Süddeutsche Zeitung

Jahrhundertgenie Vladimir Horowitz:Im heiligen Saal

Die Carnegie Hall in New York war so etwas wie das Wohnzimmer des legendären Pianisten Vladimir Horowitz. Hier trat er ab 1928 regelmäßig auf. Viele dieser Konzerte wurden aufgezeichnet und dokumentieren die Entwicklung eines Jahrhundertgenies. Auf 41 CDs lässt sie sich nun mitverfolgen.

Von Helmut Mauró

Es gibt Konzertsäle, die so einzigartig klingen, dass man unweigerlich den Eindruck hat, in den Wänden und Böden seien all die berühmten musikalischen Sternstunden klanggespeichert, die diese Häuser erlebt haben. Die New Yorker Carnegie Hall ist so ein heiliger Saal, und er ist eng mit dem Pianisten Vladimir Horowitz verbunden, der hier über mehr als drei Jahrzehnte hinweg seine wichtigsten, oft einzigen, Solokonzerte gab.

Auf 41 CDs sind nun die meisten dieser Auftritte zusammengefasst (Sony), sodass man Konzert für Konzert nachvollziehen kann, wie sich Horowitz zum Jahrhundertpianisten entwickelte. Die Carnegie-Konzerte begründeten seine dritte und entscheidende Karriere.

Horowitz, 1903 im ukrainischen Berdytschiw geboren, war ein Wunderkind - seine Fingertechnik und sein Gedächtnis sind Legende, und das blieb er ein Leben lang. Seine Weltkarriere begann er als 20-Jähriger in Leningrad; da spielte er in einem Winter zwanzig Konzerte mit verschiedenen Programmen. Zwei Jahre später reüssierte er in Berlin und Hamburg, 1928 zum ersten Mal in der New Yorker Carnegie Hall. 1939 zog er ganz nach New York, nachdem er 1932 erneut dort spielte, diesmal mit Dirigent Arturo Toscanini, dessen Tochter Wanda er 1933 heiratete.

Wanda behielt ihren Familiennamen und, wie sich nicht erst in den späten Jahren zeigte, auch ihr Selbstbewusstsein, Tochter eines der bedeutendsten Dirigenten zu sein. Eine Filmdoku- Szene zeigt das deutlich: Er spielt Mozart. Wanda gibt Spielanweisungen auf Französisch. Er überspielt diese Demütigung schnell mit ein paar Arpeggios.

Trotzdem sind Wanda Toscanini und die New Yorker Carnegie Hall gleichsam die Fixpunkte in Horowitz' Karriere, und umgekehrt lässt sich kaum eine Lebensbahn so genau an einem Aufführungsort nachvollziehen wie diese, die mit Unterbrechungen bis Oktober 1989 dauerte. In die Auftrittspausen aber fallen fundamentale Krisen und tief gehende Depressionen, die Jahre dauerten. Dazu kam der problematische Umgang mit seiner Homosexualität.

Aufruhr beim Comeback

Glenn Plaskin erwähnt in seiner Horowitz-Biografie, dass sich der Pianist in den fünfziger Jahren psychologisch behandeln ließ, um "seine sexuelle Identität zu verändern". In den USA geschah dies bis in die Siebziger Jahre mittels Aversionstherapie durch Elektroschocks.

Es gab Musiker, die konnten danach nicht mehr spielen. Zwischen 1953 und 1965 betrat Horowitz kein Podium, ließ lediglich Aufnahmen im heimischen Wohnzimmer zu. Er hatte sich wohl mit seinem Schicksal arrangiert. Umso verblüffter war er über den Aufruhr, den sein Comeback 1965 verursachte.

Perlendes Fingerspiel als Markenzeichen

Binnen zwei Stunden war die Carnegie Hall ausverkauft, für den Konzertbericht räumte die New York Times die obere Hälfte ihrer Titelseite frei. In diesem Konzert feiert Horowitz seine Hausgötter: Bach, Schumann, Skrjabin, Chopin. Auf sie kommt er immer wieder zurück, auch wenn sein Repertoire im Vergleich zu den meisten Pianistenambitionen heute - mit Ausnahme von Daniil Trifonov - riesig erscheint.

Trifonov ist auch der einzige der nachwachsenden Generation, dessen Namen man seriöserweise in einem Atemzug mit Horowitz nennen kann. Er spielt Franz Liszts h-Moll-Sonate noch nervös-feingliedriger als Horowitz: als rasenden, fatalistisch klaren Fiebertraum.

Franz Liszt, Alexander Skrjabin, Frédéric Chopin - bei den Werken dieser Komponisten verfeinert nicht nur Trifonov, sondern schon Horowitz seine Klavierkunst.

Am Anfang seiner Karriere hatte er gerne auf virtuose Schlachtrösser gesetzt, allen voran Tschaikowskys b-Moll-Konzert, später zog er mit Skrjabin, Debussy, Kabalevsky und Prokofiev in Bann. Letzteren mit einer Unbedingtheit und Gelöstheit, wie man sie erst wieder beim jungen Ivo Pogorelich wiederfindet. Horowitz erschloss sich ein Repertoire, das seiner Neigung zum jeu perlé entsprach, jenem perlenden Fingerspiel, das immer mehr zu seinem Markenzeichen wurde.

