Süddeutsche Zeitung

"White Tears" von Hari Kunzru:Der Hipster ist ein gemeiner Dieb

Hari Kunzrus "White Tears" erzählt von zwei weißen Plattensammlern, die sich schwarze Musik zu eigen machen. Ein furioser Roman zwischen Gesellschaftssatire und Geistergeschichte.

Von Andrian Kreye

Die Erbsünde des Pop ist der Blues. Elvis Presley und die Rolling Stones waren ja nur die bekanntesten der Übeltäter, die den Schwarzen in Mississippi und Chicago ihre Musik raubten, um damit eine milliardenschwere Industrie zu begründen. "Kulturelle Aneignung" heißt der Begriff aus der amerikanischen Soziologie, der solche Übergriffigkeiten der Märkte auf das kulturelle Erbe fremder Welten moralisch überdeutlich einordnet. Jenseits intellektueller Popdiskurse spricht man zwar selten darüber. Doch der britische Schriftsteller und Journalist Hari Kunzru hat es nun geschafft, aus dem Thema einen furiosen Roman zu machen.

Formal und inhaltlich besteht "White Tears" aus zwei Teilen. Zu Beginn erzählt Kunzru von Seth und Carter, zwei Schulfreunden, die leidenschaftlich Platten sammeln. Seth ist der mittellose Außenseiter mit dem Gespür für Musik, Carter der charismatische Millionenerbe mit dem nötigen Geld für Sammlung, Instrumente und Computer. Immer tiefer arbeiten sie sich in die amerikanische Musikgeschichte ein, die vor allem eine schwarze ist. Blues, Jazz und Soul sind für sie erst Flucht aus der Kälte einer digitalen Gegenwart, schließlich Obsession. Als sie nach New York ziehen, beherrschen sie die Formen und Stile vom Blues bis zum Hip-Hop in einer Perfektion, dass sie zu begehrten Musikproduzenten werden. Durch Zufall nehmen sie dann im Washington Square Park den Bluessong eines Straßensängers auf, der sie fortan wie ein Fluch verfolgen wird.

Ein Dämon entführt den Helden und bringt ihn aus New York bis an den Mississippi

In diesem ersten Teil erweist sich Hari Kunzru als scharfer Beobachter Amerikas und der Stadt New York, in der er selbst auch lebt. Die Szenen sind mit einer Präzision beschrieben, die einen als Leser sofort in die amerikanische Boheme und in die Welt der Reichen und Mächtigen der Gegenwart versetzen, die sich so schwer miteinander tun. Zunächst bleibt der Roman damit eine Gesellschaftssatire, die weniger die kulturelle Aneignung als die wirtschaftlichen Gegensätze Amerikas aufs Korn nimmt.

Sie präsentieren sich nicht zuletzt in der Arroganz, die in den Bescheidenheitsposen von Carter und seiner Schwester Leonie steckt, die im Existenzkampf der Musiker und Künstler nach Wahrhaftigkeit suchen, obwohl sie verwöhnte Kinder alten Geldes bleiben. Hier legt Kunzru ein Fundament für seine Vivisektion der kulturellen Aneignung, das auch Leser nachvollziehen können, die sich nicht mit Popdebatten abgeben. Klassenkonflikte versteht jeder.

Zum eigentlich Thema führt dann der erste große Produktionsauftrag für Seth und Carter. Mit virtuoser Ironie beschreibt Kunzru den Termin im Büro der Plattenfirma, bei dem sie einem extrem erfolgreichen weißen Rapper vorgestellt werden. Der will die beiden für eine Tour de Force der kulturellen Mimikry engagieren. Auf wenigen Seiten entlarvt Kunzru da schon die ganze Verlogenheit des modernen Hipstertums mit seinen Authentizitäts-Posen, die für ihn nichts anderes sind als streberhaft enzyklopädisches Popwissen.

Kunzru umschifft in diesem ersten Teil geschickt eine der großen Klippen der Literatur, die mit Pop in der Regel so unbeholfen umgeht, wie mit Sex. Er nennt keine echten Namen, Ereignisse oder Songs, sondern beschreibt stattdessen Klänge, Gesten und Stilmerkmale. So vermeidet er, dass aus "White Tears" ein boulevardesker Schlüsselroman wird. Und man nimmt ihm das tiefe Verständnis für die Musik ab, das die Psychologie seiner Figuren prägt.

