Süddeutsche Zeitung

Album "Senjutsu":Luftnummern von Iron Maiden

Die Musiker der Heavy-Metal-Band wollen sich neu erfinden. Mehr Umweltschutz, weniger Flugzeug und auch mal Überraschungen beim Songwriting. Sagen wir so: Zumindest das mit der "Ed Force One" hat geklappt.

Von Nicolas Freund

Im Fanshop der britischen Heavy-Metal-Legende Iron Maiden gab es neben Schlüsselanhängern mit blutigen Äxten und einem Hawaiihemd lange Zeit auch Schweißbändern und Sporttrikots mit dem Bandlogo zu kaufen. Den Status des Merchandise im Metal sollte man nicht unterschätzen, martialische T-Shirts und andere Kleidungsstücke sind essentieller Bestandteil des Lifestyles. Und die Sportkleidung trugen die Bandmitglieder auch immer wieder selbst auf der Bühne, schließlich absolvierten die mittlerweile sechs langhaarigen Gentlemen dort jahrzehntelang Abend für Abend ein stattliches Fitnessprogramm mit Rennen, Hüpfen und wilden Kämpfen gegen das Bandmaskottchen, den Zombie Eddie. Musik machten sie dazu auch noch.

Schneller, härter, lauter galt bei ihnen schon immer nicht nur für die Musik

Zugegeben, auf der letzten Tour sind die Sporteinlagen schon deutlich zurückgefahren worden, aber wenn man sich heute anschaut, was die Band vor zwanzig Jahren auf der Bühne veranstaltete (leicht überprüfbar zum Beispiel mit der fantastischen "Rock in Rio"-Liveaufnahme von 2001), muss man sagen: Da gehören Schweißbänder zur Grundausstattung. Schneller, härter, lauter galt bei Iron Maiden schon immer nicht nur für die Musik.

Auf der Tour zum Album "The Book of Souls" von 2015 war die Band mit einer bühnenfüllenden Mayatempel-Attrappe unterwegs, in der Sänger Dickinson, wenn gerade die Gitarren dran waren, wie ein Junge auf dem Spielplatz herumkraxelte. Bei der letzten Tour ließ die Band zu Konzertbeginn ein Spitfire-Flugzeug der Royal Air Force in Originalgröße über der Bühne schweben. Die Nähe zur Barockoper wird der Band nicht nur wegen des die Kompositionen bestimmenden Generalbasses von Bandchef Steve Harris nachgesagt.

Andere Bands reisen im Bus, "Iron Maiden" im eigenen Jumbojet

Noch mehr Aufmerksamkeit als die Veröffentlichung ihres neuen Albums, um das es gleich geht, erregte deshalb vor ein paar Tagen die Nachricht, dass die Band auf der kommenden Tour fortan nicht mehr mit dem eigenen Flugzeug, der Ed Force One reisen wolle. Der Jumbojet war 2016 gut für ein paar Größenvergleichswitze, als er am Flughafen Zürich die Dienstmaschinen von Angela Merkel und von François Hollande ziemlich mickrig aussehen ließ. Dazu setzte sich Frontmann Bruce Dickinson auch mal persönlich ans Steuer. (Er kann das, er ist wirklich Pilot.) Andere Bands reisen im Bus, Iron Maiden im eigenen Jumbojet, den sie auch noch selbst fliegen.

Wenn die Ed Force One jetzt also im Hangar bleiben soll, dann ist das eine Ansage. In der symbolischen Ordnung Iron Maidens kommt es einer Selbstkastrierung gleich. Die Band begründet den einschneidenden Schritt mit Umweltschutz und den organisatorischen Problemen, die das Verwalten eines Jumbojets neben einer Welttournee mit sich bringt. So vernünftige Argumente hätte man gar nicht erwartet, nachdem Bruce Dickinson es zuletzt vor allem mit seiner Verwunderung über die Einschränkungen durch den Brexit in die Zeitungen geschafft hatte - der Sänger war nämlich bis vor Kurzem ein großer Verfechter des Austritts Großbritanniens aus der EU gewesen. Dass sein Job damit wesentlich schwieriger wird, hatte er nur wohl nicht bedacht. Kann sein, dass nun gerade diese Brexit-Bedingungen auch dazu beitragen, dass der Band-Flieger am Boden bleiben muss.

Wird wegen des Brexit, für den sich Dickinson so einsetzte, jetzt zwangsläufig alles eine Nummer kleiner? Das neue Album mit dem ratlos machenden Titel "Senjutsu" dauert jedenfalls wieder endlose 82 Minuten. Vom Cover grinst das Maskottchen-Monster Eddie als blutrünstiger Samurai. Nach den Maya wird die Corporate Identity jetzt also auf Japan gemünzt, was aber auch eigentlich komplett egal ist. Die Band hat immer solche wechselnden Konzepte, die sich aber vor allem auf das Merchandise niederschlagen. Wenn man ganz genau hinhört, könnte es sein, dass sich in ein oder zwei Melodien der neuen Songs so etwas wie eine japanisch angehauchte Notenfolge eingeschlichen hat. Ist aber vermutlich Einbildung. Wahrscheinlicher geht die Band, wenn das jemals wieder möglich sein wird, dieses Mal einfach mit einem (kleinen) japanischen Tempel auf Tour und Dickinson darf während der ausufernden Gitarrensoli mit einem Samuraischwert herumfuchteln. Bei dem Konzept geht es also vor allem um die Show.

Vor ein paar Jahren haben Iron Maiden schließlich begonnen, sich auch beim Songwriting auf ihre megalomanische Seite zu konzentrieren. Die neueren Werke dauern oft um die zehn Minuten, mit ausladenden Gitarrenparts (müssen ja alle der drei Gitarristen mal drankommen), endlos wiederholten Refrains und Akustik-Intros in jeder Variante. Das ging auf den vorangegangenen Alben, vor allem auf "The Book of Souls" und "A Matter of Life and Death" sogar durchaus als progressiv durch. Man merkte, dass die Band sich ausprobieren wollte, um nicht einfach das Metal-Muster, das sie mit "The Trooper" ohnehin bereits 1983 perfektioniert hatte, einfach endlos zu wiederholen.

Vieles ist ein ziemlich dreistes Selbstplagiat

Diesen drohenden Fehler, den die Band einst vermieden hat, macht sie nun aber mit ihren neuen Zehnminütern. Die neuen Songs klingen fast alle wie Varianten des Songs "The Clansman" von 1998, nur weniger dramatisch. Im Vorfeld wurden große Überraschungen angekündigt, gemeint war damit wohl dieses eine Intro, das mit etwas gutem Willen auch von Neil Young sein könnte ("Lost in a Lost World"). Alles ist sehr elegisch gehalten. (Vielleicht aus Trauer um das Flugzeug?) Vieles ist ein ziemlich dreistes Selbstplagiat.

Es gab immer wieder schwache Alben von Iron Maiden. Nur gerade jetzt hätte die Chance bestanden, einmal die Musik in den Vordergrund zu stellen. Schweißbänder gibt es im Shop ja auch schon länger keine mehr.

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