Süddeutsche Zeitung

Zum Tod von Robin Williams:Die Stimme im Kopf

Ob "Good Will Hunting" oder "Good Morning, Vietnam": Robin Williams war ein begnadeter Komiker und ebenso talentierter Charakterdarsteller. Allerdings konnte er mit Erfolgen genauso wenig umgehen wie mit Niederlagen.

Ein Nachruf von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Wer nach einem Film mit Robin Williams das Kino verließ, der hatte noch Stunden später diese Stimme im Kopf. Dieses helle Timbre, das Worte nicht gemächlich transportierte, sondern sie mit atemberaubender Geschwindigkeit in Richtung Gehörgang abfeuerte. Menschen mit einem außerordentlichen Gedächtnis konnten sich an die Hälfte aller Witze erinnern, schließlich sprach dieser Mensch schneller als sein Schatten. Den anderen blieben nur die wichtigsten Gags - und eben diese Stimme.

Robin Williams hat in seinem Leben, das er am Montag im Alter von 63 Jahren offenbar selbst beendet hat, immer wieder über Stimmen in seinem Kopf gesprochen. Er ging offensiv mit Alkoholismus und Drogensucht um, Rückfälle begründete er mit dieser dämonischen Stimme. Im Oktober 2006 etwa sagte er nach einem erfolgreichen Entzug: "Du stehst am Rand einer Klippe und siehst hinunter. Es gibt diese Stimme, eine kleine und leise Stimme, die sagt: ,Spring!'" Im vergangenen Herbst sprach er in der Late-Night-Show von Jon Stewart erneut darüber, dass diese Stimmen niemals verschwinden würden und er sich deshalb immer wieder in Entzug begeben müsse.

"Ich kenne Robin nun seit 35 Jahren - und habe ihn doch nie gekannt", sagt Jamie Masada. Er ist der Gründer des Stand-up-Comedy-Clubs Laugh Factory auf dem Sunset Strip in Los Angeles. Hier hat Williams den nach eigenen Angaben schönsten Moment seiner Karriere erlebt, als er gemeinsam mit seinem Vorbild Richard Pryor auf der Bühne stand. Am Nachmittag kamen zahlreiche Komiker zum Club, auf dem Billboard über dem Eingang war zu lesen: "Ruhe in Frieden, bring Gott zum Lachen."

Der schüchterne Junge aus Chicago

"Den wahren Robin Williams habe ich nie zu Gesicht bekommen, er hat immer eine Rolle gespielt", sagt Masada: "Ich glaube, dass Robin nicht gemerkt hat, dass er sein Privatleben komplett an die Öffentlichkeit verkauft hat." Der Verkauf dieses Privatlebens begann im Jahr 1977. Er hatte als einer von zwei John-Houseman-Stipendiaten (der andere war der spätere Superman-Darsteller Christopher Reeve) die Juilliard School für Darstellende Künste absolviert und Auftritte als Komiker in den Clubs von New York hingelegt, da sollte er in der Serie "Happy Days" einen Außerirdischen spielen. Eine Nebenrolle, keine große Sache.

Doch Williams' nasale Stakkato-Sprache blieb den Zuschauern im Kopf, sie wollten mehr hören von diesem Schauspieler. Ein Jahr später wurde diese Figur zum Protagonisten in der Serie, die hierzulande bekannt ist unter dem Titel "Mork vom Ork". Aufgrund der gewaltigen Spontaneität von Williams fertigten die Autoren bisweilen Drehbuchseiten mit weißen Passagen an, um dessen Kreativität herauszufordern. Bereits für die erste Spielzeit wurde er mit dem Golden Globe ausgezeichnet, wie später nochmals für seine Mitarbeit an den Filmen "Good Morning, Vietnam", "König der Fischer", "Aladdin" und "Mrs. Doubtfire".

Der schüchterne Junge aus Chicago - sein Vater war Manager, die Mutter Model - war nun ein Star, der diese Aufmerksamkeit durchaus genoss. "Auch wenn er sich häufig darüber beschwerte, hat er doch nie den Wunsch nach einem Autogramm oder einem gemeinsamen Foto ausgeschlagen", sagt Masada: "Damit hat er sich jedoch, ohne es zu ahnen, den Fans geopfert." Der Verlust von Privatsphäre führte zu Selbstzerstörung.

In dieser Zeit begannen die Stimmen zu Williams zu sprechen, zunächst kamen sie von außerhalb seines Kopfes und meist aus dem Mund von John Belushi. "Es war unglaublich, wie populär die beiden waren. Sie wurden von den Menschen erkannt, wo immer sie sich gerade aufhielten", sagt Masada. Belushi führte Williams in das wilde Partyleben von Hollywood ein, bei dem bereits zum ersten Cocktail weißes Pulver gereicht wurde. Und natürlich hielten sich die beiden, so Masada, für unverwundbar.

