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Nachhaltigkeit und Weihnachten:Wie Sie umweltfreundlich Weihnachten feiern

Lesezeit: 6 min

... und trotzdem Freude am Fest haben. Unsere Autorin bereitet sich auf eine ökologisch unbedenkliche Weihnachtszeit vor - mit Mietbaum und Minimalismus.

Von Barbara Vorsamer

Umweltfreundlich zu leben ist im Alltag schwer genug, an Weihnachten scheint es schier unmöglich. Schließlich gehören zum klassischen Weihnachtsfest Geschenkeberge, Lichterketten und mehrtägige Festessen mit viel Fleisch. Nachhaltig ist das alles nicht. Da im Öko-Wettbewerb grundsätzlich der gewinnt, der komplett verzichtet, müsste man daher das Fest eigentlich streichen. Aber ein Winter ohne Weihnachten? Für mich ist das keine Option.

Auch Weihnachten radikal auf gemütliches Beisammensein und Kirchgang zu reduzieren und sich nichts mehr zu schenken, kommt nicht in Frage - allein schon, weil die Kinder sich so aufs Christkind freuen. Für mich gehören Kranz, Baum und bunte Päckchen genauso zum Fest wie "O du Fröhliche". Weglassen mag ökologisch korrekt sein. Glücklich macht es nicht. Daher will ich dieses Jahr wissen, ob ich Weihnachten umweltfreundlich und trotzdem nach meinen Vorstellungen feiern kann.

Weihnachtsbaum mit Ökosiegel

Los geht's mit Christbaum und Adventskranz. Die konventionelle Lösung wäre, in den Baumarkt zu fahren. Hier gibt es geschmückte Kränze schon ab 7,99 Euro und die Blautanne beginnt bei zehn Euro pro Meter.

Umweltorganisationen raten davon ab. Die Bäume, die im Dezember allerorten verkauft werden, stammen größtenteils aus Plantagen, in denen kräftig gespritzt und gedüngt wird, was die Natur stark belastet. Diese Gifte dünsten sie dann im beheizten Wohnzimmer aus, bevor sie zwei Wochen später auf dem Müll landen. Nur scheinbar eine Alternative sind Tannen im Topf. "Die Wurzeln wurden meistens einfach abgeschnitten. Billige Topfbäume sind im Januar oft genauso tot wie die geschlagenen" sagt Rudolf Fenner, Waldexperte der Umweltorganisation Robin Wood.

Anders ist das bei Mietbäumen, die für diesen Zweck im Topf gezogen und nach ihrem Auftritt als Wohnzimmerdekoration wieder eingepflanzt werden. Doch damit sie dann tatsächlich weiterleben, muss ein großer Aufwand betrieben werden. Das merkt man am Preis: Ein Mietbaum kostet zwischen 65 und 100 Euro und ist nur in wenigen Gegenden Deutschlands überhaupt erhältlich.

Die nächstbeste Alternative ist, entweder beim regionalen Förster nach einem Baum aus dem Wald zu fragen oder beim Kauf von Plantagenbäumen auf Öko-Siegel zu achten. So schützt man sich zumindest vor Giften. Eine Liste zertifizierter Händler hat Robin Wood hier und der Bund Naturschutz hier zusammengestellt. Eine billige Lösung ist auch das nicht: Kleine Bäume gibt es ab 49 Euro, für die stolze Zweieinhalb-Meter-Nordmanntanne sind 69 Euro fällig (Preisbeispiel vom Hofgut Letten).

Mehrweg geht auch beim Adventskranz

Wer nicht alle Jahre wieder so viel bezahlen will, kann auch zum Mehrweg-Christbaum greifen und jedes Jahr dasselbe Holzgestell weihnachtlich behängen. Eine Lösung, die sich auch für den Adventskranz anbietet. Die Wochen bis zum Christkind lassen sich schließlich auch mit Hilfe eines wiederverwendbaren Kerzenständers zählen. Dann muss man nur noch bei den Kerzen auf Ökosiegel und regionale Herkunft achten.

Noch radikaler und minimalistischer ist der Adventskranz von Bloggerin Nicole Stroschein, die einfach vier Kerzen mit etwas Moos und Deko in eine Springform legt und der mit Geschenkpapier oder Masking-Tape an die Wand geklebte Weihnachtsbaum. Aber das muss man natürlich mögen.

