Süddeutsche Zeitung

Städtebau:Hamburgs HafenCity, eine städtebauliche Erfolgsgeschichte

Lesezeit: 4 min

An den Entwürfen für das neue Quartier überzeugt nicht alles. Und doch zeigt das Modell, wie Kompromisse zu mehr Urbanität führen.

Von Till Briegleb, Hamburg

Das "Aus" für die Olympia-Bewerbung in Hamburg hatte vermutlich mehr mit der HafenCity, Hamburgs prominentem Stadtviertel an der Elbe, zu tun, als dessen Planern lieb sein kann. Immer wieder fiel in Diskussionen über den Sinn der Spiele von den Gegnern der Satz, man wolle nicht noch mehr HafenCity. Und diese Ablehnung zielte auf das eigentlich beste Argument der Befürworter.

Denn hätte Hamburg tatsächlich 2024 das Sportfest ausrichten können, dann wäre ein großer neuer Stadtteil an den Elbbrücken entstanden, der die bisher durch Hafennutzung getrennten Gebiete nördlich und südlich der Elbe verbunden hätte. Aber die architektonische Vorstellung, die das bereits gebaute und das geplante Bild der HafenCity über das mögliche Aussehen einer "Olympic City" lieferte, schien der Mehrheit bei der Abstimmung offensichtlich keine Verheißung zu sein.

Die oft sehr emotional geäußerte Ablehnung von Hamburgs neuem Städtebau am Wasser speist sich aus zwei gegensätzlichen Haltungen. Die einen vermissen in der HafenCity den Rhythmus und die Schönheit der Gründerzeitstadt mit ihren kleinteiligen Vierteln und ihrer detailreichen Architektur. Die mehr zeitgenössisch argumentierenden Gegner dagegen stören sich mit Blick auf dänische, holländische oder österreichische Beispiele an der konservativen Backsteinmoderne, die in großen Teilen des Gebiets den Entwerfern vorgeschrieben wird. Zu bieder sei das neue "Rote Hamburg".

Nun lautete sowohl bei der Olympia- wie bei der HafenCity-Planung das offizielle Credo, man wolle aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, um alles besser zu machen. Als kurz nach dem negativen Bürgerentscheid zur Olympiabewerbung das neue "Überseequartier" der HafenCity von der Hamburger Bausenatorin Dorothee Stapelfeldt vorgestellt wurde, lieferte dieser Anspruch den Grund für besondere Aufmerksamkeit. Tatsächlich ist die Geschichte des "kommerziellen Herzens" der HafenCity nämlich selbst ein Epos unerfüllter Versprechen.

Seit 2010 endet das Zentrum des riesigen neuen Stadtteils unfreiwillig an einer sehr tiefen Baugrube. Mit der internationalen Finanzkrise war dem ersten niederländischen Investor die Puste ausgegangen. Doch das halbe "Überseequartier" geriet nicht nur deswegen in die Schlagzeilen. Zu viel zu teurer Büroraum sorgte ebenso für Unmut wie die schwerfällige Backstein-Architektur, die auch durch modische Knicke nicht aufregender wirken wollte.

Ende 2014 hatte dann der französische Shopping-Mall- und Hochhausentwickler Unibail-Rodamco das Gebiet übernommen und durfte es mit neuen Architekten und neuen Vorgaben ein zweites Mal entwickeln. Bei gleichbleibendem Grundriss gewährte die Stadt dem Investor, der hier 860 Millionen Euro verbauen will, doppelt so viel Einzelhandelsfläche wie ursprünglich vorgesehen. Zudem veränderte man das Verhältnis von Wohnungen und Büros stark zugunsten neuer Luxusapartments.

Der nun vorgestellte Entwurf ist ein Kompromiss für alle. Die Pergola-ähnliche Glasüberdachung von Architekt Werner Sobek macht aus der städtisch geforderten Einkaufsstraße irgendwie doch die vom Investor gewünschte Shopping Mall. Besondere Berücksichtigung erfuhren aber vor allem die gegensätzlichen Stilvorlieben.

Wie zwei Kuchen in einer Backform

Während auf der Schauseite zur Elbe Schlachtschiff-Architektur von Christian de Portzamparc und UN Studio ihren großen Auftritt hat, werden im Schatten der Riesen die großen Baumassen weiter in heimattümelndem Klinker verkleidet. Wegen der erdrückenden Schwere der Steinzeit in Rot, die bis jetzt gebaut wurde, dürfen die Architekten diesmal aber kleinteiliger agieren, was dem Ziegel als eingesetztes Material im Expressionismus und der Speicherarchitektur viel mehr entspricht. Die neuen Gebäude interpretieren die rote Kontorhausgeschichte der Stadt mit stark plastischen Mitteln der Gegenwart.

