Süddeutsche Zeitung

Diagnose Krebs:"Erst in der Krise merkte ich, was in mir steckt"

Lesezeit: 4 min

Beziehung gescheitert, Arbeitsplatz verloren, Diagnose Krebs: Brigitte Armbruster war am Ende. Doch dann lief sie ihren ersten Marathon - während der Chemotherapie. Und fand so zurück ins Leben.

Protokoll: Lars Langenau

"Eigentlich schien in meinem Leben alles in Ordnung. Mit 38 Jahren jedoch trafen mich gleich drei Schicksalsschläge: Meine langjährige Beziehung ging nach sechs Jahren in die Brüche. Einen Monat später verlor ich meinen Arbeitsplatz. Kurz danach erhielt ich auch noch eine niederschmetternde Diagnose: Lymphknotenkrebs. Innerhalb von drei Monaten war meine Lebenswelt in Trümmer zerbrochen. Ich war psychisch völlig am Ende und sah keinerlei Perspektive mehr. Mehrere Wochen lang überlegte ich sogar, die Krebsbehandlung zu verweigern, damit die Krankheit meinem Leben bald ein Ende macht. Ich fühlte keinerlei Kraft mehr zum Weiterleben; erst recht nicht für einen Kampf gegen den Krebs.

Ohne rechte Überzeugung begab ich mich schließlich dennoch in die Chemotherapie. Oder, vielmehr: Durch die vielen Diagnose- und Facharzttermine geriet ich fast von selbst in die Behandlungs-Maschinerie - ohne es recht zu wollen und ohne die Kraft zu haben, mich aktiv dagegen zu wehren. Die Chemotherapie sollte alle 14 Tage ambulant verabreicht werden und ein Vierteljahr dauern. Am 16. Juli ging es los; die nächsten Wochen verbrachte ich trotz strahlendem Sommerwetter auf dem Sofa, fühlte mich dumpf und niedergeschlagen. Ich hatte mich in meiner passiven Verzweiflung und im Selbstmitleid richtig häuslich eingerichtet. Eine enge Freundin konnte das irgendwann nicht mehr mit ansehen und sagte lakonisch: 'Dann stirb doch!'

Durch diese bewusste Provokation regte sich - endlich! - mein Widerstandsgeist. Nein - ich war noch nicht bereit zu sterben! In all meiner Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung spürte ich da auf einmal eine innere Kraft, die ich vorher nicht gekannt hatte. Diese Kraft gab mir plötzlich wieder Vertrauen und Sicherheit - und brachte mich dazu, meine "lebens-müde" Einstellung zu überdenken. Mir wurde klar, dass ich wieder zurück ins Leben wollte; und dass ich dafür eine neue Perspektive und ein neues Ziel finden musste.

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Ich würde meinen ersten Marathon laufen

Innerhalb von ein, zwei Tagen kam dann eine Idee zurück, mit der ich mich schon lange vorher immer wieder beschäftigt hatte: Ich würde in diesem Jahr meinen ersten Marathon laufen. Und zwar während der Chemotherapie!

Seit Jahren war ich eine trainierte Läuferin - dennoch rieten mir meine Ärzte dringend von meinem Vorhaben ab. 'Das ist unmöglich! Die Chemotherapie ist ohnehin eine schwere Belastung für den Körper. Sie gefährden Ihre Heilungschancen! Bewegung ja - nur bitte in Maßen!' Aus ihrer Sicht heraus konnten sie auch gar nichts anderes sagen: Es entsprach ihren Erfahrungswerten; und das, was ich da vorhatte, hatte es noch nie gegeben. Aber mein neues Ziel gab mir so viel Auftrieb, dass ich auf stur stellte. Ich wollte - nein, ich musste es zumindest versuchen! Es war für mich die einzige Chance, wieder ins Leben zurückzufinden.

Ich entschied mich, mir die Haare abrasieren zu lassen. Ich wollte nicht darauf warten, dass sie mir irgendwann im Laufe der Chemotherapie ausfielen. So viel Autonomie wollte ich mir bewahren.

