Süddeutsche Zeitung

"Burning" im Kino:Wenn der Feuerteufel kommt

Obsessionen, auf die selbst der Chefparanoiker Alfred Hitchcock eifersüchtig wäre: Der südkoreanische Thriller "Burning" ist einer der besten Filme des Jahres.

Der Erlebnishorizont eines Kinozuschauers im Jahr 2019 sieht in der Regel so aus: Man geht vorbei am Werbeplakat für "Star Wars 9", hinein in die Vorführung von "X-Men 12" und bereitet sich innerlich schon mal auf den Kinostart von "James Bond 25" vor. Währenddessen verzweifelt man ein bisschen daran, dass keine dieser Nummern ein Witz ist, sondern harte Fortsetzungsrealität, und die Big-Macisierung des Kinos fast vollständig abgeschlossen wurde.

Umso größer das Glück, wenn man ab und an daran erinnert wird, dass es auch anders geht und noch Filme jenseits der Fließbandproduktion mit ihren standardisierten Zutaten gedreht werden. So wie zum Beispiel der südkoreanische Liebesthriller "Burning" von Lee Chang-dong, der zum Besten gehört, was man dieses Jahr im Kino sehen kann.

Ein junger Mann namens Jongsu (Yoo Ah-in), der auf der verlassenen Farm seiner Eltern lebt, von einer Schriftstellerkarriere träumt und sich in der nahen Großstadt mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, trifft auf der Straße eine Freundin aus Kindertagen. Er kann sich nicht erinnern, sie gekannt zu haben, aber als Haemi (Jeon Jong-seo) ihn anspricht und einen gemeinsamen Drink vorschlägt, willigt er ein.

Mandarinen schälen als Balztaktik

Also sitzen sie beim Bier in einem kleinen Straßenimbiss, wo Haemi stolz berichtet, dass sie kürzlich einen Pantomimekurs belegt habe. Zum Beweis fängt sie an, eine unsichtbare Mandarine zu schälen. Ein bisschen lasziv, ein bisschen naiv schiebt sie sich ein Obststückchen nach dem anderen in den Mund und zieht ab und zu einen der fiesen weißen Fruchtfäden, die auch bei fiktiven Mandarinen zwischen den Zähnen hängen bleiben, mit spitzen Fingern heraus. Eine etwas kryptische, aber erfolgreiche Balztaktik - Jongsu verliebt sich.

Die beiden verbringen in ihrem winzigen, vollgestopften Apartment eine etwas linkische Liebesnacht, in der das Kondom nicht so will, wie es soll und überhaupt diese beiden Körper weit von einer natürlichen gemeinsamen Bewegung entfernt sind. Eine durchaus sympathische Unbeholfenheit, weil sie von den perfekt choreografierten Geschlechtsverkehranordnungen, die im Mainstreamkino sonst gerne aufgeführt werden, nicht weiter entfernt sein könnte.

Trotz der Tapsigkeit steigert diese Nacht Jongsus Begehren, und vor allem seine Enttäuschung, als Haemi ihm eröffnet, dass sie bald zu einer langen Reise aufbreche und sie sich vorerst nicht wiedersehen können. Sie bittet ihn, in der Zwischenzeit ihre Katze zu füttern. Doch nie, wenn Jongsu sehnsüchtig die winzige Einzimmerwohnung betritt, um das Trockenfutter nachzufüllen, ist in den folgenden Wochen auch nur ein einziges Mal eine Katze zu sehen.

"Burning" basiert auf einer Kurzgeschichte des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami mit dem Titel "Scheunenabbrennen". Kaum zwanzig Seiten ist sie lang, und doch entwirft Murakami darin ein ganzes Panorama nicht- oder scheinexistenter Lebens- und Liebesmomente, die wie fürs Kino gemacht sind. Das faszinierte den südkoreanischen Regisseur Lee Chang-dong, den die Geschichte um den jungen Mann und seine rätselhafte Freundin an den trügerischen Kern der Filmkunst erinnerte. "Kino", sagt Lee, "ist ja selbst schon eine Illusion, auf die Leinwand projizierte Lichtstrahlen ..."

Der 65-Jährige gehört neben Filmemachern wie Park Chan-wook ("Oldboy") und Bong Joon-ho (der gerade in Cannes die Goldene Palme für "Parasite" gewonnen hat), zu den großen Namen des südkoreanischen Films. Die vergleichsweise kleine Kinonation füllt schon seit Jahren ganz meisterlich eine große Lücke in der internationalen Filmkunst, seit andere große Kinoländer wie die USA oder Frankreich sich immer mehr auf Superheldenaction und Multikultikomödien konzentrieren.

