Süddeutsche Zeitung

Facebook:Frances Haugen im Visier

Laut Recherchen des "Wall Street Journal" versuchte der Facebook-Konzern, die Whistleblowerin Frances Haugen bei Politikern zu diskreditieren.

Von Andrian Kreye

Rufmord ist die wirksamste Methode, um in Politik und Wirtschaft Angriffe abzuwehren. Laut Recherchen des Wall Street Journal hat der Facebook-Konzern genau das versucht, um die Whistleblowerin Frances Haugen in amerikanischen Politkreisen zu diskreditieren. Im Herbst ging Haugen an die Öffentlichkeit. Sie hatte Datensätze aus dem Hauptquartier des Facebook-Konzerns an die Börsenaufsichtsbehörde SEC und Untersuchungsausschüsse des Parlaments weitergeleitet. In Folge hatte auch eine Reihe von Medien (darunter der Rechercheverband Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR) Einblick in die Datensätze, die als "Facebook Files" zunächst im Wall Street Journal analysiert wurden. In ersten Gesprächen mit ihr äußerte sie schon damals die Befürchtung, dass der Konzern versuchen würde, sie zu diskreditieren. Anfang Oktober gab sie ihre Identität in Gesprächen mit der US-Nachrichtensendung "60 Minutes" und der Süddeutschen Zeitung, dem NDR und dem WDR preis.

Wie aus den Recherchen des Wall Street Journal nun bekannt wurde, versuchten Lobbyisten von Facebook, Parlamentarier und Interessensgruppen zu verunsichern. Zunächst wurde probiert, sie als unbedeutende Angestellte darzustellen, die keinen Zugang zur Entscheidungsebene hatte. Das Narrativ griff nicht, weil ihre Enthüllungen, wie Facebook seine Profite über das Wohl seiner Nutzer stellt, zu dramatisch waren. Die nächste Linie war, sie als Marionette der Demokraten darzustellen. Vor allem ihre Zusammenarbeit mit der PR-Firma Bryson Gillette war da eine offene Flanke, denn die wurde von Bill Burton gegründet, der unter Barack Obama als Vizepressesprecher des Weißen Hauses fungiert hatte.

Das andere Indiz war ihre frühe Zusammenarbeit mit der gemeinnützigen Organisation Whistleblower Aid, die wiederum Spenden von dem Tech-Milliardär und Ebay-Gründer Pierre Omydiar bekommen hatte. Der startete unter anderem die Medienfirma First Look Media und ist für seine linksliberalen Ansichten bekannt. Auch in Gesprächen mit der Süddeutschen Zeitung deuteten Facebook-Mitarbeiter an, dass Frances Haugen politisch und finanziell von Interessensgruppen aus dem Umfeld der Demokraten unterstützt werde.

Haugens Ziel: Eine Gesetzgebung, die Nutzer in aller Welt vor Facebook schützt

Recherchen der SZ ergaben im Oktober, dass sich Haugen zunächst an Whistleblower Aid wandte, allerdings keinen Kontakt zu Omydiar hatte, der in der Organisation auch keine aktive Rolle hat. Um ihren Enthüllungen politische Wirkung zu geben, wandte sie sich in Folge an Bryson Gillette und andere PR-Firmen und Aktivistengruppen mit politischer Erfahrung und Verbindungen. Sodann sprach sie in Washington, London, Berlin und Brüssel vor Ausschüssen und mit Politikern. Ihr eigenes erklärtes Ziel ist es, eine Gesetzgebung in Gang zu bringen, die Facebook einer Regulierung unterwirft, die Nutzer in aller Welt schützt. Inzwischen hat sich der Konzern in Meta umbenannt und angekündigt, den Schwerpunkt der Arbeit von den sozialen Medien auf das sogenannte Metaversum zu verlegen. Der Konzern nahm zu den Recherchen des Wall Street Journal bislang noch keine Stellung.

Eines wurde übrigens nie angezweifelt: die Authentizität ihrer Dokumente.

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