Süddeutsche Zeitung

Nachruf auf Michael Lonsdale:Mann im Abseits

Er war der eigenbrötlerischste aller Bond-Schurken in "Moonraker". Und ein großer Einsamer des französischen Kinos, auch für François Truffaut und Jacques Rivette. Nun ist Michael Lonsdale gestorben.

Von Fritz Göttler

Er war der große einsame Mann des französischen Kinos. Ein Mann im Abseits, ein Eigenbrötler, manchmal melancholisch, oft miesepetrig. In François Truffauts "Geraubte Küsse" sucht Michael Lonsdale als Schuhladenbesitzer Tabard eine Detektei auf, man solle bitte rausfinden, warum seine Angestellten ihn nicht mögen. Eine Ahnung wieso kriegt man, wenn er plötzlich im Gespräch die Dinge zurechtrückt: Hitler war doch kein Anstreicher, sondern ein kleiner Landschaftsmaler... Leider wird der junge Jean-Pierre Léaud für den Fall abgestellt und verliebt sich prompt in Tabards Frau, Delphine Seyrig. In die hat sich Lonsdale wiederum verguckt in einem anderen Film, Marguerite Duras' "India Song", dort leidet er tierisch an ihrer Unnahbarkeit.

Geboren wurde Lonsdale am 24. Mai 1931. Er studierte Kunst, spielte und inszenierte jede Menge Theater, malte und schrieb Bücher, viele über religiöse Themen, er war sehr gläubig. International wurde er als der eigenbrötlerischste aller Bond-Schurken bekannt, in "Moonraker" von 1979, schon sein Name Hugo Drax klingt wie aus einem französischen Comic. Mit unbewegter Miene und durchgedrücktem Kreuz, die Arme am Rücken verschränkt, erklärt er Bond, wie er von seiner Raumstation aus die Erdbevölkerung mit tödlichem Gas eliminieren will _ die Geburt des Welteroberungswahns aus trauriger Verklemmung. Sogar Roger Moore tut sich schwer, dagegen seine charmanten Manierismen sprudeln zu lassen.

Lonsdale hat mit vielen großen Filmemachern gedreht, Truffaut, Alain Resnais, Alain Robbe-Grillet, Joseph Losey, Fred Zinnemann, Marguerite Duras, Peter Handke. Am Montag ist er im Alter von 89 Jahren in Paris gestorben. Einmal könnte man ihn doch sehr gelöst erleben, in "Out 1", Jacques Rivettes vielstündiger Scharade darüber, wie das Spiel im Theater zusammenhängen mag mit dem Spiel des Lebens. Da ist Lonsdale mit fröhlichem Ernst bei der Sache, glücklich in einer Schar von Eigenbrötlern.

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Quelle:
SZ vom 23.09.2020
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