Lee hat Murakamis Erzählung von Japan nach Südkorea verlegt und zu einem unheimlichen Thriller weitergesponnen. Von ihrer Reise bringt Haemi einen anderen Mann mit, ebenfalls Koreaner, den sie auf ihrem Trip kennengelernt hat. Ben (Steven Yeun) ist älter und selbstbewusster als Jongsu, die Markenklamotten sitzen beinahe unverschämt perfekt an seinem trainierten Fitnessstudiokörper. Die Frau stellt die beiden Männer einander vor, ohne dem jeweils anderen einen genauen Beziehungsstatus zu erläutern. Von da an bilden die drei ein Trio, bei dem keiner genau weiß, wie er eigentlich zum anderen steht. Haemi und Ben besuchen Jongsu auf seinem heruntergekommenen Bauernhof an der Grenze zu Nordkorea.

Der Nebenbuhler zündet nachts gerne Gewächshäuser an

Fasziniert blicken sie durch die Dämmerung über die Felder ins Nachbarland, wo aus der Ferne der Singsang der nordkoreanischen Staatspropaganda aus Lautsprechern zu hören ist. Während die Nacht hereinbricht und die drei im sanften Rotweinrausch einen Joint herumgehen lassen, schläft das Mädchen ein und die beiden Männer - Konkurrenten? Verbündete in einer merkwürdigen Dreiecksbeziehung? - suchen nach Gesprächsstoff. Da erzählt Ben von einer heimlichen Leidenschaft. Ab und an würde er nachts aufs Land fahren und Gewächshäuser anzünden, ein bisschen Kerosin, ein Streichholz ... Dann würde er aus sicherer Entfernung den Flammen bei ihrer Arbeit zusehen und sich im Schutz der Dunkelheit aus dem Staub machen. Auch das nächste Gewächshäuschen habe er schon ausgekundschaftet, es sei ganz in der Nähe, Jongsu solle gut achtgeben.

Bei Murakami endet die Erzählung mit dem verzweifelten Jongsu, der daraufhin wie besessen die Gewächshäuser in der näheren Umgebung kartografiert und Nacht für Nacht darauf wartet, dass eines abbrennt. In Lee Chang-dongs Film kommt die Story hier erst richtig in Fahrt, denn was als etwas obskure Liebesgeschichte begann, wird nun zu einem Thriller über Obsessionen, auf den selbst der Chefparanoiker des Kinos, Alfred Hitchcock, eifersüchtig gewesen wäre. Nach der Nacht auf dem Land verschwindet das Mädchen Haemi. Es gibt keine Spur mehr von ihr. Hat der Nebenbuhler, der gerne Gewächshäuser anzündet, etwas damit zu tun? Jongsu stellt dem anderen heimlich nach, er sucht nach einem Puzzleteil, das ihm in diesem Spiel entgangen sein könnte. Manisch streift er bis zum Morgengrauen herum, auf der Suche nach dem Mädchen oder einem abgebrannten Schuppen. Bald beginnt er an sich selbst zu zweifeln, fragt sich, ob es das Mädchen und den Feuerteufel vielleicht nur in seiner Einbildung gegeben hat? Eine Figur, das darf man verraten, wird diese Geschichte nicht überleben. Es wird ein Blutopfer geben, weil der Verstand einem manchmal die seltsamsten Dinge vorspielen kann. Und die Größe dieses Films besteht darin, dass er einen Zustand der permanenten Verwirrung heraufbeschwört, ein Stadium zwischen Schlafen und Wachen, und nie alle Fäden zusammenführt.

Bei ihrem ersten Date, als Haemi ihre unsichtbare Mandarine isst, erklärt sie Jongsu die große Kunst der Pantomime. Es geht, sagt sie, nicht darum zu denken, dass da eine Mandarine in deiner Hand liegt. Sondern darum zu vergessen, dass es gar keine Mandarine gibt.

Burning, Südkorea 2018 - Regie: Lee Chang-dong. Buch: Oh Jung-mi, Lee Chang-dong. Kamera: Hong Kyung-pyo. Mit: Yoo Ah-in, Jeon Jong-seo, Steven Yeun. Capelight, 148 Minuten.

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SZ vom 05.06.2019/tmh
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