Süddeutsche Zeitung

Pariser Oper:Die Oper der Stunde

Christoph Willibald Glucks vertrackte "Iphigénie en Tauride" entpuppt sich in der Inszenierung von Krzysztof Warlikowski als Meisterstück.

Von Reinhard J. Brembeck

Gerade hat Iphigénie noch süß geschlummert. Das Orchester der Pariser Opéra malt dazu im Palais Garnier, in der alten imperialen Spielstätte des durch Streiks und Seuche hoch verschuldeten Hauses, elysische weltferne Klänge, produziert Zartes, Duftendes, Illusorisches. Dann aber bricht die Wirklichkeit in Iphigénies Traum ein. Dirigent Thomas Hengelbrock entfacht im Orchester einen Sturm, der wie in jeder guten Oper den Aufruhr der Elemente mit dem Aufruhr in den Sängerseelen kurzschließt. Iphigénie erwacht, ängstigt sich, fleht um Gnade, die Elemente und Instrumente toben weiter.

Familie kann schrecklich sein. Die Familie der Iphigénie ist eine der schrecklichsten. Immer wieder kommen da gekochte Kinder aufs Festbankett, Morde an Familienangehörigen sind gängig, Verrat und Ehebruch Alltag. Iphigénie hat es besonders schlimm getroffen. Der Vater, deswegen später von seiner Frau ermordet, wollte sie aus politischen Gründen (günstiger Wind, um nach Troja zum Krieg zu segeln) der Jagdgöttin Diana opfern. Die aber verhindert das Opfer und verschleppt das Mädchen zu den barbarischen Skythen, wo sie als Flüchtling lebt und als Diana-Priesterin alle Ankommenden ihrerseits und nun schon seit fünfzehn Jahren auf dem Altar schlachten muss. Und dann kommt noch, incognito, ihr Bruder Orestes daher, das nächste Opfer. Das Leben ist einfach schrecklich.

Das Stück spielt in einem Altenheim, Iphigénie ist eine der acht Insassinnen

Krzysztof Warlikowski hat Glucks schnörkellos und aufgewühlt erzählende Kurzoper "Iphigénie en Tauride" 2006 für die Opéra inszeniert, sie war ein Skandalerfolg, der nach Stuttgart ausgeliehen wurde und jetzt mit völlig neuer Besetzung nach Paris zurückkehrt. Gluck wird in Deutschland wenig gespielt, er ist dem deftigen teutonischen Geschmack oft zu nett, zu harmlos, zu subtil. Die "Iphigénie en Tauride" steht an der Opéra, die sie 1779 uraufführte, jetzt bereits zum 465. Mal auf der Bühne und das Publikum jubelt, ein paar Buhs für den Meisterregisseur eingerechnet. Denn Warlikowski lässt in einem Altenheim spielen, Iphigénie ist eine der acht Insassinnen, sie dekliniert immer wieder ihr verpfuschtes Leben durch. Warlikowski unterstellt ihr zudem, Libretto und Musik suggerieren das aufdringlich, einen Inzest mit dem geliebten Bruder Orestes, der wohl auch schon was mit der eigenen Mutter hatte. Eine klassische Problemfamilie.

Tara Erraught schafft es, die alte und von ihr erinnerte junge Iphigénie zugleich zu sein. Tara Erraught kann das Verängstige wie das Kurzentschlossene wie das Sinnliche. Ihr Sopran schmiegt sich nahtlos dem Text und der Dramatik an, ganz so wie es Gluck für seine Musik wollte und wie er es hier in diesem Meisterstück grandios verwirklicht. Alles ist Abbreviatur, kein Ton ist zu viel, kein Schnörkel zeigt sich. Das Leid und das Leiden werden aus den Klängen herausdestilliert, die mal mythologisches Dunkel sind, mal Hass und Blutdurst, mal Sex und Sehnsucht nach dem Paradies.

Thomas Hengelbrock, berühmt geworden als Chef seiner auf Barockmusik spezialisierten Balthasar-Neumann-Ensembles, verbindet Leichtigkeit mit Leidenschaft. Er stellt das oft filigrane Liniengeflecht aus Vokal- und Orchesterstimmen deutlich dar, spielt es aber nicht in den Vordergrund. Dieser Dirigent hat ein Verständnis für Glucks schwierige Ästhetik, die sich klassizistisch abgeklärt gibt, aber damit nur unzureichend die zerbrochenen Sicherheiten der Barockoper wie des Feudalismus verbirgt. Hinter Glucks Klangfassade gärt es, da bereitet sich die Revolution vor, da wird bereits das befreite Leben danach angedacht. So ist bei Hengelbrock diese Sturm-und-Drang-und-Traum-Oper bereits eine romantische, weil sich das Gefühl emanzipiert und das Individuum absolut und gegen die Gesellschaft setzt. So wird klar, warum Hector Berlioz und Richard Wagner für Gluck schwärmten, und wo die Ästhetik von Felix Mendelssohn ihren Ursprung hat. Der grandiose Chor singt rechts und links mit Masken in den Proszeniumslogen, er peitscht die gepeinigten Protagonisten immer weiter in ihr Unglück.

Das Unglück des Orestes aber ist das größte. Dass dieser von den Rachegöttinnen verfolgte Muttermörder nur noch den Tod und nichts als den Tod wünscht, das macht Jarrett Ott in jeder seiner aufgewühlt und glühenden Passagen klar. Sein Bariton kennt nur Schwärze, Düsternis, Aussichtslosigkeit. Das Leid hat ihn zerschreddert und um das letzte bisschen seines Verstandes gebracht. Während sich die genauso vom Schicksal zerrüttete Iphigénie gegen ihre ewigweibliche Opferrolle auflehnt, kaltblütig, überlegt, planvoll. Diese Oper entwirft in diesem Paar nichts weniger als eine Umkehrung des traditionellen Mann-Frau-Bildes.

Parallelen zur heutigen Flüchtlingspolitik Europas sind unverkennbar

Was durch den Skythenherrscher bestätigt wird, der die Ermordung aller ankommenden Fremden als gottbefohlen legitimiert, weil er um seine Sicherheit fürchtet. Ein Schuft, wer hier Parallelen zur heutigen Flüchtlingspolitik Europas entdeckt. Warlikowski steckt diesen Fanatiker in den Rollstuhl, da wirkt sein von Jean-François Lapointe mächtig ausgestelltes Rasen und Rebellieren umso impotenter. Pylades, dessen Intimfreundschaft zu Orestes schon im Libretto und erst recht bei Warlikowski homoerotische Züge trägt, schneidet dem Herrschermonster kurzerhand die Kehle durch. Und doch ist dieser Pylades der einzige, der hier eine Zukunft hat. Julien Behr zeigt ihn als Mann der Mitten, der Zurückhaltung und des Verstandes, den er mit seinen Gefühlen in dieser hohen und von ihm leicht gesungenen Tenorpartie abgleicht. Dieser Mann stellt sich dem Grauen, er lässt sich davon aber nicht verschlingen. So entpuppt sich dieses vertrackte Meisterwerk als Oper der Stunde, und der Jubel des auffallend jungen Publikum spricht dafür, dass die "Iphigénie en Tauride" noch mindestens weitere 465-mal an der Pariser Opéra gespielt werden wird.

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