Süddeutsche Zeitung

Klassik:"In meinem Beruf werden viele zu Misanthropen"

Der künftige Chefdirigent der Bayerischen Staatsoper, Vladimir Jurowski, im Gespräch.

Vladimir Jurowski wurde in eine jüdisch-russische Musikerdynastie hinein geboren, er ist mit 18 nach Deutschland gekommen und mittlerweile zu einem international gefeierten Dirigenten aufgestiegen. Seit Herbst 2017 ist der 47-Jährige Chefdirigent des Berliner Rundfunk-Sinfonieorchesters. Er ist aber auch der designierte Nachfolger von Kirill Petrenko als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, im Herbst 2021 wird er seinen Dienst antreten. Am Sonntag eröffnet er die Berliner Konzertsaison beim Musikfest mit Strauss' "Frau ohne Schatten".

SZ: Herr Jurowski, Sie kommen in zwei Jahren nach München. Der designierte Intendant Serge Dorny und Sie haben bereits Ungewöhnliches für die Oper angekündigt.

Vladimir Jurowski: Es wird eine Mischung aus noch nicht Gespieltem und Wohlbekanntem sein. Ich wende mich zwar mit der Zeit dem klassischen Repertoire zu, aber zuerst möchte mich vor allem für die neuen oder weniger bekannten Stücke einsetzen. Serge Dorny und ich denken da absolut gleich und wir entscheiden zusammen über das Programm.

Können Sie schon etwas verraten?

Nur so viel: Ich erwarte die Zeit mit Vorfreude. In der kommenden Saison komme ich noch mal für ein Akademiekonzert als Gast nach München. Wir spielen Mozart und Bruckners Dritte.

Wie sehen Sie das Münchner Publikum?

Es ist weitaus weniger konservativ, als ihm nachgesagt wird. Ich habe es sehr offen gegenüber Neuem erlebt - wenn es gut ist. Mir ist noch gut in Erinnerung geblieben, wie positiv Prokofjews selten aufgeführte Oper "Der feurige Engel" aufgenommen wurde. Natürlich müssen die Münchner erst einmal Vertrauen zu mir aufbauen.

Ihr Vorgänger Kirill Petrenko gilt als menschenscheu. Sie dagegen haben den Ruf eines sehr gesprächigen Dirigenten.

Ich liebe es, mich mit Menschen auszutauschen. Das mag aus meinem Mund etwas seltsam klingen. In meinem Beruf werden viele zu Misanthropen. Erstens begegnet man als Dirigent täglich Hunderten von Menschen. Danach möchte man sich lieber zurückziehen. Zweitens übt man als Dirigent ständig die Rolle des Bestimmers aus, und irgendwann vereinsamt man daran. Das hat mich früher oft abgeschreckt.

Haben Sie sich denn mittlerweile an diese einsame Rolle gewöhnt?

Na ja, mir gefällt es, wenn Musik genauso erklingt, wie ich sie mir vorstelle.

Sie mögen also die Kontrolle?

Ja, ich kann den Musikern schon auf die Nerven gehen, wenn es mir um die Ausarbeitung konkreter Passagen geht. Aber idealerweise schwebt mir natürlich eine Partnerschaft mit dem Orchester vor.

Ihr Urgroßvater war Dirigent, Ihr Bruder und Ihr Vater sind ebenfalls Dirigenten, Ihr Großvater war Komponist, Wie wäre Ihr Leben verlaufen, wenn Sie in eine unmusikalische Familie reingeboren wären?

Wahrscheinlich wäre ich kein Musiker geworden. Ich kann nicht sagen, dass ich immer davon geträumt habe, Dirigent zu werden. Es gab auch mal eine Zeit, in der ich gezwungen werden musste, Klavier zu üben. Ich wollte lieber draußen spielen oder lesen. Und mit 14 entdeckte ich die Rockmusik für mich. Das legendäre Album "The Wall" von Pink Floyd war ein absolut schockierendes und grandioses Hörerlebnis. Oder Queen! Später hörte ich auch russische Rock-Musik von Bands wie DDT oder Aquarium.

Ein Rockstar ist aus Ihnen aber nicht geworden.

Der Geist des Rock lebt in mir weiter. Ich verwirkliche meinen inneren Rocker eben etwas anders.

Sehr anders.

Als mir endlich dämmerte, was ich werden will, war ich mitten in der Pubertät. Ich habe mich damals Hals über Kopf in die Klänge von Mahlers Symphonien verliebt. Anfangs ging es mir vor allem um die Musik, die mir am Herzen lag. Ich wollte sie mit meinen eigenen Händen reproduzieren.

Sie sind im Jahr 1990 mit Ihrer Familie aus Moskau nach Ostdeutschland gekommen, da waren Sie 18 Jahre alt. Wie haben Sie die erste Zeit überstanden?

Das war wie ein doppelter Abschied von der Kindheit. Da halfen nur Willensstärke, ein heller Kopf und der Wusch, dazubleiben. Ich wollte um jeden Preis den Wehrdienst in der russischen Armee vermeiden. Ein Zurück kam nicht infrage.

Mittlerweile fahren Sie als Leiter des Svetlanov-Sinfonieorchesters wieder regelmäßig nach Russland.

Dank der Reisen kann ich unnötige Anfälle von Nostalgie abschirmen. Ich habe das echte, heutige Russland kennengelernt. Das Russland, das ich noch vermissen könnte, existiert nur noch in meinem Kopf. Die guten Seiten jedenfalls.

Und die schlechten?

Nun, die Sowjetunion lebt auf eine Art weiter fort.

Sie machen in Russland keinen Hehl aus Ihrer liberalen Einstellung.

Dafür muss ich nicht zur Demo gehen, ich sage oft genug in meinen Konzerteinführungen, was ich denke. Die patriotisch gesinnte Presse verschonte mich zwar nicht, als ich mich über die Annexion der Krim, gegen den ukrainischen Krieg oder für die Rechte von Homosexuellen äußerte, aber das hatte bisher keine Folgen. Meine Familie und ich machen uns wegen des Rechtsrucks in Deutschland große Sorgen. Falls nötig, werde ich mich auch hier mit einem Appell ans Publikum wenden. Heute darf man nicht unpolitisch bleiben, denn es geht um unsere gemeinsame Zukunft. Musik strebt nach einem Ideal der Harmonie, und Ideale muss man verteidigen.

Aber gerade in der Klassik gibt es doch die größten Schrecken. Die Libretti der Oper drehen sich oft um Krieg, Hass oder Mord.

Ich spreche über etwas anderes. Über Musik, die dem Bösen dient. Schostakowitsch zum Beispiel ist seinen Überzeugungen treu geblieben. Er hat Prokofjew für seine Kantate "Aleksander Nevski" stark kritisiert, er habe darin ethische Normen verletzt und mit der Musik das Böse verherrlicht. Ich habe deshalb irgendwann aufgehört, dieses Werk zu spielen.

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SZ vom 30.08.2019
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