Wunschzettel gegen die Geschenke-Flut

Den größten ökologischen Fußabdruck hinterlassen an Weihnachten aber nicht Baum und Kranz, sondern die Geschenke. Kiloweise überschüttet man sich gegenseitig mit Zeug, das manchmal nicht gebraucht wird und oft nicht gewollt ist. Für manche ist es ein Ausweg, gar nichts mehr zu schenken - für andere ist aber schon der Vorschlag zu verzichten ein Anschlag auf das Fest. Manche freuen sich über Gutscheine, Geld oder eine karitative Spende in ihrem Namen - andere halten das Übergeben von Briefumschlägen für einfalls- und gedankenlos.

Richtig zu schenken ist eben schwierig, auch weil jeder ganz unterschiedliche Ansprüche daran hat. Doch es gibt eine einfache Lösung: den Wunschzettel. Wenn auch Erwachsene sich mitteilen, was sie sich von wem wünschen, reduziert das Stress für den Schenkenden und Frust für den Beschenkten.

Klar, manchmal fühlt sich dieses Wünschen wie eine Bestellung im Familien-Online-Shop an. "Liebe Oma, ich mag das Rosenöl aus der Pflegeserie XY. Liebe Tante, die Kinder brauchen neue Schlafanzüge. Liebe Mama, ich würde mich über ein paar neue Lederhandschuhe freuen." Besonders überraschend ist es nach solchen E-Mails nicht mehr, was dann unter dem Baum liegt. Aber es gibt eben auch weniger Fehlschläge, für die Geld, Zeit und ökologische Ressourcen verschwendet wurden. Wem es wichtig ist, an Heiligabend überrascht zu werden, der muss eben einen besonders langen Wunschzettel schreiben, aus dem die Verwandten und Freunde dann auswählen können.

Ich persönlich freue mich darüber, ganz konkrete Wünsche erfüllt zu bekommen. Schließlich muss trotzdem jemand in einen Laden gehen, etwas aussuchen, bezahlen, verpacken - und das alles für mich! Die Freude über diese Liebesmüh' gehört für mich zu einem schönen Weihnachtsfest dazu.

Zeit statt Zeug

Etwas für den anderen zu tun, kann auch das ganze Geschenk sein. Unter dem Slogan "Zeit statt Zeug" ist es der Geschenk-Minimalismus-Tipp schlechthin, für Papa den Rasen zu mähen, Mama zum Essen einzuladen und Opa zum Arzt zu begleiten anstatt uninspiriert Tee und Socken zu verpacken. Doch die schönen Versprechen funktionieren als Geschenk nur, wenn man sie wirklich halten kann. Wenn der Gutschein vom vergangenen Jahr immer noch an der Kühlschranktür vergilbt und plötzlich schon wieder Weihnachten ist, sollte man sich etwas anderes einfallen lassen. Es gibt zwar kaum etwas Umweltfreundlicheres als ein niemals eingelöster Gutschein - aber froh macht das niemanden.

Selbstgemachtes und Dinge, die sich aufbrauchen

Ein anderer Tipp auf den einschlägigen Öko-Plattformen ist es, Selbstgemachtes zu schenken: selbsthergestelltes Badesalz, ein gebasteltes Fotoalbum, Marmelade aus dem eigenen Garten ... Ich finde allerdings, dass hier das gleiche gilt wie für gekaufte Geschenke: Es muss passen. Auch Eigenproduktionen verbrauchen Ressourcen. Und wenn sie danach im Regal verstauben oder gar in den Müll geworfen werden, waren sie keine nachhaltige Option.

Dinge, die sich aufbrauchen, sind meistens eine umweltbewusste Alternative. Tolle Massageöle, leckere Weine, besondere Pralinen - damit macht man eigentlich nur was falsch, wenn die Person Wellness, Alkohol oder Süßigkeiten grundsätzlich nicht schätzt. Doch so gut kennen sich die Menschen, die Weihnachten miteinander feiern, im Normalfall.

Weihnachten ohne Versandhandel

Sobald klar ist, was wem geschenkt werden soll, gilt es, Besorgungen zu machen und alles, wirklich alles, gibt es bei Amazon. Gegen den simplen Online-Einkauf sprechen allerdings die schlechten Arbeitsbedingungen bei dem Versandhändler. Utopia hat deshalb eine Liste mit "grünen" Online-Shops gemacht. Wie umweltfreundlich sie wirklich sind, ist aber sehr unterschiedlich und keiner davon bietet auch nur annähernd ein so großes Sortiment wie Amazon. Davon abgesehen: Ist im Internet bestellen nicht grundsätzlich verwerflich?

