studios in Frankfurt (Oder) und hat für beide Zeitungen gearbeitet. Fragt man ihn nach der Zukunft der Tageszeitungen in Brandenburg, atmet er erst einmal tief durch. "Positives gibt es nicht sonderlich viel", sagt der 52-Jährige. Viele Journalisten würden bei der nächstbesten Gelegenheit in Pressestellen wechseln, es gebe einen massiven "Brain-drain". Mit anderen Worten: Der Journalismus verliert seine Talente an Rathäuser, die immer hochwertigere Gemeindeblätter herausgeben. Dort verschwimmt die Grenze zwischen PR und Journalismus. "Im Amtsblatt steht eben nicht, wenn der Bürgermeister Mist baut, ein Förderprogramm verschlafen wurde, Personal abgebaut wird oder der Schulentwicklungsplan hinterherhinkt", sagt Oppermann.

Dörthe Ziemer hat vor drei Jahren die Seiten gewechselt. Früher war sie Journalistin, heute ist sie Pressesprecherin von Lübben, einer kleinen Stadt im Spreewald, südöstlich von Berlin. Begonnen hat sie ihre Karriere als Volontärin bei der Lausitzer Rundschau, 2003 war das. Sie gehörte zu den ersten, die von der Zeitung nicht mehr übernommen wurden. Lange arbeitete sie als freie Journalistin. Den Berufswechsel bereut sie nicht: "Man hat das Gefühl, es gibt wachsende Aufgaben, es geht voran. Beim Lokaljournalismus hingegen fragt man sich: Wohin geht die Reise?" Ziemer ist oft unzufrieden mit der Berichterstattung der Lausitzer Rundschau: Diskussionen würden bloß wiedergegeben, Positionen zu selten hinterfragt, oft fehlten Informationen, und immer wieder komme es auch zu Fehlern, die nicht korrigiert würden. Außerdem erreiche man über die Zeitung sowieso nur noch die Älteren. Deshalb berichtet Ziemer einmal im Monat selbst im Stadtanzeiger, wie das Stadtparlament über die Beschaffung eines Löschfahrzeugs diskutiert oder wie weit die Planung neuer Geh- und Radwege gediehen ist - Beiträge, die so oder ähnlich auch in der Zeitung stehen könnten. Vor zwei Jahren hatte der Bundesgerichtshof entschieden, dass Kommunen kein Blatt herausgeben dürfen, "wenn dieses presseähnlich aufgemacht ist und redaktionelle Beiträge enthält". Das Gericht begründete sein Urteil mit dem Gebot der Staatsferne der Presse. Ziemer sieht in ihrem Stadtanzeiger keine Konkurrenz zur Tageszeitung. Die Zeitung sei zwar kein Gatekeeper mehr, entscheidet also nicht mehr darüber, was in die Öffentlichkeit gelangt. Die gesellschaftliche Wächterfunktion liege aber immer noch bei den Medien.

Wie sehr kann eine einzelne Person die Wächterfunktion ausüben? Thomas Engelhardt wiederholt die Frage an ihn laut und hängt ein nachdenkliches "Mh" ans Ende. Vielleicht ist das auch die falsche Frage. Ob er sich vorstellen könne, das dauerhaft zu machen? Das sei schwierig, vielleicht sei es auch einfach eine Frage der Gewohnheit. Engelhardt rechnet nach: "Ich bin jetzt 54. Bis 67 sind es noch 13 Jahre, da kann noch einiges passieren." Es habe auch mal die Idee gegeben, die Redaktion mit einer anderen zusammenzulegen, um sich die Miete fürs Büro zu sparen. Doch das sei wohl nicht mehr aktuell, und irgendwer müsse ja auch die Geschichten aus der Stadt erzählen. Gerade jetzt in Zeiten von Corona könne niemand wirklich wissen, was kommt. Nur bei einer Sache ist Engelhardt sich sicher. "Ich gehe davon aus, dass die gedruckte Zeitung irgendwann nicht mehr existiert."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass "die Lausitz in Brandenburg keine eigene Stimme mehr hat". Diese Textpassage wurde in Bezug auf die Übernahme der Brandenburg-Seite der "Märkischen Oderzeitung" durch die "Lausitzer Rundschau" und hinsichtlich der Kommentierung landespolitischer Vorgänge konkretisiert.

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SZ vom 02.05.2020/sigr/sbeh
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