Süddeutsche Zeitung

"Ted Bundy: No Man of God" im Kino:Flirt mit dem Bösen

Wie ticken Serienmörder - und wie könnte man sie rechtzeitig aufhalten? Der Spielfilm "Ted Bundy: No Man of God".

Von Dennis Müller

Elf Minuten dauert es, bis Ted Bundy (Luke Kirby) die Bühne betritt, die ihm dieser Film nicht geben will. Wobei, den spärlich beleuchteten Verhörraum des Florida State Prison kann man kaum als Bühne bezeichnen, so kümmerlich wie ihn das kalte Licht darin aussehen lässt. Die Schatten im Gesicht, gefilmt durch die Achsel seines Gegenübers - bestimmt ein Affront für die Groupies, die sich einst vor den Gerichtssälen sammelten und für den Serienkiller schwärmten.

Bundy war ein Monster - zwischen 1974 und 1978 hat er mindestens 30 Frauen und Mädchen ermordet -, sah aber nicht aus wie eines, Hollywood drehte diverse Filme und Dokumentationen über ihn. Viele von ihnen sind aus Bundys Sicht erzählt und drehen sich um die Frage, wie dieser gutaussehende Mann ein Mörder werden konnte.

Die Erlebnisse eines echten FBI-Profilers dienten als Grundlage für das Drehbuch

Diese Frage trieb auch Bill Hagmaier um, der in diesem Film von Elijah Wood gespielt wird. Nicht aus Schwärmerei, sondern weil es sein Job war. Er gehörte zu den ersten Profilern beim FBI, in Interviews mit Serienkillern wollten Hagmaier und seine Kollegen herausfinden, wie Täter wie Bundy ticken - und wie man ihnen künftig früher auf die Spur kommen könnte.

Seine Transkripte, Aufnahmen und Erinnerungen dienten Regisseurin Amber Sealey und Drehbuchautor C. Robert Cargill als Grundlage für ihren kammerspielartigen Film, der die Verbindung der beiden Männer zeigt. Hagmaier war nämlich nicht nur der erste Bundespolizist, mit dem Bundy sprechen wollte - er war auch der Letzte, der ihn vor seiner Todesstrafe besuchen konnte. Die Zeit bis zu Bundys Ende auf dem elektrischen Stuhl dient dem Film als Spannungsbogen, in dieser Zeit muss Hagmaier es schaffen, etwas Konkretes aus Bundy herauszubekommen.

"No Man of God" ist ein 100-minütiges Pendeln zwischen Distanz und Nähe, zwischen Bundy und Hagmaier sowie zwischen dem Killer und dem Publikum. Schon Bundys Einführung verrät, dass die Filmemacher kein Interesse daran haben, ihm und seinem angeblichen Charme wie viele andere Produktionen auf den Leim zu gehen. Genau wie Hagmaier weiß man aber auch als Zuschauer, dem klar ist, dass Serienkiller-Stoffe derzeit in der Glorifizierungskritik stehen: Man wird Bundy ein Stück weit an sich heranlassen müssen, um ihm etwas zu entlocken. Diesen Zwiespalt verkörpert Elijah Wood hervorragend, seine zögerlichen, anfangs recht gestelzt formulierten Fragen wirken wie ein nervöser Flirt mit dem Bösen.

Der Film meistert dabei gleichzeitig die Herausforderung, Hagmaiers Gegenüber Ted Bundy zwar faszinierend, aber nie begeisternd darzustellen. Das liegt einerseits an der eigenen Perspektive, die Regisseurin Sealey dem Killer verweigert. Bundy tritt nur im Verhörraum auf, was in seiner Zelle passiert, lässt "No Man of God" außenvor. Andererseits ist Luke Kirbys Spiel so magnetisch, dass man die Augen kaum von im ablassen kann. Kirby gelingt es nach seiner Serienrolle als Komiker Lenny Bruce in "The Marvelous Mrs. Maisel" erneut, eine historische Person nicht zu imitieren, sondern Bundys Wahnsinn seiner Artikulation und Körpersprache jederzeit offensichtlich zu machen.

Den Verhörraum verlässt der Film nur in kurzen Szenen, die mit Hagmaiers FBI-Kollegen zu tun haben, und immer dann, wenn Bundy in den Kopf des Profilers eindringt. "Normale Leute töten Menschen", sagt Bundy an einer Stelle, dem immer wichtig war, nicht als verrückt abgestempelt zu werden. Um Hagmaier das zu beweisen, wirft Bundy ein Gedankenspiel auf, das man als Zuschauer mitspielt, weil man sieht, wie plötzlich Hagmeier im Auto sitzt und den Frauen nachspioniert.

No Man of God, USA 2021 - Regie: Amber Sealey. Buch: Kit Lesser. Mit: Elijah Wood, Luke Kirby. Central Film, 100 Minuten.

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