Süddeutsche Zeitung

William Shatner wird 90:Für immer Kirk

Kein Schauspieler wird gern auf eine einzige Rolle festgelegt. Aber William Shatner hat, wenn auch spät, mit dem Kapitän der Enterprise seinen Frieden gemacht.

Von Kathleen Hildebrand

Um zu verstehen, was William Shatner für "Star Trek" war, hilft es, sich anzuschauen, wie es seinem direkten Nachfolger im Sessel des Captains der Enterprise anfangs erging. Patrick Stewart sprach für die Rolle in der zweiten "Star Trek"-Serie, "Das nächste Jahrhundert", vor - bei Gene Roddenberry, dem Schöpfer des Franchise. Das Casting dauerte sechs Minuten, dann sagte Roddenberry: "Was zur Hölle? Ich will keinen kahlköpfigen Engländer mittleren Alters." Stewart wurde der längst gediente und beliebteste Captain der "Star Trek"-Welt. Aber Roddenberry wurde nie so richtig warm mit ihm.

Ein klassischer "leading man" fürs Fernsehen, das war nach seiner, sehr amerikanischen, Vorstellung erst einmal jemand anders. Einer wie Shatner. Jung, aber nicht mehr jungenhaft, attraktiv, gebräunt, blond. Einer, der sich nicht zu schade war, mit Pappmaché-Felsbrocken auf Gummimasken-Aliens zu werfen. Aber Kirk und die Serie hatten das Herz am rechten Fleck. Einer der allerersten Küsse zwischen einer schwarzen und einer weißen Person, die im US-amerikanischen Fernsehen zu sehen waren, wurde zwischen Kirk und Lieutenant Uhura ausgetauscht. William Shatners James Tiberius Kirk war ein Cowboy im Weltall: ein bisschen hitzköpfig und immer bereit, die Regeln zu beugen, wenn er das für richtig hielt.

Kirk und er seien im Grunde dieselbe Person gewesen, hat Shatner später über die Rolle gesagt: "Wobei er fast perfekt war und ich - ich bin perfekt." Seine Mischung aus Narzissmus, durchzogen von Schmerzfreiheit den eigenen Unzulänglichkeiten gegenüber und offenbar unerschöpflicher Energie hat Shatner durch eine 70 Jahre lange Karriere vor der Kamera gebracht. Über das Schauspielern sagte er 2015 in einem Interview, dass er erst vor Kurzem herausgefunden habe, wie man das mache.

Shatner sagt, er habe nie eine Folge "Star Trek" angesehen

Dass "Raumschiff Enterprise" mit den Jahren eine der größten Fangemeinden der Fernsehgeschichte bekam, lag nicht zuletzt an der fantastischen Chemie zwischen Kirk und Spock. Der Vulkanier, gespielt von Leonard Nimoy, war das perfekte, ironisch-rationale Gegengewicht zu Shatners impulsivem Kirk. Die beiden Schauspieler waren auch im echten Leben über Jahrzehnte hinweg eng befreundet. Beide wuchsen in orthodoxen jüdischen Einwandererfamilien aus Osteuropa auf. Shatner führte seine - wie Nimoys - Arbeitssucht auf die Angst zurück, noch einmal alles zu verlieren. Für das Familienleben, das gibt er selbst zu, war das zerstörerisch. Shatner war viermal verheiratet, zuletzt geschieden wurde er 2020.

Der "Star Trek"-Kult in den Siebzigerjahren machte ihn endgültig zu einer Ikone. Shatner wehrte sich anfangs dagegen, als Gast in "Saturday Night Live" sagte er den Fans, sie sollten sich ein echtes Leben zulegen, - "get a life!" - und noch mit 80 behauptete er, nie eine Folge der Serie angesehen zu haben. Bald aber fügte er sich der Verehrung.

Geschadet hat ihm das nicht: Anfang der Achtzigerjahre spielte Shatner die Titelrolle in der Polizei-Fernsehserie "T. J. Hooker" und nach der Jahrtausendwende gelang ihm mit dem aufgeblasenen, an Alzheimer erkrankten Anwalt Denny Crane in "The Practice" und "Boston Legal" noch einmal eine einprägsame Figur, für die er zwei Emmys und einen Golden Globe erhielt. Nebenbei nahm Shatner Alben auf, ging auf Welttourneen, reitet, züchtet Pferde und Dobermänner.

Als er vor zehn Jahren die "Star Trek"-Doku "The Captains" drehte, also im zarten Alter von 80 Jahren, war es dann soweit. William Shatner machte seinen Frieden mit der Figur des James T. Kirk. Er werde zufrieden sein, sagt er da, wenn er eines Tages die Galaxie in dem Wissen verlasse, mit seinen Kämpfen gegen Gummimasken-Aliens Millionen glücklich gemacht zu haben.

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