Süddeutsche Zeitung

Dating-App:Tinders geheimer Algorithmus

Offenbar gibt es ein internes Ranking, das auf der Attraktivität der Dating-App-Nutzer basiert.

Jeder kennt Geheimnisse, jeder hat welche. Auf ihnen basieren Freundschaften, Ehen, Bürogemeinschaften, ja ganze Kulturen. Doch warum müssen einige immer alles wissen? Und warum können andere nichts für sich behalten?

Aktuellstes Beispiel: die Dating-App Tinder. Während einer Recherche in der Zentrale des Unternehmens haben die Macher dem US-Journalist Austin Carr, der für das Magazin Fast Company schreibt, offenbar seinen internen "Desirability Score" verraten - also wo er auf dem internen Ranking der Nutzer liegt.

"946", bekam Austin Carr mitgeteilt, und "das ist am oberen Ende des Durchschnitts". Eine Formulierung, die nicht gut für sein Ego sei, schrieb Carr. Mehr Informationen über sein Profil habe man ihm nicht gezeigt mit dem Hinweis: "Das willst du gar nicht sehen." Klingt ein bisschen nach dem de-Maizière-Ausspruch: "Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern." Und so ist es dann auch: Carr schreibt, dass er es bereut, sich diese Zahl überhaupt angeschaut zu haben.

Tinder-CEO Sean Rad - sein Unternehmen ist nach eigener Aussage in 190 Ländern aktiv - hat das Vorgehen bestätigt. Ihm zufolge gibt es bei Tinder einen internen "Elo-Score", vergleichbar mit dem sogenannten "Elo-Ranking" im Schach. Nur dass bei Tinder eben nicht gemessen wird, wie gut man Schach spielt, sondern wie gut man bei anderen Nutzern ankommt.

Es werde aber nicht einfach nur gezählt, wie häufig andere das Profil nach rechts oder links gewischt haben. Es liege "ein komplizierter Algorithmus" vor, sagt Rad, der ansonsten durch absurde Interviews auf sich aufmerksam macht, in denen er verrät, dass er Snapchat zum Sexting nutzt.

Carr schreibt, dieser Algorithmus basiere auf verschiedenen Faktoren, unter anderem wie umfangreich und mit wie vielen Informationen Nutzer ihr Profil gestaltet haben.

Mit dem Ranking seiner Nutzer will das Unternehmen Tinder, das vor kurzem das erste Büro außerhalb der USA in Indien eröffnete, die Trefferquote ("It's a match") seiner Nutzer erhöhen. Der Score soll dabei helfen, ähnliche Menschen schneller zusammenzubringen. Werden also überdurchschnittlich gutaussehenden Menschen nur noch anderen überdurchschnittlich gutaussehnde Menschen vorgeschlagen? Nein, so sei es dann doch nicht. Es würden "verschiedene Faktoren berücksichtigt", gibt sich Tinder-CEO Rad geheimnsivoll.

Journalist Carr befragt während seiner Recherche auch den Tinder-Analysten Tor Solli-Nowlan, der ihm bestätigt, "dass Geschmäcker verschieden sind und der Elo-Score daher nicht nur physische Attraktivität berücksichtigt. "Einige Leute stehen total auf Bärte, andere überhaupt nicht. Das gleiche gilt für Fotos mit Tieren und Kindern oder Tattoos", sagte Solli-Nowlan.

Aha. Verunsicherte Tinder-Nutzer stellen sich jetzt wohl nur eine Frage: Wie hoch ist mein Elo-Score? Denen möchte man sagen: Man muss nicht alles wissen, um glücklich durchs Leben zu gehen. Und man möchte an ein altes Sprichwort erinnern: Was du nicht weißt ...

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