Süddeutsche Zeitung

Trump-Biografie:Vom Versuch, das Phänomen Trump zu erklären

Michael Wolffs Bestseller pfeift auf die Regeln des Journalismus und der Politik. Deswegen liefert "Fire and Fury" ungeschminkte Einblicke ins Chaos im Weißen Haus - und gehört in den Kanon der Trump-Klassiker.

Von Matthias Kolb

Aus seinen Methoden macht Michael Wolff kein Geheimnis. Sein Enthüllungsbuch "Fire and Fury" beginnt mit einem "Autorenhinweis", in dem der 64-Jährige seine Recherchen beschreibt. Er habe nach der Amtseinführung von Donald Trump mehrere Monate wie eine "Fliege an der Wand" im Weißen Haus verbringen und den täglichen Kleinkrieg beobachten können. "Viele Schilderungen widersprechen sich; und manche sind nach Trump-typischer Art einfach unwahr", schreibt Wolff über seine Gespräche. Mitunter schildere er die Versionen der verschiedenen Lager, damit die Leser selbst urteilen können. "Anderswo habe ich, durch Vergleich der Schilderungen und mithilfe von vertrauenswürdigen Quellen, die Szenen so beschrieben, wie ich sie für wahr halte."

Dieser Satz vor allem deutet an, was einen bei der Lektüre von "Fire and Fury" erwartet, eben kein Sachbuch mit Hunderten Fußnoten und Dutzenden Seiten Anhang, um alle Zitate genau zu belegen. So war es etwa beim Standardwerk "Trump Nation. The Art of Being The Donald" von Timothy O'Brien aus dem Jahr 2005, in dem der damalige New York Times-Reporter vorrechnete, dass Trump niemals Milliardär sein konnte. Dank exzellenter Recherchen gewann O'Brien den folgenden Prozess, in dem Trump 30 Lügen eingestehen musste - unter anderem über sein Vermögen und seine Schulden.

Trump tapst im Bademantel verärgert herum, weil er die Lichtschalter nicht bedienen kann

Diese Art von Enthüllungen fehlt in "Fire and Fury". Das Werk wird trotzdem seinen Platz im Kanon jener Trump-Bücher finden, die zum Verständnis des Phänomens nötig sind. Wolff erwähnt diese Bücher nicht, aber an einem Werk kommt auch er nicht vorbei, weil es zentral für jede Trump-Interpretation ist: Es ist die 1987 erschienene Autobiografie "Art of the Deal". Hier inszeniert sich Trump als Verkörperung des amerikanischen Traums, der angeblich ohne elterliche Hilfe und nur mit Energie, Charisma und Ehrgeiz zu Reichtum kam. Dass Trump selbst kaum eine Zeile selbst geschrieben hat und sein Ghostwriter Tony Schwartz ihm seit Sommer 2016 vorwirft, unzählige Lügen zu verbreiten und den Bezug zur Realität verloren zu haben, kümmert den heutigen US-Präsidenten nicht.

Der weltweite Erfolg von "Fire and Fury" lässt sich schließlich nicht nur damit erklären, dass Millionen Menschen den US-Präsidenten verachten und über ihn lachen wollen. Und auch nicht durch den bloßen Enthüllungsreigen. Den gab es vorher ja auch: Schon im Februar schilderte die New York Times, wie Trump im Bademantel verärgert durch das Weiße Haus tapse, weil er die Lichtschalter nicht bedienen könne. Reportern des Time Magazine zeigte Trump im Mai stolz seine riesigen TV-Bildschirme und verkündete: "Ich ziehe es vor, mich mit schlechten Nachrichten nicht zu beschäftigen."

Seit Monaten kursieren solche Anekdoten, vor allem in den einschlägigen E-Mail-Newslettern wie "Playbook" von Politico oder "Sneak Peek" von Axios. Dort wurde am Sonntag gemeldet, dass in Trumps Kalender nun von acht bis elf Uhr morgens "Executive Time" stehe - die er jedoch damit verbringe, fernzusehen, zu telefonieren und zu twittern. "Fire and Fury" entwickelt seine Kraft, weil Wolff als Erster all diese seit Monaten kursierenden Gerüchte in eine große Geschichte packt. Der Rowohlt-Verlag hat bereits sechs Übersetzer, darunter Dirk van Gunsteren und Werner Schmitz, beauftragt und bringt die deutsche Fassung am 19. Februar heraus. Die Leser können sich freuen, denn "Fire and Fury" ist fesselnd geschrieben und gleicht mit den vielen Dialogen mitunter einem Drehbuch.

