Süddeutsche Zeitung

TV-Kritik: Burda in der ARD:"Bambi kackt nicht in die Wohnung"

Kate Winslet redet fast so lange wie Tom Cruise, und Roland Emmerich staunt über die Untoten im Saal. Die Bambi-Verleihung, ein Relikt der Vergangenheit.

Der Sommer war schrecklich, unser Leben leer. Warum, merken wir erst jetzt, wo uns wiedergegeben wird, was so fehlte: Showbiz-Galas mit roten Teppichen, Laudationes, peinlichen Dankesreden, Standing Ovations und Preisträgerinnen-Heulkrämpfen.

Nobelpreise sind wirklich kein Ersatz, die rascheln nur wie Zeitungspapier, klunkern nicht glockig gegeneinander, wie eine Oscar-Statuette, die vor den Grammy-Trichter stößt. Doch nun endlich beginnt sie wieder, die Galazeit, jene Perlenkette der im TV übertragenen Revuen, deren Ausrichter in hellstem Glanz strahlen wollen und deshalb Preise für irgendetwas verleihen, an deren Kategorien und Träger sich schon am übernächsten Tag niemand mehr erinnert.

Gala-Kügelchen aus Potsdam

Am Donnerstagabend gab es zur Wiedereingewöhnung ein homöopathisches Gala-Kügelchen aus Potsdam-Babelsberg: Goldene Bambis des Verlegers Hubert Burda, eine Erfindung aus dem Offenburgischen, Folge 61.

Im Verhältnis zur Oscar-Verleihung erinnert die Bambi-Strahlkraft an die Erde auf der Sonnensystemkarte im abgewetzten Diercke-Schulatlas, ein kleiner hellblauer Punkt neben dem nur im Anschnitt zu sehenden glutroten Sonnendurchmesser, der weit über das Atlasformat hinausragt.

Winslet attackiert den Rekord

Zum Ausgleich fuhr man bei den diesjährigen Bambis eine Doppelstrategie. Erstens zeichnete man international prämierte Darsteller aus, Kate Winslet und Christoph Waltz. Winslet nutzte die nicht vorhandene Zeitbeschränkung bei ihrer Dankesrede, um den Rekord des Scientologen Tom Cruise aus dem Jahr 2007 zu attackieren, blieb aber knapp unter seinen walkürischen acht Minuten.

Zweitens belohnte man die Deutschen, die es in "Hollywood geschafft haben", mit einem Wir-sind-wieder-wer-im-Filmgeschäft-Ehrenbambi, der an Michael Ballhaus, Roland Emmerich, Florian Henckel von Donnersmarck, Oliver Hirschbiegel und Caroline Link ging. Raffiniert, die Filmschaffenden werden mit einer Bambi-Buschzulage zurückgelockt.

Weil das Buhlen um Hollywoods Liebe auf Dauer zermürbend ist, preist man bei den Bambis nicht nur Kunst und Glamour, sondern auch soziales Engagement. Denn die US-Konkurrenz schläft nicht und castet uns unsere altruistischen Sozialstars weg. Jetzt lobt nämlich der Softrocker Jon Bon Jovi den "Circle Of Change Award" für gesellschaftliches Engagement in Deutschland aus. Und der Sieger darf sogar nach Amerika fliegen! Mit dem Flugzeug! Am allerbesten: Man darf sich selbst nominieren.

Heiligsprechung für Kohl

Die Bambis werden von einer mysteriösen Jury verliehen, die ihrer Zeit mindestens neun Jahre hinterherhinkt oder 991 Jahre voraus ist. Ganz sicher besteht sie aus der Bunte-Chefredakteurin Patricia Riekel. Diesmal gab's einen Millennium-Bambi inklusive Heiligsprechung für Helmut Kohl: "Unsere Verehrung gilt dem Kanzler der Einheit."

Da Kohl nicht reisefähig war, wurde ihm der Preis in Ludwigshafen von Theo Waigel überreicht. Kohl wirkte in dem Einspielfilm angeschlagen und konnte sich nur mit Mühe verständlich äußern. "Wir haben Frieden, und mehr kann man überhaupt nicht erwarten", sagte der Altkanzler. Die Stimmung in Potsdam war damit relativ früh auf dem Höhepunkt; die Schar der schulterfreien Jungschauspielerinnen, in sentimentalischen Gala-Momenten noch ungestählt, bekam feuchte Augen.

