Süddeutsche Zeitung

"Hart aber fair":"Wahnsinn" und Technokraten-Bla

Wie sehr leiden Kinder und Jugendliche in der Pandemie? Bei "Hart aber fair" bekommt eine 19-jährige Schülerin, die sich um ihre vier Geschwister kümmert, viel Applaus. Und eine Ministerin hat kaum konkrete Ideen.

Von Julia Werner

Lässt Deutschland die Familien im Stich? Lautete die Frage bei "Hart aber fair", wo es diesmal nicht hart, sondern nur fair zuging, weil endlich mal nicht über die überforderten Altbauwohnungseltern geredet wurde. Sondern über die Kinder. Dass es ihnen nach mehr als einem Jahr Pandemiemaßnahmen nicht gut geht, darüber herrschte Einigkeit, die für eine Talkshow kontraproduktiv ist. Andererseits war es höchste Zeit für ein bisschen Lobbyarbeit für die Schwächsten der Gesellschaft, also die ohne Wählerstimme. Welten können natürlich auch auf sehr zivilisierte Art aufeinanderknallen.

Die anwesenden Lobbyisten: das Parade-Exemplar der modernen Mutter, "Brisant"-Moderatorin Mareile Höppner, der aufgebrachte Ortsbürgermeister, Rechtsanwalt und vierfache Vater Thorsten Frühmark, der Soziologie-Professor am Institut für Migrationsforschung an der Uni Osnabrück, Aladin El-Mafaalani, die Kinderärztin Susanne Epplée.

Und auch dabei: die Bundesministerin für Bildung, Anja Karliczek (CDU). Sie nickt bei jedem Beitrag verständnisvoll. Und antwortet auf Frank Plasbergs Emo-Fragen (Vokabular: Opfer, Seelenschaden, Homeschooling gleich Noschooling) mit einer Mischung aus sanftem Ich-wars-nicht-Ton und Technokraten-Bla. Aufholprogramme. Vorhandene Strukturen, die man nutzen muss. Fürsorgepflicht. Solche Sachen.

Es werden alle möglichen Missstände diskutiert: das Gewese um die Lüftungsanlagen in Schulen. Das Engagement der Eltern und die Steine, die ihnen wegen "Dienststandards" (Karliczek) in den Weg gelegt werden. Obwohl jene doch sonst in deutschen Schultoiletten gar nicht eingehalten werden (El-Mafaalani). Die Tatsache, dass es in Schulen Test-, Masken- und bei Bedarf Homeschooling-Pflicht gibt, in Betrieben aber nicht. Frühmark regt sich in sympathischer Vatermanier darüber auf, dass der Staat nicht in der Lage sei, die Schulen im Jahr 2021 für Kinder sicher zu machen. Höppner spricht vom Spagat zwischen Präsenz im Job und Homeschooling. Das kontrastiert stark mit den Nöten der Kinder, für die der Soziologe an diesem Abend spricht.

Höppner redet von ausgefallenen Abschlussfahrten, El-Mafaalani von ausgefallenen warmen Mahlzeiten. Ein Jahr keine Organisation von Kindheit und Jugend, das entspreche im Gehirn eines kleinen Kindes einer Zeitspanne von fünf bis zehn Jahren. Kinder mit Migrationshintergrund hätten teilweise die deutsche Sprache wieder verlernt. Viele Dinge könne man nur mit Gleichaltrigen in der Interaktion lernen, Selbstbewusstsein zum Beispiel, Motorik. Außerdem gebe es Eltern, die sucht- oder psychisch krank und damit gar nicht in der Lage seien, sich um ihre Kinder zu kümmern. Kurz: Es werde Defizite geben, und für den Ausgleich selbiger sei das deutsche Schulsystem international nicht gerade bekannt.

"Ein halber Kilometer Familien mit Leid"

Die Ärztin Epplée liefert ebenso erschreckende Einblicke in das sozialpädiatrische Zentrum in Hamburg, das sie leitet: Waren im vergangenen Jahr nur 50 Kinder auf der Warteliste, seien es jetzt 400, in einer Schlange seien das "ein halber Kilometer Familien mit Leid". Die Symptome: Stress, Bauchweh, Kopfweh, Konzentrationsstörungen, außerdem behinderte Kinder, deren Fehlstellungen wegen Corona-Regeln monatelang nicht therapiert wurden. Sie berichtet von Übergewicht (Extrembeispiel: ein vierjähriges Kind, das sein Gewicht auf 39 Kilo beinahe verdoppelte) und den damit verbundenen Gesundheitsrisiken. Klar, dass das in guten Gegenden eher nicht passiert: Mareile Höppner zwingt ihren Sohn manchmal zum Joggen. Dass uns die hohen Inzidenzzahlen in prekären Vierteln plötzlich so stark interessierten, liege vor allem daran, dass sie jetzt eben zu Ausgangssperren führten, konstatiert der Soziologie-Professor später trocken.

Während die To-do-Liste für die Politik also immer länger wird, und während man gerade denkt, dass hier ausgerechnet die, um die es geht, mal wieder nicht zu Wort kommen - kommt Hanan.

"Wahnsinn! Toll!"

Hanan ist 19, mit ihrer Familie vor fünf Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen und kümmert sich tagsüber, neben ihrer eigenen Ausbildung, um ihre vier Geschwister. Fünf Kinder, zwei Tablets und ein Handy - vier Mal Schulunterricht plus Kleinkindbetreuung, alles gleichzeitig. Wenn das Internet sich nicht aufhängt. Hanan berichtet von ihrer Mutter, die kein Deutsch spricht, und ihrem Vater, der morgens um sechs das Haus verlässt, um zu arbeiten. Sie träumt davon, Abi zu machen und Medizin zu studieren, und Plasberg wird jetzt ein bisschen rührselig und fragt sie, ob sie ihren Traum zugunsten ihrer Geschwister hintenanstellen würde, was sie nicht ganz versteht, weswegen sie davon redet, dass ihre Geschwister auch bald ihre Träume verfolgen werden. Es ist der heftigste Zusammenprall des Abends: Die sich durchkämpfende Hanan - und die wohlmeinenden Talkshowgäste mit pastellfarbenen Jacken und geföhnten Haaren, die jetzt, wie immer in Deutschland, wenn ein Geflüchteter die eigene wackere Geschichte erzählt, sehr gerührt schauen. "Wahnsinn! Toll!" ruft dann auch noch die Ministerin, und alle klatschen.

Bevor man sich fremdschämen kann, wird Frühmark noch mal wach und echauffiert sich darüber, dass man einen Laptop für ein Flüchtlingskind in Deutschland immer noch "durchklagen" müsse. Die junge Frau müsste doch sofort einen Computer kriegen! "Ein wahnsinniges Powermädel! Die ganze Familie profitiert von ihr", begeistert sich die Ministerin wieder und vergisst dabei, eine konkrete Verbesserungsidee zu liefern. Nachhilfeprogramme, vorhandene Strukturen, die man nutzen muss, na ja. Und so ist Frühmark am Ende der Sendung immer noch davon überzeugt, dass die Politik den Schuss nicht gehört habe, und Mareile Höppner immer noch positiv: Man müsse sich jetzt auf die Zukunft ausrichten und aus dem Erlebten lernen. Hanan und ihre Geschwister bringt das indes nicht weiter.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5282438
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/aner/kast
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.