Süddeutsche Zeitung

Ausstellung in Lübeck:Cranachs Geselle

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Der Maler Hans Kemmer aus Lübeck wird jetzt in seiner Heimatstadt mit einer Ausstellung gewürdigt. Der ersten seit 500 Jahren.

Von Till Briegleb

Als Zeuge vom Ursprung der Reformation sowie Mitarbeiter bei der Erfindung ihres Bildprogramms wäre Hans Kemmer ein Glücksfall für die Forschung - wenn sich von ihm irgendetwas Schriftliches überliefert hätte. Aber der Lübecker Maler hat keine Erinnerungen hinterlassen, und selbst über seine Lebensdaten gibt es nur ein paar dürre Aktenvermerke. Die Adresse seines Lübecker Hauses ist bekannt, und dass er am 2. August 1561 gestorben ist. Deswegen ist die Rekonstruktion seines Lebens und Werks, die aktuell im St. Annen-Museum in Lübeck unternommen wird, ein Indizienprozess, der überwiegend aus Annahmen, Vergleichen und Vermutungen gespeist werden muss.

Vermutlich war Hans Kemmer bald nach dem Anschlag der 95 Reformationsthesen durch Luther an die Schlosskirche in Wittenberg 1517 dort in der Werkstatt von Lucas Cranach beschäftigt. Vermutlich lassen sich einige Werke aus Cranachs gut gehender Kunstfabrik in Teilen oder vielleicht sogar ganz Kemmer zuweisen. Und vermutlich war er anschließend in seiner Heimatstadt und im Ostseeraum außerordentlich erfolgreich darin, die biblische und kirchliche Neudeutung in erzieherischen Bildwerken zu befördern. Aber so genau weiß man das ein halbes Jahrtausend später eben nicht.

Die umfassende Kemmer-Sichtung ist ein erster Anreiz für Forscher

Denn Kemmers angenommene Gesellenzeit bei Cranach fällt in eine Epoche, wo auch die talentiertesten Mitmaler an großen Auftragswerken nicht namentlich genannt wurden. Und es gibt keinen schriftlichen Beweis für seine Anwesenheit im Epizentrum der christlichen Reform. Seine Mitarbeit in der größten Kunstwerkstatt des spätmittelalterlichen Deutschlands muss deshalb aus stilistischen Untersuchungen abgeleitet werden. Und sein eigenes erhaltenes Werk von 29 Gemälden, das jetzt erstmals mit 22 Exponaten in dieser Ausstellung versammelt wird, ist qualitativ derartig unterschiedlich, dass auch das Museum an einem als "gesichert" geltenden Bild den Warnhinweis angebracht hat, dass es "wohl nicht von Kemmers Hand stammt."

Dass Zweifel der ständige Begleiter beim Gang durch diese Ausstellung ist, will die Direktorin des St. Annen-Museums Dagmar Täube überhaupt nicht unterdrücken. Die erste Einzelausstellung eines Malers in 500 Jahren, der selbst Fachleuten kaum bekannt ist, kann nur den Anreiz liefern, mehr zu forschen. Und für diese Anregung liefert "Lucas Cranach der Ältere und Hans Kemmer" eine erste attraktive Plattform. Zweidrittel der ausgestellten Gemälde stammen von Cranach, seiner Werkstatt und seinen Schülern, um das fest geknüpfte Band zwischen den Künstlern durch Analogien zu belegen.

Die konkreten Spuren von Stil und Motiverfindungen, mit denen Luthers Freund und Trauzeuge Lucas Cranach ab den Zwanziger Jahren die Malerei des neuen Christentums prägte, sind in Kemmers selbständiger Tätigkeit durch die Parallelhängung gut nachvollziehbar. Er malte nach Cranachs Vorbild didaktische Kirchenwerke, etwa zum Thema "Christus und die Ehebrecherin" oder "Gesetz und Gnade", die den fehlbaren Mensch und nicht mehr die Heiligenverklärung ins Zentrum stellten. Er adaptierte Cranachs biblische Frauengestalten, wobei hier die absurden Qualitätssprünge besonders ins Auge fallen. Zwischen der liebreizenden "Judith" in großer malerischer Raffinesse von 1525, die Kemmer mit Fragezeichen zugeschrieben wird, und seiner Kopie von Cranachs "Salome", die nur in der Garderobe überzeugt, liegen lediglich fünf Jahre, aber ein Himmelreich, was das Verständnis von Realismus und Schönheit betrifft.

Cranachs Werkstatt bediente sich bei Vorbildern aus der Renaissance

Auch die Porträts und Andachtsbilder von Lübecker Kauf- und Eheleuten, etwa in dem so opulenten wie romantischen Verlobungsbildnis "Die Liebesgabe", folgen Kompositionsprinzipien, die in Cranachs Werkstatt aus Vorbildern der italienischen Renaissance und der niederländischen Malerei in deutsche Verhältnisse übertragen wurden. Dank vieler internationaler Leihgeber kann in diesen Gegenüberstellungen an 64 Werken so die wachsende Reife der Menschendarstellung bei Hans Kemmer nachvollzogen werden. Wenn sich denn einmal sicher sagen lässt, was von ihm stammt.

Es geht in dieser Ausstellung nicht um die Neutaufe eines Adepten als verkanntes Genie. Von Cranachs Sicherheit im Neuinszenieren religiöser Inhalte und dem feinen bis lieblichen Stil seiner Menschen ist bei Hans Kemmer zwar ein starkes Echo zu spüren. Was kaum verwundert, falls er wirklich Geselle in Wittenberg gewesen sein sollte, wo er die Entwürfe seines Meisters präzise übertragen musste. Aber diesem Vorbild bleibt er nach seiner Rückkehr in die Hauptstadt der Hanse auch in seinen ausdrucksstärksten Bildern so eng verhaftet, dass von einem wirklich eigenständigen künstlerischen Kraftzentrum in Lübeck nicht gesprochen werden kann. Zur Klasse von Cranach, Dürer, Holbein und Altdorfer fehlte Kemmer doch der Mut zum wirklich originellen Entwurf.

Worin diese Ausstellung und der begleitende Katalog mit der vorher absolvierten wissenschaftlichen Erforschung der Bilder stark sind, das ist die plastische Betrachtung einer kurzen entscheidenden Epoche der deutschen Kulturgeschichte aus der Perspektive einer Randfigur. Wer sich die Zeit nimmt, einzutauchen in die Texte und Vergleiche, dem erschließt sich nicht nur die künstlerische Wende vom Verehrungs- zum Erziehungsbild, die mit der Reformation die Malerei neu ausrichtete, sondern auch die sozialen Zusammenhänge in der Kunstproduktion an der Schwelle zur Massenkultur.

Cranach - Kemmer - Lübeck. Meistermaler zwischen Renaissance und Reformation. St. Annen-Museum, Lübeck. Bis 6. Februar 2022. Der Katalog kostet 45 Euro.

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