In diesem ersten Teil bleibt "White Tears" auch so etwas wie der dritte Teil einer Trilogie großer Plattensammlerromane. Ähnlich wie Nick Hornby in "High Fidelity" über die Liebe und Michael Chabon in "Telegraph Avenue" über die Gentrifizierung schrieben, benutzt auch Kunzru das Plattensammeln als Vehikel für die größeren Zusammenhänge zwischen Klassen- und Rassenkonflikten. Doch er geht einen Schritt weiter. Während Hornby und Chabon den Plattenladen als Mikrokosmos der Gesellschaft benutzen, verlässt Kunzru schon bald die stringente Form der Satire.

Der Fluch des Bluessongs aus dem Washington Square Park katapultiert zunächst einmal Carter aus der Handlung in ein Koma. Schleichend, aber unaufhaltsam stößt der Schriftsteller die Figur des Seth daraufhin in ein Geflecht aus Zeit-, Ort- und Handlungsschleifen und den Leser aus der Sicherheit der Zeitbezüge in den verwirrenden Sog des magischen Realismus.

War der Song zunächst noch ein abstrakter Fluch, nimmt er langsam die Gestalt des Sängers Charlie Shaw an, der als Phantom die Figur des Seth zunächst von New York nach Mississippi führt und ihm schließlich als Dämon erscheint. Seth wird dabei zum unfreiwilligen Gestaltwandler auf Zeitreise. Auch da bleibt Kunzru subtil, zählt auf das kulturelle Verständnis der Leser, denen ein paar Requisiten und Hinweise reichen müssen, um das Jahrzehnt zu identifizieren. Wenn es im Bus Sitzreihen für Schwarze gibt, wenn das World Trade Center noch steht, wenn die U-Bahn in Manhattan übers Hochgleis donnert oder Street Gangs wie die Black Spades in der Bronx marodieren, landet man immer wieder an einem neuen Punkt der amerikanischen Geschichte. Hin und wieder legt Kunzru absichtlich falsche Spuren. Steht in Baton Rouge vielleicht doch noch eine Telefonzelle am Busbahnhof? Liegt hinter der Tür des vorbürgerrechtlichen Polizeireviers schon wieder die Gegenwart?

Bei jedem mittelmäßigen Autor würden aus diesen oft abrupten Zeit- und Szenenwechseln Manierismen und Selbstzweck. Kunzru benutzt solche Thriller-Elemente aber nicht für Spannung und Effekt. Immer eindringlicher macht er mit solchen Mitteln die Ohmacht der Beraubten erfahrbar. Irgendwann verwischen alle Grenzen. Seth wechselt nicht nur die Jahrzehnte, sondern auch die Hautfarbe. Bis deutlich geworden ist, dass kulturelle Aneignung kein musikalisches Kavaliersdelikt ist, sondern ein brutaler Akt der Demütigung.

Was fehlt, ist zum Glück der Zeigefinger. Ähnlich souverän wie mit den Banalitätsfallen der Popkultur geht Hari Kunzru mit den Verlockungen des Moralismus um. Wie einfach wäre es gewesen, eine Anklageschrift zu verfassen, den Figuren Sozialkritik in den Mund zu legen, Eindeutigkeiten, Rechthabereien. Stattdessen abstrahiert er das Unrecht in Charakterzügen und Schicksalsschlägen. Eine der Schlüsselszenen verpackt die kulturelle Aneignung in ein Netz aus Urheber- und Erbrecht, das sich wie eine Schlinge um den Hals der Hauptfigur legt.

Die größte Qualität entwickelt "White Tears" aber im Rhythmus seiner Sprache und der Handlungsstränge. Man hadert als Leser zwar eine Weile mit dem schleichenden Bruch der Stilebenen. Doch sobald man so weit ist, sich aus der kristallinen Härte der Gesellschaftssatire in den verwirrenden Dunst des magischen Realismus fallen zu lassen, nimmt der Roman umso mehr an Tempo auf. Mit dem man voller Wucht auf den Ecken und Kanten der Geschichte aufprallen kann.

Hari Kunzru: White Tears. Roman. Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Liebeskind, München 2017. 352 Seiten, 22 Euro.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3623432
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 11.08.2017/luch
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.