Süddeutsche Zeitung

Jazz:Bitterernst

Es war überfällig, mit wissenschaftlicher Präzision das Leben der Jazzmusiker in Deutschland zu untersuchen. Das Jazzinstitut Darmstadt hat nun über zweitausend hauptberufliche Jazzmusiker befragt.

Von Andrian Kreye

Es war überfällig, dass einmal mit wissenschaftlicher Präzision das Leben der Jazzmusiker in Deutschland untersucht wird. Das kundige Jazzinstitut Darmstadt hat es getan, die Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters, und eine ganze Reihe staatlicher und unabhängiger Institutionen haben es unterstützt. Mehr als zweitausend hauptberufliche Jazzmusiker wurden befragt. Herausgekommen ist das Bild eines brillanten Prekariats (http://jazzstudie2016.de/). Überfällig war das, weil die ganze Härte des Musikerlebens bisher nur anekdotisch überliefert wurde. Und viele, die es wagten, im heimeligen Kokon der vielen Jazzinstitutionen (immerhin gibt es in Deutschland in jedem öffentlich-rechtlichen Rundfunksender eine Jazzredaktion, es gibt bekannte Clubs, große Tourneen und unzählige Jazz-Fakultäten an Hochschulen und Konservatorien), wurden als Nestbeschmutzer beschimpft.

Jetzt lässt es sich aber nicht mehr abstreiten. Das Leben als Jazzmusiker ist hart und bitter. Oder wie es die Staatsministerin im Vorwort der Studie freundlich formuliert: "Liebe, Inspiration und eine gute Portion Idealismus gehören zum Jazz wie die musikalische Improvisation." Heißt übersetzt: Wer sich in den Jazz begibt, kommt in Armut darin um.

Wer sich in den Jazz begibt, kommt in Armut darin um

Die Zahlen: 68 Prozent der hauptberuflichen Jazzmusiker verdienen 12 500 Euro oder (meist) weniger im Jahr, nur zehn Prozent mehr als 20 000 Euro. Bei der Hälfte aller Auftritte bleiben maximal 50 Euro Gage hängen. Eine für die Studie festgelegte Einstiegsgage von 250 Euro pro Musiker wird bei 84 Prozent der Auftritte nicht erreicht. Wobei mehr als die Hälfte der Befragten 25 oder weniger, zehn Prozent sogar weniger als fünf Auftritte pro Jahr haben. Dabei verfügen mehr als drei Viertel von ihnen über eine Hochschulausbildung. Von Gagen ist durchweg die Rede, weil: "Wirtschaftliche Erfolge sind mit den selbst produzierten und finanzierten CDs nicht mehr zu erwarten." Für die wenigen Produktionen bei etablierten Labels gilt meist das Gleiche.

Die prekäre Situation ist nichts Neues. Auch in den USA gibt es in der Jazzszene längst eine Debatte um drohende Verarmung und fast schon garantierte Altersarmut. Das Kreuz des Jazz war immer, dass er Kunst auf anspruchsvollstem Niveau produzierte, die sich nach den Gesetzen des freien Marktes wie Popmusik behaupten musste. Selbst den wenigen, denen es gelingt, sich einen großen, sogar internationalen Namen zu erspielen, erreichen maximal gutbürgerlichen Wohlstand. Reich werden sie höchstens, wenn sie Werbe- und Filmmusik produzieren. Nun wäre die Studie nur ein statistisches Lamento, hätte sie nicht auch Lösungen parat: Weil es mehr und besser ausgebildete Jazzmusiker in Deutschland gibt als je zuvor, weil Jazz gerade in Deutschland eine kulturhistorisch wichtige Rolle spielt, solle die Politik hier nachhelfen. Eine Art Mindestlohn wird gefordert, jene Einstiegsgage von 250 Euro pro Musiker und Auftritt. Clubs sollten genauso gefördert werden wie die Verknüpfungen mit anderen Kultursparten. Und im Absatz über eine mögliche Schlüsselrolle der Jazzmusiker in der kulturellen Bildung wird noch einmal deutlich, wie gut die Verfasser der Studie den Kern der Musik verstehen: Der Jazz vermittle Offenheit, Kommunikation und Freiheit wie kaum eine andere Kunstform. Warum sollten die Musiker diese Kompetenz nicht weitergeben? Für gutes Geld natürlich.

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Quelle:
SZ vom 06.04.2016
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