Eine gute Ökobilanz hat der Versandhandel selten, sagt Yvonne Zwick vom Rat für nachhaltige Entwicklung, schon gar nicht, wenn mehrere Zustellversuche notwendig sind. Wer Dinge bestellen muss oder will, sollte daher sicherstellen, dass das Paket angenommen werden kann - zur Not vom Nachbarn. Auch Packstationen sind keine ökologische Alternative, da sie ständig mit Strom versorgt und ans Netz angeschlossen sein müssen. Dazu kommt, dass Produkte, die mit der Post kommen, meistens mehrfach verpackt sind und daher viel Müll anfällt.

Also doch ab in die Einkaufszentren und Fußgängerzonen. Gerade in der Vorweihnachtszeit macht es häufig eh keinen großen Unterschied, ob man nun in der Schlange am Postschalter steht oder sich durch die Läden schiebt. Immerhin ist es bei Büchern und oft auch bei CDs, DVDs und Spielen möglich, sie im stationären Buchhandel vorzubestellen und dann in der Filiale abzuholen. So spart man sich wenigstens einen Weg und weiß, dass das gewünschte Produkt auf jeden Fall da ist.

Qualität statt Masse

Weitere Nachhaltigkeits-Tipps für Geschenke sind schwierig, schließlich können Geschenke alles mögliche sein: Spielsachen, Kleidung, Schmuck, Kosmetik, Elektrogeräte - alles davon würde eine eigene Nachhaltigkeitsbetrachtung verdienen (Kleidung, Kosmetik und Elektrogeräte haben sie auch schon bekommen, hier können Sie weiterlesen). Daher gibt es an dieser Stelle nur ein paar Binsenweisheiten wie: Kaufen Sie hochwertige, langlebige Produkte anstatt möglichst viel Zeug zu verschenken. Achten Sie auf Zertifizierungen und Öko-Siegel. Unterstützen Sie regionale Händler statt globaler Ketten.

Diese Regeln gelten natürlich auch für den Kauf von Adventskalendern und Weihnachtsdekoration. Hier ist es zudem sinnvoll, Dinge mehrmals zu verwenden. Nicht jedes Jahr muss ein neues Deko-Konzept her, auch wenn DIY-Blogs und Frauenmagazine einem das weismachen wollen.

Ich hole jetzt also die Kerzenhalter aus Holzsternen aus dem Keller, die seit Jahren bei uns Adventsstimmung verbreiten. Danach fülle ich für die Kinder Schokoladenkugeln in Papiertütchen, die ich dann an den selbstgestickten Adventskalender hänge. Nein, nicht von mir, ich kann nicht sticken. Das wunderschöne Stück ist bereits einige Jahrzehnte alt und hat bereits meine Adventssüßgkeiten getragen, als ich ein kleines Mädchen war. Am nachhaltigsten ist schließlich immer, das zu verwenden, was schon vorhanden ist. Wer etwas Neues braucht und nicht selbst basteln will, findet hier eine Zusammenstellung von Bio- und Fairtrade-Adventskalendern.

Und wie geht das jetzt mit der Öko-Weihnacht?

Der Advent kann kommen, wir sind gerüstet: Die Fraser-Tanne aus Österreich ist gemietet, ein zertifizierter Adventskranz ist gekauft. Die Verwandschaft ist angehalten, nur zu schenken, was gewünscht wurde und wünscht sich hoffentlich auch selbst was Konkretes. Als Deko nehmen wir, was noch im Keller liegt und was die Kinder so basteln.

Ob unser Öko-Weihnachten entspannt wird? Ob meine Bemühungen, die Geschenkemenge einzudämmen, fruchten? Ob der Mietbaum in unserem Wohnzimmer überlebt? Nach Weihnachten schreibe ich darüber - und wünsche Ihnen bis dahin einen möglichst angenehmen Advent. Gerne können Sie mir schreiben, wie Sie es schaffen, an Weihnachten umweltbewusst zu bleiben - oder auch nicht. Ich freue mich über Feedback an barbara.vorsamer@sz.de.

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