Süddeutsche Zeitung

Casting-Show in Malaysia:Wer wird der neue Super-Imam?

Koranverse rezitieren, Begräbnisse leiten, Schwangere beraten: Im Malaysia kämpfen zehn junge Muslime in einer Casting-Show um eine Stelle als Vorbeter.

Es ist eine Situation, wie sie das Publikum liebt: Syakir soll jetzt reden, seine Gefühle genau beschreiben. Die Kamera hält voll auf sein Gesicht - sofort bricht Syakir die Stimme. Der junge Mann weint kurz und sagt dann artig, dass er seinen Vater und die Familie gerade sehr vermisst. Mit dem Ärmel seines Hemdes wischt sich der 18-Jährige die Tränen ab. Es ist wohl alles etwas zu viel für ihn. Gerade erst hat er eine Leiche waschen und sie nach dem muslimischen Ritus begraben müssen. Mit den anderen Kandidaten hat er sich über den Tod ausgetauscht. Nun also die Tränen, bis der Schnitt Syakir erlöst. Zurück ins Studio.

Dort sitzen die zehn Kandidaten in ihren dunklen Anzügen, den passenden Krawatten und mintfarbenen Hemden. Sie tragen eine traditionelle, muslimische Kopfbedeckung. Das Licht der Scheinwerfer fährt über ihre Gesichter. Und der Moderator lobt die Bewerber für ihren Einsatz. Noch zu Beginn der Sendung hatte er die Zuschauer auf die heutige Aufgabe der Kandidaten eingestimmt: "Wenn unsere Zeit gekommen ist, kann niemand den Tod auch nur eine Sekunde hinauszögern. Alte Menschen sterben, Kinder sterben. Sind wir auf den Tod vorbereitet?"

Der Religionsgelehrte entscheidet, wer weiterkommt

Imam Muda heißt die Fernsehshow, in der all dies zu sehen ist. Übersetzt bedeutet das so viel wie: junger, religiöser Anführer. Die von einem Privatsender ausgestrahlte Show ist im islamisch geprägten und auch westlich beeinflussten Malaysia ein Zuschauermagnet. Nach dem Muster von Casting-Shows wie Deutschland sucht den Superstar oder American Idol haben sich mehr als 1000 junge Männer beworben, zehn Kandidaten zwischen 18 und 27 Jahren haben es in die Sendung geschafft. Woche für Woche werden nun welche ausgemustert.

Den Sieger der Show bestimmt aber nicht das Publikum, sondern Religionsgelehrte. Und als Preis gibt es keinen Plattenvertrag, sondern die Aussicht, in einer Moschee in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur den Posten als Vorbeter zu bekleiden. Zuvor soll der Sieger seine Islam-Studien in Saudi-Arabien vertiefen und nach Mekka pilgern. Auch weltliche Preise hat der Sender Astro Oasis ausgelobt: umgerechnet 5000 Euro, einen Laptop und ein Auto.

In den vergangenen Jahren haben radikalere islamische Strömungen im sonst als moderat geltenden Malaysia an Einfluss gewonnen. Den Katholiken zum Beispiel wollte man verbieten, den Begriff "Allah" zu verwenden - was ein Gericht allerdings abschmetterte. Im Februar wurden drei Frauen für Ehebruch bestraft, in der vergangenen Woche kursierte zudem die Meldung, Extremisten mit Verbindungen zu al-Qaida seien an malaysischen Universitäten rekrutiert worden.

Gutaussehende Kandidaten

Imam Muda dagegen will ein freundliches, junges Bild des Islam vermitteln. Bewerber für die Show müssen keinen speziellen Hintergrund vorweisen, auch Studenten, ein Bauer, ein Rhetorik-Trainer und ein Bankangestellter möchten Malaysias Super-Imam werden. Die Kandidaten sind entsprechend weit weg vom Klischee des alten, bärtigen Vorbeters, der gegen westliche Werte wettert. In der Sendung tragen sie oft Jeans oder Fußballtrikots . Um die Jury von ihrer Tauglichkeit zu überzeugen, müssen sie nicht nur Koran-Verse zitieren, sondern sich auch als sozial engagierte Vorbilder beweisen. Sie treffen und beraten schwangere, alleinstehende Frauen, Waisenkinder oder Verkehrssünder. Während die Show läuft, wohnen die jungen Männer abgeschottet von ihren Familien in einer kleinen Herberge auf einem Moschee-Gelände.

30.000 Fans auf Facebook

Die Verantwortlichen der Sendung betonen, man achte penibel darauf, keine religiösen Gefühle zu verletzen, das Konzept sei eng mit den Behörden abgestimmt. Ziel von Imam Muda sei es, Bewerbern wie Zuschauern ihre Religion auf unterhaltsame Art näherzubringen, sagt der Produzent. Das kommt offenbar an beim Publikum. Jeden Freitagabend sitzen angeblich vor allem junge Menschen in Malaysia vor dem Fernseher, um die neue Folge zu sehen.

Mehr als 30.000 Fans der Show haben sich auf der Internetplattform Facebook registriert. "Für mich ist es mehr als nur eine Talentsuche", sagt zum Beispiel Memei Mansor. Die angehende Krankenschwester aus Kuala Lumpur nennt die Sendung einen persönlichen "Weckruf", der ihr zeige, wie "ein Muslim sein sollte". Außerdem macht die 23-Jährige keinen Hehl daraus, dass sie sich die Show nicht nur zur religiösen Erbauung anschaut - sondern auch, weil die Kandidaten "so gut aussehen". Die meisten Teilnehmer der Sendung könnten es wohl tatsächlich als Model probieren, wenn es mit dem Posten als Imam nicht klappt.

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Quelle:
SZ vom 01.07.2010/mob
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