Süddeutsche Zeitung

"Loud City Song" von Julia Holter:Im Los Angeles der Belle Époque

Mit ihrem neuen Album "Loud City Song" schwebt Ambient-Pop-Musikerin Julia Holter durch ihre Heimatstadt Los Angeles. Ihre Lieder erzählen Geschichten über eine nach Intrigen gierige Öffentlichkeit - und überwinden mit genauer Beobachtung und Expressivität die Sinnkrise des Pop.

Von Annett Scheffel

Schwebend, seltsam körperlos scheinen diese Lieder durch die Straßen der Stadt zu streifen. Sie folgen einem Mädchen, das suchend und voller Sehnsucht zwischen den Häuserwänden der Apartmentblöcke umherwandert. "World", das Eröffnungsstück von Julia Holters neuem Album "Loud City Song", steckt voller Augenblicke aus dem städtischen Leben: Während im Hintergrund behutsam die Bläser und Geigen einsetzen, singt Holter mit glockenhellem Sopran: "I play a game of tennis / Passing violence". Das Blicktennis des Sehen und Gesehenwerdens wird dabei im Vorübergehen zu einer Form von Gewalt.

Dass die 28-jährige Avantgarde-Pop-Musikerin aus Los Angeles als Inspiration für ihr drittes Album unter anderem den amerikanischen Dichter Frank O'Hara angibt, bekannt für seine New York-Betrachtungen der Sechzigerjahre, passt vor allem deshalb ins Bild, weil es auch bei Holter vor allem ums Flanieren und Herumstreifen geht. Ihre Songs erzählen von all den Widersprüchlichkeiten der Metropole, vom lauten Stimmengewirr und stummer Vereinsamung, von Voyeurismus und privaten Nischen, von Tagträumen und Desillusion.

Unter Eingeweihten hatte Julia Holter schon 2011 mit ihrem Debüt "Tragedy" für Aufmerksamkeit gesorgt. Es basierte auf der Euripides-Tragödie "Der bekränzte Hippolytos" - nicht gerade die Referenz, die man von einer jungen amerikanischen Popmusikerin erwarten würde. Und obwohl die Vergangenheit für sie immer ein Bezugspunkt war, passte auch der Begriff "Retro" nie zu Holters angenehm verschrobenem, sphärischen Ambient-Pop. Ihr zweites Album "Ekstasis " klingt bis heute eher zeitlos als alt. Das neue Werk "Loud City Song", das erstmals mit Band in einem richtigen Studio entstand, wirkt nach den zwei zu Hause produzierten Laptop-Platten sogar noch expressiver.

Zwischen L.A. und dem Belle-Époque-Paris

Laut Holter ist die Stadt, von der sie nun erzählt, eine Überblendung zweier Vorbilder: Elemente aus ihrer Heimatstadt Los Angeles vermischen sich mit dem Belle-Époque-Paris aus Vincente Minnellis Musicalfilm "Gigi" von 1958. Darin gibt es eine Szene, in der die junge Frau Gigi zum ersten Mal den Amüsiersalon Maxim's betritt und dabei sofort zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit wird. Julia Holter hat diese Passage gleich zweimal vertont: Die Stücke heißen "Maxim's I" und "Maxim's II". Beide erzählen von einer aufgeregten Öffentlichkeit, gierig nach Geschwätz und Intrige. Sobald sie in die Nachtwelt eintaucht, wird Holter von Blicken durchbohrt. Was im ersten Teil mit Streichern und Synthesizern noch schwelgerisch-verträumt klingt, schlägt im zweiten in klaustrophobische Enge um: "Maxim's II" ist ein fiebriges, paranoides Stück mit Flüstergesang, dröhnendem Saxophon, Posaunen und treibender Perkussion, das sich am Ende in tosendem Freejazz-Gejaule entlädt.

"Tonight the birds are watching me / Do they have more important things to do?", singt Holter dazu mit hoher, klarer Stimme. Diese Vögel sind tuschelnde, zwitschernde und womöglich twitternde Wesen. Angesichts dieser ständigen Überwachung, der unaufhörlichen Gier nach Prominenz und Klatsch vermengt sich Gigis altes Paris der Flanier-Boulevards mit den Paparazzi aus dem heutigen L.A.. Welchen Wert können in einer so zynisch gewordenen Welt noch die Gefühle haben? Das scheint sich Gigi genauso zu fragen wie Paris Hilton oder Julia Holter.

Ausweg aus der Sinnkrise des Pop

Im letzten Stück "City Appearing" findet die imaginäre Stadt dann doch noch zu einem seltsam friedlichen Ende: Die Bars sind menschenleer, die Vögel singen ein neues, zartes Lied. Vielleicht kehrt die verdrängte Natur zurück, vielleicht auch die Wahrheit, die Liebe, die Erkenntnis - die Künstlerin lässt es offen.

Julia Holters Musik ist Pop zum Nachdenken. Das klingt aufregender als es sich auf Papier erklären lässt: Jedenfalls hat Holter einen Ausweg aus der tiefen Sinnkrise des Pop gefunden - einfach, indem sie wieder Geschichten erzählt, beobachtet, fabuliert und dabei auf jede ironische Brechung verzichtet. Wer diese Musik hört, lebt danach in einer anderen, aufregenderen, schöneren Stadt.

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SZ vom 20.08.2013/khil
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