Dass das nicht so ist, wurde Williams in einer Nacht im März 1982 bewusst. Er besuchte seinen Freund in einem Hotelzimmer in West Hollywood und schnupfte ein wenig Kokain, dann ließ er Belushi zurück. Der wurde am Morgen darauf tot gefunden, gestorben an all dem Heroin und Kokain, das er in seinen Körper gepumpt hatte. "Das war ein gewaltiger Weckruf - wie auch die Geburt meines Sohnes", sagte Williams, der danach nicht nur den Drogen und dem Alkohol abschwor, sondern auch den Sprung auf die große Leinwand schaffte. Selbstverbesserung statt Selbstzerstörung.

Das Robin-Williams-Syndrom

Er verkörperte den Radiomoderator Adrian Cronauer in "Good Morning, Vietnam" (1987, nominiert für den Oscar), den Lehrer John Keating in "Der Club der toten Dichter" (1989, ebenfalls eine Oscar-Nominierung), den Obdachlosen Parry in "König der Fischer" (1991, Golden Globe) - allesamt komische Rollen mit tragischem Hintergrund. Die prägende Rolle zu dieser Zeit war die des erwachsen gewordenen Peter Pan in "Hook", der das Kind in sich wiederentdecken muss - wie auch die von ihm verkörperten Figuren in "Jumanji", "Flubber" oder "Mrs. Doubtfire". In der Los Angeles Times war aufgrund dieser Rollenwahl vom "Robin-Williams-Syndrom" die Rede. "Die Menschen wollen dich festlegen", sagte Williams. "Doch warte kurz: Dieser kleine manische Typ hat diesen stillen Jungen gespielt und dann den total unheimlichen Kerl! Oh nein!"

Williams wollte unbedingt Rollen spielen, die ihn nicht nur komödiantisch herausforderten. Für die Darstellung des Psychologen Sean Maguire in "Good Will Hunting" bekam er 1998 den Oscar, für seine Rollen in "One Hour Photo" (als Stalker) und "Insomnia" (als Mörder eines Teenagers) wurde er von bedeutenden Kritikern gelobt. Für seine Rollen in "Der 200 Jahre Mann" und "Jakob der Lügner" wurde er indes für die Goldene Himbeere als schlechtester Schauspieler nominiert. Große Erfolge und gewaltige Niederlagen folgten dicht aufeinander - das ist schwer zu verkraften für einen, der sein Privatleben aufgegeben hat und sich über die Gunst der Öffentlichkeit definiert.

Zu dieser Zeit tauchten auch diese Stimmen wieder auf, diesmal existierten sie nur in seinem Kopf: "Diese Stimme sagt andauernd: ,Nur einen.' Doch wer das nicht kann, für den gibt es niemals nur einen Drink.", sagte Williams, als er sich nach 20 trockenen Jahren wieder in Entzug begeben musste. Er übernahm einige Jahre lang Nebenrollen in Filmen wie "Eine Nacht im Museum", "Lizenz zum Heiraten" oder "Der Klang des Herzens". In "Shrink" spielte er einen Hollywood-Star mit Alkoholproblem.

Rückkehr ins Fernsehen Ende 2013

Im Herbst vergangenen Jahres dann folgte die Rückkehr ins Fernsehen, was der Sender CBS so bewarb, als hätten sich die Beatles versöhnt und würden gemeinsam mit den Rolling Stones ein Konzert geben. Die erste Folge von "The Crazy Ones" sahen knapp 19 Millionen Amerikaner, am Ende der Spielzeit schalteten gerade noch 5,2 Millionen ein. Williams war witzig wie immer, doch hieß es, dass die von Youtube-Videos sozialisierte Generation nicht mehr viel mit dieser Art von Humor anfangen könne - die Serie wurde nach nur einer Saison abgesetzt.

"Er war ein wundervoller Mensch", sagt Masada. Jedoch habe er sowohl mit Erfolg als auch mit Niederlagen nur schlecht umgehen können. "Er hat in letzter Zeit mit schweren Depressionen gekämpft", sagt seine Agentin Mara Buxbaum. Vor wenigen Wochen begab er sich erneut in eine Entzugsklinik in Minnesota.

Am 11. August ist die Stimme von Robin Williams in seinem Haus im kalifornischen Tiburon verstummt.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben uns entschieden, in der Regel nicht über Selbsttötungen zu berichten, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Der Grund für unsere Zurückhaltung ist die hohe Nachahmerquote nach jeder Berichterstattung über Suizide. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in vielen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

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