Wolff war wie sein Duzfreund Trump fester Bestandteil der New Yorker Society und weiß als Gewinner des National Magazine Award, wie wichtig ein überzeugendes Narrativ ist. Also ziehen sich zwei Thesen durch "Fire and Fury": Trump ist wegen seiner mentalen Instabilität ungeeignet für das Amt des Präsidenten. Und: Um ihn herum herrscht das pure Chaos.

Die Chaos-Theorie belegt allein die Existenz des Buches: Wolff bekam einen "blue badge", einen blauen Hausausweis, der ihm Zugang zu allen Räumen des Weißen Hauses verschaffte. Davon träumen die Reporter, die stundenlang im engen Briefing Room sitzen und nur eine graue Zugangskarte erhalten. Und in Trumps Presseteam fragte niemand nach, was eigentlich Wolffs Projekt sei und ob der Glatzkopf wirklich so oft zuhören müsse - Sean Spicer und seine Kollegen waren seit der Amtseinführung vor allem damit beschäftigt, die Lügen ihres Chefs zu verteidigen.

Erst als Trump seinen Chefberater Stephen Bannon im August feuerte, endeten Wolffs Privilegien. Dass Trump selbst den Wirtschaftsberater Gary Cohn auf Seite 186 als "Idiot, umgeben von Clowns" bezeichnet, und andere Konservative dieses Buch kritisieren, war klar. Wolff sei "ein totaler Loser", wütet Trump bei Twitter und nennt ihn einen Lügner. Ein Vorwurf, der leichter zu kontern wäre, wenn Wolff und sein US-Verlag Henry Holt (im Nachwort werden drei Fact-Checker genannt) präziser gearbeitet hätten.

Verrat an der Vertraulichkeitsregel

Wolffs Methode passt in drei Schlagworte: beobachten, zuhören, aufschreiben. Das Überprüfen von Fakten oder gar das Heraussuchen von Quellenbelegen sind nicht seine Sache. Deshalb wird aus dem Lobbyisten Mike Berman der Washington Post-Reporter Mark Berman. Die Berichterstattung von CNN über das umstrittene Dossier gibt er geradeheraus falsch wieder. Aber das macht "Fire and Fury" nicht weniger empfehlenswert.

Natürlich seien Teile des Buchs "falsch, schlampig oder ein Verrat an der Vertraulichkeitsregel", schreibt Mike Allen, der mit am besten vernetzte Journalist Washingtons. "Aber zwei Dinge sind absolut richtig: sein Porträt von Trump als unberechenbarer Präsident und die Verachtung jener, die für ihn arbeiten." Hier liegt das Geheimnis von Wolffs Erfolg: Er hat als Medienkolumnist in New York Karriere gemacht und kümmert sich nicht um Washingtoner Gepflogenheiten. Die Frage, ob vor Gesprächen Vertraulichkeit ("off the record") vereinbart worden war, oder ob für Zitate "Hintergrund" oder "tiefer Hintergrund" gelten sollten, das alles ist Wolff völlig egal. Er muss seinen Gesprächspartnern nicht schmeicheln, um sie als Quelle für die Zukunft zu sichern, weil er sich nie wieder mit dem Alltag der Washingtoner Politik beschäftigen wird. Michael Wolff stellt Dutzende Leute bloß, weil es ihm - auch hier ähnelt er Trump - um den größtmöglichen Effekt geht.

Wer Wolffs Ruf als egozentrischen Selbstdarsteller kennt, der kann manche Kollegenkritik besser einordnen. Als beste Trump-Flüsterin gilt Maggie Haberman von der New York Times, die der Präsident in "Fire and Fury" als "böse und schrecklich" bezeichnet. Und trotz allem immer mit ihr redet, weil er besessen davon ist, von der Times gelobt zu werden. Habermans Urteil über Wolffs Werk: "Die Details sind oft falsch, aber der Kern seiner Geschichte ist wahr."

