Süddeutsche Zeitung

Männlichkeit in der Krise:Geilheit! Diese ständige Geilheit!

Schweighöfer, Bendzko, Poisel. Über den deutschen Kuschelpop-Mann wird gerade viel gelacht. Faber ist anders. Er singt von Nutten, Selbstbefriedigung und Sexvideos. Ist das besser?

Reportage von Julian Dörr

Brüste. Beine. Arsch. Gesicht. Nein, nein, so geht das nicht. Man muss das wie ein einziges Wort lesen: Brüstebeinearschgesicht. So klingt das nämlich, wenn Faber diese Worte ineinander verschlungen ins Mikrofon lechzt. "Wenn du einsam bist, schauen alle Mädchen besser aus. Und du schaust, du starrst, Brüstebeinearschgesicht." Man muss sich Fabers "Brüstebeinearschgesicht" in seinem Vierklang als Gegenstück zu Böhmermanns "Menschen Leben Tanzen Welt" denken, dem Schimpansen-Song, mit dem der Satiriker vor ein paar Wochen den industriell gefertigten deutschen Keimfrei-Pop vorgeführt hat. Dann entfaltet er seine wahre Kraft.

Männlichkeit in der Krise - ein Schwerpunkt

Dem Mann geht es nicht gut. Heißt es gerade immer wieder. Man gibt ihm die Schuld an allem, was schief läuft in der Welt. Sexismus, Gewalt, Populismus. Was ist los mit dir, Mann? Zeit für eine Inspektion.

Jim Pandzko, so heißt Böhmermanns Alter Ego für seinen Song, ist so etwas wie der Zusammenschnitt aller wuschelhaarigen Wohlfühl-Männlein der deutschsprachigen Pop-Musik. Schweighöferbendzkogiesingerpoisel. Über die kuschelige Menschelei ihrer Texte amüsiert sich nicht nur das Studiopublikum im Neo Magazin Royale. Der deutsche Pop-Mann, er will nicht weiter auffallen. Er lacht, er weint, er tanzt. Er ist einer von 80 Millionen. Und dann gibt es da nun diesen Faber, 23 Jahre alt, Schweizer, bürgerlich: Julian Pollina. Und der will es einem so richtig besorgen.

Ist das der Männerrollen-Backlash? Oder die Rettung des deutschen Pops?

Schon die erste Vorab-Single seines ersten Albums hat eine kleine Sexismus-Debatte losgetreten. Zu flüchtigen Gitarrentönen raunt Faber da einer Verflossenen hinterher: "Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir?" Hat das bleiche Bürschchen mit dem halblangen Dichter-und-Denker-Mantel da gerade "Nutte" gesagt? Was im Gangsterrap zur Amtssprache gehört, ist in der Musik, in der sich Faber bewegt, immer noch ein kleiner Schock. Gleich mit seiner ersten Single-Auskopplung "Sei ein Faber im Wind" hat es der junge Schweizer also zu einem Aufschrei gebracht.

Die einen schimpfen Faber einen Sexisten. Die anderen feiern ihn als humanistischen Proll. Ist Faber also der machistische Männerrollen-Backlash? Oder die Rettung des in harmonischer Belanglosigkeit verseichteten deutschen Pops? Dazu ein paar Auszüge aus dem Faber-Song "Wem du's heute kannst besorgen":

Bist zwar nicht schlauer als ein Schaf [...], kann ich bitte deine tits sehen?

Zieh dich aus, du kleine Maus!

Du bist zwar erst 16 - ach komm, wir drehen Sexszenen...

Reicht? Gäbe noch mehr. "Ich glaub' ich spinn', wenn ich dich heute Nacht nicht...hsszzzz" - an dieser Stelle zieht der junge Mann ganz geräuschvoll die Luft durch die Zähne, als würde er all die angestaute Lust zurück in seine Eingeweide pressen wollen. Überhaupt pulsiert in Fabers Texten die ständige Geilheit eines besoffenen Erstsemesterstudenten, der mit Leonard Cohen auf den iPhone-Kopfhörern durch die Nacht torkelt. Melancholische Potenz. Man schaue sich nur das Video zur eingangs erwähnten Single "Sei ein Faber im Wind" an. Vier Minuten lang hält die Kamera ganz statisch auf die Rücken von ein paar jungen Frauen, die ein Gemälde betrachten, während Faber fleht und poltert. Beine, Ärsche und die Geburt der Venus von Botticelli.