Dabei entdeckte er zwei Komponisten für den Konzertsaal, die man bis dahin dort nicht spielte: Muzio Clementi, den er unmittelbar vor Beethoven als eigentlichen Begründer der klassischen Klaviertechnik ausmachte, und Domenico Scarlatti, den er mit luzidem Witz und einer tiefernsten Spielfreude vorführte, wie dies später vielleicht nur noch Christian Zacharias und Mikhail Pletnev annähernd schafften.

Leicht ironischer Anstrich

Jüngere, wie Alexandre Tharaud oder Andreas Staier auf dem Cembalo wirken dagegen musikalisch nahezu unbeholfen. Die Leichtigkeit, die bei Scarlatti den Kompositionen selber innewohnt, übertrug Horowitz auch auf scheinbar Schwergewichtiges wie Liszts "Ungarische Rhapsodien" oder sogar Prokofievs siebte Klaviersonate, die dadurch einen leichten ironischen Anstrich erhält - auch dies schält sich allmählich als Merkmal Horowitzscher Spielkunst heraus.

Man muss sich nur einmal das Andante spianato der "Grand polonaise" op.22 vergegenwärtigen. Lang Lang nimmt diese charmante Einleitung so schwergewichtig, als ginge es um die intellektuelle Aufarbeitung einer Beethoven-Sonate. Um ganz sicher zu gehen, belastet er jeden Ton mit weit ausholender Bedeutung - eine staunenswert kultivierte Form von Oberflächlichkeit.

Logik als Voraussetzung für musikalische Kontur

Ingolf Wunder spielt das mit angenehm zurückhaltender Leidenschaft, erinnert sehr an Arthur Rubinstein. Aber um wie vieles zarter hat Horowitz die ornamentale Einleitung ausgearbeitet, um wie vieles genauer gewichtet er den Ton zwischen musikalisch bedeutsam und leichthin erzählt.

Nur ein kleines Einknicken ins Pianissimo - viel mehr Unterschied ist äußerlich gar nicht festzustellen. Aber welch gewaltige Wirkungsdifferenz entsteht hier.

Ganz anders bei Bach: Zieht man etwa für die Toccata und Fuge BWV 911 den gemeinhin als Genie Bachscher Wiedergabekunst geltenden Glenn Gould heran, so kann man in wenigen Minuten zwei Möglichkeiten des Musizierens kennenlernen. Erstens eine hoch intellektuelle und entsprechend im Detail oft werkignorante Version der rhetorischen Frage "Wie genial bin ich eigentlich?" Zweitens Horowitz' Auffassung "was ist eigentlich so genial an Bach?" Keine Frage, Gould spielt den Kontrapunkt im Verlauf der Fuge gnadenlos klar heraus, und das ist faszinierend und aufregend.

Aber mit welch grober Pranke wischt er über das Fugenthema zu Beginn hinweg, und wie logisch akzentuiert hier Horowitz den Rhythmus, sodass musikalische Kontur entstehen kann?

Horowitz spricht in der Sprache Bachs, Gould scheint darüber zu reflektieren und kommt mal zu spannenden Überraschungen, mal zu langweilig gleichförmigen Wiederholungen. Weil er sie manieristisch überspitzt gleichschaltet. Kein Musiker käme auf die Idee, die gleichen Noten immer gleich zu spielen. Das geht nur, wenn man die Partitur als Formelsammlung begreifen will.

Dass Horowitz keineswegs über alle technischen Probleme erhaben war, hört man in drei Versionen von Chopins g-Moll-Ballade vom Mai 1965, Januar 1968 und Februar 1968. Zwischen den ersten beiden Konzerten liegen Welten technischer Raffinesse und musikalischer Feinarbeit.

Nur einer spannte den Hörer noch mehr auf die Folter

Wie vorsichtig sich Horowitz dem nähert, wie er es mit kindlichen Augen neu entdeckt - das zieht den Hörer ganz tief hinein in diese Klangtraumwelt, in der es soviel zu erzählen gibt. Und die Kunst des Erzählens ist zweifellos die zentrale Stärke dieses Jahrhundertpianisten: farbenreich, dramatisch zugespitzt, elegant routiniert, dann wieder selbst überrascht.

Nur wenige haben so erzählen können, und nur einer spannte den Hörer noch mehr auf die Folter, plauderte noch freimütiger und überwältigte noch mitreißender: Arturo Benedetti Michelangeli in seiner Aufnahme der Ballade von 1962. Dass es nun, mit Daniil Trifonov, noch einmal einen Pianisten gibt, der Horowitz das Wasser reichen könnte, damit hat man kaum gerechnet. Damit kann die große Pianisten-Tradition, die mit Clementi begann und in Horowitz einen ihrer großen Höhepunkte erreichte, fortgeschrieben werden.

Ist es Zufall, dass Trifonovs Debüt-Album mit Werken von Skrjabin, Liszt und Chopin in der Carnegie Hall aufgenommen wurde?

Vladimir Horowitz, Live at Carnegie Hall, Box-Set: 41 CDs + 1 DVD, RCA Red Seal, 99,99 Euro.

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Quelle:
SZ vom 18.01.2014/pak
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