Süddeutsche Zeitung

"Team Wallraff" auf RTL:Gemeinsam ganz unten

Lesezeit: 4 min

Die Undercover-Recherchen von Günter Wallraff sind legendär. Jetzt bringt er RTL-Journalisten seine Methode bei. Erstes Ergebnis: Eine Reportage über die Arbeit als Reinigungskraft im Hotelgeschäft.

Von Bernd Dörries

Nach vielen Tagen auf den Knien, nach vielen Stunden in den Kloschüsseln und Betten fremder Zimmer sagt die Reporterin, sie sei nun "ganz unten". Genau da also, wo Günter Wallraff sie haben wollte, am Boden der Gesellschaft, der für ihn ja ein fester und vertrauter ist.

Es geht also mal wieder ganz nach unten, mit schmerzenden Knien und kaputten Fingern, mit Tränen in den Augen. Die herrschenden Verhältnisse im Kapitalismus als sinnliche Erfahrung.

Das System ist für Wallraff Fluch, aber auch ein klein bisschen Segen, weil es seit Jahrzehnten immer wieder diese Elendsgestalten produziert, die in den Kasten ganz unten stehen, um die Wallraff sich dann kümmern kann. Er war schon fast alles, er war Stahlmalocher, er war bei McDonald's, er heuerte in einer Großbäckerei an und fuhr Pakete aus. Jetzt hat er sich für RTL die Hotelbranche vorgenommen, die teuersten Häuser am Platz. Und diesmal ist Wallraff nicht selbst auf den Boden der Gesellschaft hinabgestiegen, sondern eine RTL-Reporterin. Das liegt zum einen daran, dass Wallraff, der bei manchen Menschen zwar schon als Afrikaner durchging, mit seinen 70 Jahren nur noch schlecht in ein Zimmermädchen zu verwandeln ist, das auch in die Ecken kommt.

Der andere Grund ist die Sorge darum, was nach ihm kommt. "Ich möchte, dass meine Methode Schule macht. Im Ausland habe ich schon etliche Nachfolger gefunden. Im Inland wünsche ich mir mehr", sagt Wallraff in einer kleinen Gartenlaube in Köln. Sie steht hinter dem Haus seiner Eltern, durch den Rasen sieht man noch die Schienen, auf denen der Vater die Klaviere gezogen hat, die er hier baute. In den Regalen stehen die vielen Bücher des Sohnes, der nun auf gewisse Weise einen Erben sucht, für sein Familienunternehmen. Zumindest für seine Methode. Die Tradition soll nicht abreißen.

Deutschland ganz unten

Deshalb ist Team Wallraff - Reporter Undercover auch ein bisschen Journalistenschule. "Meine Hauptangst war immer aufzufliegen", sagt er der jungen Reporterin. Albträume habe er gehabt. Sein Rat: "Durchziehen. Überspielen."

Und so spielt die RTL-Reporterin mit Unterbrechungen acht Monate lang ein Zimmermädchen, in den großen Hotels des Landes. Sie geht auf die Knie, in die Ecken, unters Bett. Sie filmt Zustände. Sie filmt Hoffnungen, die nicht wahr werden. Sie filmt versteckt eine Branche, in der die Zimmer viele Hundert Euro kosten und die von Frauen gereinigt werden, die zumeist aus Osteuropa kommen. Deren Hoffnungen und Träume hier nichts wert sind. Tarifverträge werden umgangen, die Frauen haben das Recht, den Mund zu halten. "Ich bin doch kein Tier", sagt eine Reinigungskraft. Ihre Chefin sieht das wohl anders. "Ich mache dir jeden Tag einen Gefallen, dass du hier arbeitest."

Um die drei Euro bekommen die Frauen pro Zimmer, für das sie in schlechten Fällen eine Stunde brauchen, um es sauber zu machen. Oft kommt das Geld aber auch gar nicht. Die Hotels selbst machen sich nicht die Finger schmutzig, sie beschäftigen Subunternehmer, die wiederum andere Subunternehmer beschäftigen. Die Kette derer, die mitverdienen, ist so lang, dass bei den Frauen oft gar nichts mehr ankommt. Deutschland ganz unten. Zur besten Sendezeit. Und das auf RTL.