Neben Lyrik und Bildern gibt es bei Faber natürlich auch noch Musik. Und die ist ohne Zweifel gut gemacht. Hier schunkeln melancholische Balkan-Bläser, da klimpert ein räudiges Honky-Tonk-Piano wie aus dem Western-Saloon - der ja immer auch Bordell ist. Akustik-Punk für Mädchen haben Faber und seine Band das selbst einmal genannt. Mehr aus Verlegenheit denn aus Überzeugung. Der Begriff blieb trotzdem hängen. Und dann ist da noch diese Stimme. Diese Stimme, die sich wie gegen einen inneren Widerstand aus Fabers Kehle hievt und presst. Eine alte Stimme, dreckig, zerschossen, zerrissen. Irgendwie echt. Echt? Das verlangt nach der Anschlussfrage: Wie ist denn nun der echte Faber? Also Julian Pollina?

Seit Jahren wird nun über den verweichlichten Pop-Mann gelästert

Samstagnachmittag vor einer großen Münchner Konzerthalle. Am Abend wird Faber hier der Headliner eines Festivals sein, das von einem regionalen Radiosender präsentiert wird. Jetzt tritt Julian Pollina gerade mit frisch gewaschenen Haaren in die dafür vielleicht tatsächlich noch etwas zu frische Frühlingsluft. Er fischt sich schnell noch vier Zigaretten aus der Schachtel seines Bandkollegen, raunt etwas auf Schwiizerdütsch, dann geht es in den Biergarten. Von den vier gefischten Zigaretten wird er in der nächsten halben Stunde drei rauchen.

Frauen als Nutten zu bezeichnen, ist das sexistisch? "Sorry, ich seh das halt null so", sagt Pollina. Kurze Pause. "Also gar nicht. Fuck ey, natürlich sag ich Nutte. Und ich sag auch Hurensohn. Ich mein damit nicht, dass deine Mutter eine Hure war. Das ist für mich ein Schimpfwort. Ich weiß nicht, ob man das so sagen darf. Aber eigentlich ist mir das total egal." Ist es das? Ist "Nutte" unsexistisch zu meinen nicht ein bisschen wie "Neger" zu sagen und kein Rassist sein zu wollen?

Und wie sieht es damit aus, den Intellekt einer Frau mit dem eines Schafes zu vergleichen? "Das find ich einfach eine gute Zeile!", schießt es aus Pollina heraus. Ob er sich denn vorstellen könne, dass es Frauen gäbe, die das nicht so lustig fänden? Zug an der Zigarette, Augenkneifen. "Meinst du?"

Das ist ja das Pop-Dilemma: Seit Jahren wird nun über den verweichlichten Pop-Mann gelästert. Über den Rapper, der seine eigene Männlichkeit hinterfragt. Über den sensiblen Singer-Songwriter, der seine Gefühle offenbart. Über den Leierklampfenmann, den der Weltschmerz erdrückt. "Man up!" hat man ihm zugerufen. Und sich gleichzeitig gefragt: Wo sind eigentlich die echten Männer geblieben? Und was heißt das überhaupt? Müssen echte Männer "Nutte" sagen?

Faber singt: "Nachts sind alle Katzen geil" - und das Publikum kreischt

Man muss mit Faber jetzt kurz über zwei der größten deutschsprachigen Aufsteiger-Bands der vergangenen Jahre reden. Denn man kann nicht über "Brüstebeinearschgesicht" reden, ohne über Wanda zu reden. Und über Bilderbuch. Beide Bands kreisen sehr eng um eine sehr distinguierte Vorstellung von Männlichkeit - auch wenn sie am Ende sehr unterschiedlich ausfällt. Während sich Bilderbuch und allen voran ihr Frontmann Maurice Ernst als selbstbewusste, leicht weirde und beinahe gender-fluide Männer inszenieren und dabei dennoch eine äußerst maskuline Sexyness verströmen, geben sich Wanda einer weniger subtilen Virilität hin. Kurz und böse könnte man ihre Performances auch einfach Schwanz-Pop nennen. Oder um es in die Worte von Sänger Michael Marco Fitzthum zu fassen: "Nimm sie, wenn du glaubst, dass du's brauchst."

Und wo sieht sich Faber zwischen diesen beiden Männerpolen? "Wenn uns irgendetwas mit Wanda und Bilderbuch vereint, dann, dass wir alle auf seltsame Art und Weise lustig sind. Und trotzdem ernst." Ironisch ist das, was Faber macht, also nicht. Hier werden keine Rollenbilder hinterfragt, keine Gendernormen aufgebrochen. Aber ganz ernst will er das mit den Brüsten, den Beinen, Ärschen und Gesichtern auch nicht meinen. Kurzum: Man wird aus alledem noch nicht wirklich schlau. Weshalb man sich das Gesamtkunstwerk Faber einmal in Bewegung ansehen muss: den Musiker auf der Bühne, die Texte, den Sound, das Publikum.