Und ich startete mein Marathon-Training auf eigene Faust. Meine Ärzte sahen schließlich ein, dass sie mich davon nicht abbringen konnten. Um wenigstens das Risiko zu minimieren, das ich da auf mich nahm, wiesen sie mich auf ein Sportprogramm speziell für Krebspatienten hin, das an der Uni Frankfurt damals als Pilotprojekt lief. Fortan wurde dort mein Training kontinuierlich sportmedizinisch begleitet. So konnte ich mein Laufprogramm mit wissenschaftlicher Unterstützung noch besser auf meinen Gesundheitszustand abstimmen und mich vor einer Überanstrengung bewahren, die für mich lebensbedrohlich gewesen wäre.

Vertrauen in den eigenen Körper

Meine Tagesform schwankte durch die Chemo sehr stark; entsprechend flexibel musste ich mein Trainingsprogramm gestalten. Direkt nach den einzelnen Chemo-Behandlungen ging ein, zwei Tage gar nichts; danach begab ich mich vorsichtig wieder auf die Laufstrecke. Dabei verließ ich mich ganz auf mein Körpergefühl; es signalisierte mir bei jedem einzelnen Lauf, wie viel ich mir an diesem Tag zumuten konnte. Mal war es nur ein kurzer Spaziergang, mal die kleine Sieben-Kilometer-Runde, mal zwölf, mal 20 Kilometer - eben immer so viel, dass ich mich dabei wohlfühlte. Nicht feste Trainingspläne mit starren Tempo- oder Streckenvorgaben bestimmten mein Training, sondern allein meine persönliche Komfort-Zone. Zur Sicherheit hatte ich außerdem immer ein Handy und etwas Geld dabei, um im Notfall im Taxi nach Hause fahren zu können.

Im Laufe der Trainingswochen ging es mir körperlich und mental immer besser. Ich bekam wieder Vertrauen in meinen Körper, der mich durch die Erkrankung - so empfand ich es - so schmählich im Stich gelassen hatte. Ich fühlte mich wieder stark und autonom. Ich hatte der Krankheit - und der Behandlungs-Maschinerie - etwas entgegenzusetzen! Das war auch etwas Neues für mich: Dass ich mein Vorhaben gegen den Widerstand der ärztlichen Autoritäten durchsetzte!

So etwas hatte ich vorher noch nie gewagt. Erst in der Krise merkte ich, was überhaupt in mir steckt!

Der Weg aus meinem persönlichen Tiefpunkt

Im Laufe meiner Trainingswochen verbesserte sich mein körperlicher Zustand sogar messbar; meine Blutwerte bewiesen es. Das ist außergewöhnlich, denn normalerweise werden sie während einer Chemotherapie kontinuierlich schlechter, da die Wirkstoffe, die die Krebszellen bekämpfen sollen, auch die gesunden Körperzellen schädigen. Dieser messbar positive Effekt meines Trainings überzeugte endlich auch meine Ärzte: Ich bekam offiziell grünes Licht für mein Marathon-Projekt. Insgesamt trainierte ich neun Wochen lang. Das Ziel: der Frankfurt-Marathon am 26. Oktober 2008. Als ich die 42 Kilometer am großen Tag dann endlich in Angriff nahm, war das fast schon Routine. Nach vier Stunden und 37 Minuten lief ich glücklich lächelnd ins Ziel. Ich war wieder zurück im Leben!

2011 trat ich noch einmal bei einem Marathonlauf an. Aber dieses Mal merkte ich, dass sich meine Prioritäten völlig geändert hatten. Inzwischen war ich wieder im Berufsleben, hatte die Krebsbehandlung hinter mir und war sogar frisch verliebt. Der Marathon hatte da einfach nicht mehr den Stellenwert wie noch drei Jahre zuvor. Bei Kilometer 26 stellte sich mir auf einmal die Frage, ob ich jetzt wirklich noch 16 Kilometer weiterlaufen will. Meine Antwort war ein klares "Nein, das will ich nicht. Ich will viel lieber mit meinem besten Freund und mit einem Döner und einem Bier in der Sonne sitzen!" Und genau das tat ich dann auch - ich brach den Lauf ab und verabredete mich mit dem Freund. Es war die richtige Entscheidung; ich habe sie nie bereut.

Mein erster Marathon ist jetzt fast sieben Jahre her. Er wurde zum ersten dokumentierten und wissenschaftlich publizierten Marathonlauf während einer Chemotherapie. Für mich war er mein ganz persönlicher Lauf zurück ins Leben."

Brigitte Armbruster, 45, Frankfurt am Main, ist ausgebildete Mediengestalterin und arbeitet heute als freiberufliche Lektorin und Texterin.

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