Allerdings kaschieren diese differenzierten Entwürfe ein Versprechen der HafenCity-Planung, das nie eingelöst wurde, das "Grundprinzip" der Körnigkeit. "Ein Baufeld, mehrere Häuser" lautete 2004 die städtebauliche Leitlinie, mit der eine eher gründerzeitliche kleinteilige Parzellenstruktur erreicht werden sollte. Mit den seither gebauten Riesenblöcken hat dieses Vorbild bei aller baukünstlerischen Raffinesse aber nichts zu tun. Und mit den gegensätzlichen Entwurfsauffassungen, die im Zentrum der HafenCity nun aufeinanderprallen, sieht das Quartier eher aus wie zwei Kuchen in einer Backform.

Die viel beschworene soziale Mischung kommt nicht vor. Der Investor darf sich davor drücken

Der Anspruch, das "kommerzielle Herz" der HafenCity zu sein, erfüllt der neue Entwurf allerdings weit besser als der ursprüngliche. Kulturelle Nutzung ist aus dem Plan ganz verschwunden. Dort, wo einst das eindrückliche Wissenschaftsmuseum von Rem Koolhaas geplant war, wird nun ein Duplikat von Portzamparcs New Yorker "Prism Tower" als reiner Bürobau die exponierte Wasserecke besetzen. Für Kultur ist nur noch ein riesiges Kino-Center zuständig, während die einst beschworene soziale Mischung der HafenCity gar nicht zur Anwendung kommt. Obwohl die Verpflichtung, bei jedem Neubauvorhaben ein Drittel Sozialwohnungen zu errichten, in Hamburg Gesetz ist, baut Unibail-Rodamco davon keine. Für die soziale Mischung müssen später wohl Billigkettenläden sorgen. Das Zentrum der neuen Wasserstadt könnte also am Ende eine ähnliche Diskrepanz zwischen öffentlicher und politisch-wirtschaftlicher Wahrnehmung erfahren wie die Olympiabewerbung.

Aber ein vorzeitiges Ende der HafenCity ist auch keine Option. Bei allen Kompromissen, die zwischen städtebaulichen Ideen, globalen Investmentinteressen, zeitgenössischen Kulturgeschmäckern und sozialen Ansprüchen meist zum Vorteil des Profits geschlossen werden, entsteht auf Hamburgs ältesten Kaianlagen trotzdem eine urbane Erfolgsgeschichte - jedenfalls im Vergleich zu den allermeisten Stadterweiterungen aktuell in Deutschland.

Große Neubausiedlungen sind in der Regel einfallslos gestaltete Schlafstädte mit oder ohne Shopping-Mall, deren einziger Identifikationspunkt ein Sonderbau für Bildung ist. Die drei Kilometer lange Innenstadtvergrößerung Hamburgs, die in diesem Jahr zu Ende geplant wurde, setzt sich von diesem Standard deutlich ab.

Zwischen der Elbphilharmonie im Westen, die zumindest nach Außen schon ihre teure Schönheit ausstrahlt, bis zu den geplanten drei Hochhäusern auf dem Ostzipfel des Geländes, mit denen 2025 die HafenCity vollendet sein soll, wurde und wird im Entwicklungsprozess auf Vieles geachtet, was sonst nur die natürlich gewachsene Stadt ausmacht. Das dichte Beieinander von Wohnen, Arbeiten und Unterhaltungsmöglichkeiten eröffnet an diesem Ort die Chance, der kläglichen Verödung der meisten innerstädtischen Trabanten ein Bild von belebter Stadt entgegenzusetzen.

Mit der HafenCity-Universität, dem Konzerthaus, zwei Schulzentren, einer kleinen kirchlichen Einrichtung und einem glücklicherweise doch noch beschlossenen Kreativquartier in ehemaligen Bahnanlagen besitzt das lang gestreckte Viertel Bausteine, die ihren Teil zur Urbanität beitragen können. Auch das Bespielen der Erdgeschosszonen, durch das der Straßenraum attraktiver wird, die Uferzonen als öffentliche Promenaden und zwei Parks, davon einer auf einer künstlich aufgeschütteten Insel im Hafenbecken, sind Planungsentscheidungen, die eine Identifikation mit dem Stadtteil befördern.

Auch architektonisch sieht die HafenCity um ein vielfaches abwechslungsreicher aus als andere innerstädtische Renommee-Projekte, etwa die Klötzchensammlungen in München, Berlin oder Stuttgart. Wenn in den nächsten zehn Jahren, wo in der östlichen Hälfte der HafenCity bis zu 75 Prozent Wohnbebauung entstehen sollen, auch noch an die Integration der Flüchtlinge gedacht wird, dann zeigt die HafenCity vielleicht doch ein Modell, wie Kompromisskultur zu Urbanität führen kann.

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SZ vom 08.12.2015/cag
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