Es geht hier nicht um Männer oder Frauen - sondern um dreckige Gefühle

Später Samstagabend in der großen Münchner Konzerthalle. Das letzte Konzert des Festivals steht an. Faber ist Headliner. Der Raum vor der Hauptbühne füllt sich. Ein Radiofestival zieht Radiohörerpublikum. Alles angenehm normal. Vor der Bühne stürzen fünf sehr junge und sehr blonde Mädchen Jägermeister aus winzigen Schnapsfläschchen.

Der Faber oben im Scheinwerferlicht ist schon wieder ein ganz anderer Faber als auf Platte oder im persönlichen Gespräch. Er labert, er mäandert zwischen den Songs durch schüchterne Monologe, erklärt sich, entschuldigt sich. "Hoffe es gefällt euch allen" und "Dass wir diese Halle hier füllen!". Süß. Die Mädchen kreischen. Und dann kommt "Beinebrüstearschgesicht", diese kleine, schmutzige Hymne der Unbefriedigten. Faber singt: "Nachts sind alle Katzen geil" und die Jägermeistermädchen strecken die Hände in die Höhe. Das Gekreische wird lauter. Es folgt, ganz seicht und sämig, ein italienischer Schlager, Faber singt irgendwas von "Amore" und dass er sie ganz dringend braucht. Jägermeistermädchenhände streicheln die Luft.

Richtig laut wird es, als Faber den Refrain von "Tausendfrankenlang" herauspresst - noch so ein zusammengesehntes Einwort-Wort. "Ich habe dich geliebt, Tausendfrankenlang!", stößt ihm ein mehrheitlich weiblicher Chor entgegen. Faber singt ein Lied, in dem das lyrische Ich eine Frau für Sex bezahlt und noch ein Glas anbietet, "wenn du mich unter dein Kleid schauen lässt." Dabei formt er mit seinen Händen ein kleines Herzchen für sein Publikum.

Es ist wirklich verzwickt. Dieses Publikum, diese Menschen hier: Das ist Radio, Normalfrequenz, kleinster gemeinsamer Nenner, Weg des geringsten Widerstands. Das ist Schweighöferbendzkogiesingerpoisel. Und da oben steht dieser Faber, der optisch und vom Habitus einer dieser wuscheligen Jungs sein könnte. Aber wenn er den Mund zum Singen aufmacht, poltern und rumpeln da diese Sätze raus. Und die Frauen jubeln. Was Faber natürlich nicht per se von allen Sexismus-Vorwürfen freispricht. Es ist kompliziert. Man kriegt die Brücken zwischen dem Menschen und der Figur, zwischen der Musik und ihren Fans einfach nicht geschlagen.

Und dann kommt "Alles Gute". Der mächtige Posaunist pumpt seine Töne vom Bühnenrand in die Halle. Faber, in der Mitte am Mikrofon, stöhnt: "Wie du es dir machst, macht es dir niemand auf der ganzen Welt." Es ist der Moment der Einsicht und sie kommt so unsubtil daher wie alles an dieser Musik, an diesem Abend. Die ständige Geilheit, die Faber so angenehm vom Keimfrei-Pop deutscher Jungmänner abhebt, vermischt sich mit existenzieller Einsamkeit. Und das ist ein ebenso dreckiges wie universelles Gefühl. Es geht hier nicht um Männer oder Frauen. Es geht hier nicht um Sexismus, sondern um die poetische Erfahrung der Welt.

Auch der große Dichter Leonard Cohen, dessen lüsterne Geisterstimme wohlig warm durch Fabers Songs zu knistern scheint, sang von Huren und Blowjobs, vom größten und blondesten Mädchen, das er jetzt doch unbedingt nackt sehen müsse. Aber eigentlich sang er von seinen eigenen Unzulänglichkeiten, von der ewigen Sehnsucht, die ungestillt bleiben muss, weil sie alles will. Ist das jetzt Machismus? Mackerndes Jungmännertum? Ironie und Witz? All das trifft es nicht. Vielleicht hat Faber das einfach alles verstanden. Das mit dem Mann sein. Und das mit den Männern und Frauen. Hier und heute. Verstanden, dass wir alle Nutten sind. Und verstanden, dass wir nie vom Richtigen träumen.

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