Es ist die zweite Zusammenarbeit mit dem Sender, der nicht für sozialkritische Reportagen bekannt war. Wallraff sagt, er habe Bedenken gehabt, sei aber selbst auf RTL zugegangen. "Bei den Öffentlich-Rechtlichen erreiche ich leider zu wenige aus der Zielgruppe unter 50 Jahren. Bei RTL kann ich auch die Jüngeren ansprechen, auf dass sie sich nicht mehr alles gefallen lassen." Nun also auch die Kinder, keiner bleibt verschont von Wallraff und von seinem Blick in die Abgründe.

Entscheidend ist der Skandal

RTL will aus dem Pilotfilm wohl eine Serie machen. Wallraff sagt, das hänge von den Themen ab, preist aber die junge Reporterin. "Das sind Kollegen, die gewerkschaftlich orientiert sind und die was riskieren." Gewerkschaftsnähe hat RTL noch niemand unterstellt.

So oder so, es ist ein guter Film geworden, soweit man das anhand der teilweise unvertonten Version sagen kann, die am Sonntag vorab zu sehen war. Am Rest wurde noch geschnippelt. Wallraff macht sich derweil in der Gartenlaube schon Gedanken, was der Film bewirken wird. "Man erreicht zumindest den anderen Blick", sagt er. Die Leute würden mit anderen Augen ins Hotelzimmer gehen. Das zumindest. Vielleicht würde sich die Politik auch stärker darum kümmern, dass Tarife eingehalten werden, könnte die Staatsanwaltschaft mal ermitteln.

Die aber begann im vergangenen Jahr erstmal gegen Wallraff selbst zu ermitteln, ein ehemaliger Mitarbeiter hatte ihm vorgeworfen, ihm zu wenig gezahlt zu haben. Wallraff hat mit den Jahren eine gewisse Routine entwickelt, gegen all die Angriffe, gegen seine Methode, seine Person. "Es fällt letztlich auf die zurück, die sich auf meine Kosten profilieren wollten."

"Ich will nicht im Mittelpunkt stehen"

Wallraff hat immer Leute aufgenommen in sein Haus, hat Asyl gegeben, ein Zimmer, Aufbauhilfe in ein neues Leben. Zuletzt einem iranischen Sänger, aber auch schon ehemaligen Knackis. Einmal hat er wohl nicht genau hingeschaut, einen Mann als Mitarbeiter eingestellt, der Probleme hatte, der ihn erpresste. Von den Vorwürfen ist offenbar nichts geblieben.

Außer der Diskussion darüber, dass Wallraff nicht immer alles alleine aufschreibe, was er erlebt hat, ohne die Mitarbeit kenntlich zu machen. Das monierte auch das Zeit Magazin, das Wallraff wieder eine große Bühne gab, nachdem er viele Jahre lang nicht sehr präsent gewesen war, auch wegen einer Krankheit. "Im entscheidenden Bereich, da kann mir keiner helfen, da bin ich Darsteller und Regisseur in einer Person", sagt Wallraff.

Ein bisschen was scheint sich aber doch verändert zu haben, seit der Diskussion. Neben das Ich hat sich ein Wir gestellt, wird deutlich sichtbarer. "Ich will nicht im Mittelpunkt stehen", sagt er. "Team Wallraff" heißt das Format bei RTL, zusammen mit anderen hat Wallraff das Projekt Work-Watch gegründet, das sich um die üblen Drückerbranchen kümmern will. Ein Buch soll erscheinen, dessen Erlöse den Betroffenen zugutekommen. So viele Projekte, fast hört es sich nach einem Franchise-System der Marke Wallraff an.

Hören Sie mir auf, sagt Wallraff in seinem Garten. "Die Methode darf nie Selbstzweck sein." Entscheidend sei doch der Missstand, der Skandal, den es aufzudecken gilt. Wallraff hat neue Rollen im Kopf, in die er schlüpfen wird. Rollen, die anstrengend sind, die weh tun. Wallraff sagt, er sei ein schlechter Schüler gewesen, sei nur dann gut, wenn er die Dinge selbst erfahre. "In einer Rolle bin ich oft mehr ich selbst, als wenn wir hier sitzen. Als ein anderer bin ich präsenter und konzentrierter, und kann wie ein Kind alles fragen und in- frage stellen." Kinder lachen vielleicht etwas mehr, aber Wallraff sieht so jung und frisch aus wie lange nicht mehr. Er hat sie gefunden, die Rolle seines Lebens.

Team Wallraff: 21.15 Uhr, RTL

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Quelle:
SZ vom 17.06.2013
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