Süddeutsche Zeitung

Lustiges Taschenbuch zum "Tatort":Klarer Fall von Nasenverknubbelung

Die Verlegung des ARD-"Tatorts" nach Entenhausen ist das gelungenste Crossover in der Popkultur seit der Playmobilwerdung des Martin Luther.

Von Holger Gertz

Wie Tatort-Fans wissen, ist in ihrer Lieblings-Serie längst das Zeitalter der Experimente angebrochen. Neulich ermittelten Thiel und Boerne sogar in der Vorhölle, und gemessen daran ist der folgende Plot gar nicht so unglaubwürdig: Sämtliche Tatort-Kommissare und -Kommissarinnen werden zu einer fingierten Feier ins "Hotel de Luxe" eingeladen, dann fliegen - rumms! - alle Hoteltüren zu, die Ermittler sitzen fest, und die Stadt kann geplündert werden. Könnte erfunden worden sein vom Chef-Experimentator Axel Ranisch, dessen Improvisations-Stück "Babbeldasch" unter Kennern als schlechteste Episode aller Zeiten geführt wird. Ist aber eine Geschichte aus dem neuesten "Lustigen Taschenbuch" von Walt Disney, das die Festwochen zum bevorstehenden 50. Geburtstag des ARD-Tatorts einleitet. "Zurück am Tatort Entenhausen": Auf dem Umschlag des Taschenbuchs sind nicht die Männeraugen aus dem Fernsehvorspann, sondern Entenaugen. Eine schöne Idee.

In Entenhausen ermittelt Donald Duck gemeinsam mit Kommissar Schimauski, die beiden haben schon vor Jahren im "Tatort Entenhausen" zusammengearbeitet, aber das Duo hat sich noch immer nicht richtig gefunden, genau wie im echten Tatort-Leben das Duo Faber/Bönisch in Dortmund, das sich nach 16 Fällen noch immer nicht richtig gefunden hat. In Entenhauen also macht das Schwarze Phantom gemeinsame Sache mit den Panzerknackern, eine Fernbedienung muss herbeigeschafft werden, eine Tasse poltert - krach, splitter! - im genau richtigen Moment zu Boden, im Hotel springt die Sprinkleranlage an.

Wie man an dieser Stelle in der Tatort-Kolumne schreiben würde: ein bisschen überladen. Aber die gezeichneten Kommissare sind gut getroffen, besonders Lena Odenthal und die weißgrauen Watteköpfe Batic/Leitmayr. Und der Comic-Professor Boerne schwallert das gleiche (und womöglich sogar dasselbe) blasierte Zeug wie der wahrhaftige: "Die Entenhausener halten doch eine Duxelles für einen Adelstitel statt für eine Pilzfarce."

Im Lustigen Taschenbuch sind noch andere vielversprechende Geschichten, "die wippschwänzige Wirrschopf-Schnepfe" zum Beispiel, aber das Tatort-Stück ist das charmanteste. Dass eine Comicserie einer Fernsehserie zum Fünfzigsten ein Denkmal setzt, ist ein starkes Crossover. Mindestens so bemerkenswert wie damals, als der Reformator Martin Luther als Playmobilmännchen neu herausgebracht wurde.

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