Auf der nächsten Seite: Die hölzernen Ansagen der Eiskunstläuferin, Marge-Simpson-Frisuren und untote Promis.

Die Entdeckung des Abends

Viel lustiger wurde der Abend ohnehin nicht mehr, was auch am neuen Moderatorenduo lag, das Harald Schmidt nach drei Jahren abgelöst hatte. Die hölzernen Ansagetexte der Eiskunstläuferin Katarina Witt wurden noch schlimmer, da sie erkennbar vom Teleprompter abgelesen wurden. Ab und zu war auch ein Mann ohne Eigenschaften namens Tom Bartels im Bild, der es von RTL zur ARD geschafft hat, Burdas Haussender.

So musste man sich den Abend selbst schöngucken, wobei etwa auffiel, dass Jessica Schwarz (als beste Schauspielerin ausgezeichnet), Simone Thomalla und Barbara Schöneberger ihre Haare wie Marge Simpson im Vertikalstil toupiert hatten, und mal wieder nur Medien-Superstars anwesend waren: Plasberg, Markwort, Döpfner, ja sogar Kai Diekmann von der taz war gekommen.

Eine Stimme, die wach macht

Die Entdeckung des Abends war Guttenberg-Gattin Stephanie, die den von der "Nachrichtenlage" verhinderten Verteidigungsminister vertrat. "Baron" Karl-Theodor zu Guttenberg muss gerade die Kundus-Affäre meistern, da mussten sogar die goldenen Rehlein warten. Man solle sich ihn in ihrem roten Abendkleid vorstellen, sagte sie und besang die großen Verdienste des Uli Hoeneß. Frau zu Guttenberg hat eine Stimme, die wach macht, fast ein wenig nervös, so dass sie noch viele verschlafene Galas beleben könnte.

Schon als Kind habe er stets die Bambi-Verleihung angeschaut, sagte Roland Emmerich. Damals hätten so Leute wie Uschi Glas den Preis erhalten. Der Mann trifft nicht nur das Weiße Haus mit dem ersten Schuss, denn Glas saß auch diesmal im Saal - wieder oder immer noch, wer weiß das schon genau.

Fernsehen aus der Vergangenheit

Denn beim Galawesen handelt es sich um eine medial-moderne Form des Untotseins. Iris Berben, Maria Furtwängler, die Klitschkos, man sieht dort immer dieselben Gesichter. 20 Jahre Mauerfall war das Motto, doch diese Bambi-Gala war auch Fernsehen aus der Vergangenheit, unterhaltungsfrei, beliebig, inspiriert wie eine Dauerwerbesendung aus dem Shopping-Kanal.

Warum gibt die ARD fast drei Stunden Primetime dafür her? Weil sie die Preisträger dann in den eigenen Nachrichten nennen kann? Hätte sie am Donnerstag eine Wiederholung der Bambis 1999 gesendet, niemand hätte es gemerkt.

Da bekommen mal Shakira oder Giorgio Armani ein Reh, und Minuten später gibt's eins für Wolfgang Joop, überreicht von Töchterlein Jette. Warum? Ist doch logisch: weil er in Potsdam wohnt! Und 65 ist er auch geworden!

Heesters fehlte unentschuldigt

Bambi-Reife besteht darin, noch irgendwie im Geschäft, in jüngster Zeit aber nicht besonders auffällig in Erscheinung getreten zu sein. Nur Johannes Heesters fehlte unentschuldigt, dabei hatte Bunte-Mutter Riekel doch versprochen, Jopie jährlich einen Überlebensbambi zu überreichen. Hier ist das Déjà-vu Programm geworden.

Da der Burda-Verlag anscheinend nicht weiß, wo er mit dem Bambi hin will, blieb es an Comedian Michael Mittermeier, den Wert des so zahmen wie unscheinbaren Preises als Anker in unsicheren Zeiten und ideales Haustier auf den Begriff zu bringen: "Das Bambi frisst nicht, es kackt nicht in die Wohnung und man muss es nicht kastrieren lassen."

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