Ein ungeduldiger Mann, der kaum politische Überzeugungen hat

Haberman wird noch in diesem Jahr ein eigenes Buch über Trumps erstes Präsidentenjahr veröffentlichen. Sie sieht sich jedoch in der Tradition der legendären Trump-Biografen. Als unerreicht gilt Wayne Barrett und sein 1992 erschienenes "Trump. The Greatest Show on Earth: The Deals, The Downfall and the Reinvention". Darin beschreibt der Investigativreporter des New Yorker Independent-Magazins Village Voice etwa, wie der junge Trump in Spielkasinos in Atlantic City investierte (und pleiteging), und wie eng die Kontakte des Bauunternehmers zur Mafia waren. Barrett schrieb 1979 erstmals über Trump und war der erste Journalist, der den Emporkömmling ernst nahm und dessen Behauptungen überprüfte.

"Jede ernsthafte Trump-Recherche beginnt mit einem Anruf bei Barrett. Meist lud er Reporter in sein Townhouse ein und zeigte ihnen im Keller sein Archiv über Trump. Es war unerreicht", hieß es in einem Nachruf auf diesen legendären Rechercheur bei Politico. Barrett starb einen Tag vor Trumps Amtseinführung. Als Recherche-Assistent für sein Buchprojekt hatte Barrett einen jungen Mann angeheuert, der selbst 2005 einen Trump-Klassiker verfassen sollte.

Das bereits erwähnte "Trump Nation" von Timothy O'Brien ist essenziell, um die Neuerfindung Trumps als Reality-TV-Star zu verstehen und einen Einblick in dessen Geschäfte zu kriegen. Seit Jahrzehnten verkauft er nicht mehr als ein Image und führt die Firma "Trump Organization" als Familienbetrieb. Auch hier war ihm bei der Auswahl der Mitarbeiter Loyalität wichtiger als Kompetenz und sein Arbeitsalltag war keine Vorbereitung fürs Weiße Haus.

Die Pionierleistungen von Barrett und O'Brien lobt auch Michael D'Antonio, dessen Werk "Never Enough" im September 2015 in den USA erschien und der ebenfalls jede Aussage mit Fußnoten und exakter Quellenangabe belegt. Damals wussten bereits 96 Prozent der Amerikaner, wer Donald Trump ist, aber sie sahen ihn erstmals als Politiker in den TV-Debatten. Das Buch, das auch auf Deutsch vorliegt, ist bis heute aufschlussreich, weil D'Antonio Trump zehn Stunden interviewen konnte. Die Leser begegnen einem ungeduldigen Mann, der kaum politische Überzeugungen hat, sondern im Rampenlicht stehen und jene beeindrucken will, die ihn umgeben. Genau diesen Eindruck vermittelt auch Michael Wolff in "Fire and Fury", über das noch lange diskutiert werden wird.

Allerdings dürfte schon in der kommenden Woche ein neues Trump-Buch Schlagzeilen machen: Am 16. Januar kommt die Abrechnung "It's Even Worse Than You Think" von David Cay Johnston in die Läden (die deutsche Fassung "Trump im Amt" erscheint zwei Tage später bei Ecowin). Der Pulitzer-Preisträger beobachtet Trump seit drei Jahrzehnten und belegt alle Aussagen akribisch. Im lesenswerten Vorgängerbuch, der 2016 erschienenen "Akte Trump", findet sich im Kapitel "Quellenangaben" ein bemerkenswerter Absatz: "Sollte sich ein Link auf eine hier angegebene Quelle als fehlerhaft herausstellen, ersuche ich um Verständigung per E-Mail. Ich werde mein Bestes geben, um umgehend einen funktionierenden Link oder eine Kopie des betreffenden Dokuments bereitzustellen." So etwas wird Michael Wolff wohl nie in seinem Leben schreiben.

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SZ vom 10.01.2018/cag
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