Süddeutsche Zeitung

Im Kino: Nanga Parbat:Unerbitterlicher Aufstieg

Joseph Vilsmaier und Reinhold Messner suchen Kampf und Sieg am "Nanga Parbat". Das Drama einer Brüderschaft.

Fritz Göttler

Warum war sie rot, die Rakete am Nanga Parbat, die Reinhold Messner und die anderen Männer, die darauf brannten, endlich die Todeszone in Angriff zu nehmen, informieren sollte über die Wetterlage am Berg, am 27.Juni 1970? Funkkontakt war nicht möglich mit dem Basislager, also sollte Rot schlechtes, Blau gutes Wetter signalisieren. Die Rakete war rot, aber das Wetter war gut. Eine falsche Verpackung, eigentlich hätte man doch Blau zünden wollen. So erklärt es der Expeditionsleiter, Dr. Karl Maria Herrligkoffer. Oder sollte es gar ein absichtlicher Fehlgriff gewesen sein, eine kleine Manipulation, um den einzelgängerischen Reinhold Messner bei seinem Gipfelsturm auszubremsen?

So möchte man das Unbehagen deuten, das der Doktor im Blick hat, wenn er seine Erklärung abgibt. "Die rote Rakete am Nanga Parbat" hat Messner seinen Bericht über die Geschichte der Expedition, der Bezwingung der berüchtigten Rupalwand, 4500 Meter hoch, der massivsten der Welt, und den Tod seines Bruders Günther genannt, 1971.

Das Buch wurde sogleich verboten, schon deshalb weil Herrligkoffer die Exklusivrechte am abenteuerlichen Stoff hatte. 2001 hat sich Messner dann mit anderen Teilnehmern der Expedition angelegt, sie hätten ihm und seinen Bruder nicht alle erdenkliche Hilfe zukommen lassen und wären nicht sonderlich traurig gewesen, dass die Messner-Brüder nach ihrem Gipfelsieg verschollen zu sein schienen. Messner habe im Gipfelsturm-Furor auch den Tod des Bruders riskiert, erst der Fund von Günthers Leiche 2005 und entsprechende DNS-Proben hätten die Sachlage juristisch geklärt.

Der Clash mit Dr. Herrligkoffer (Karl Markovics) zieht sich durch den ganzen Film, man merkt, Messner ist nicht sein Lieblingsschüler. Der Doktor hat einen Moses-Komplex, seit Jahren organisiert er Expeditionen zum Nanga Parbat, aber er steigt nie selber ein, leitet alles vom Basislager aus. Perfekt ist er hier, wenn Fotos das Geschehen festhalten sollen, da schiebt er sich, instinktiv, unweigerlich ins Zentrum der Bilder.

Messner ist die neue Generation, ein Stürmer und Dränger, der nicht aufs schwerfällige Team setzt - schwerfällig auch wegen der Konkurrenz- und Neidgefühle, die kreuz und quer durchs Lager schwirren. Mit Herrligkoffer serviert er auch den ganzen lästigen nationalen Ideologieballast ab - "Kampf und Sieg am Nanga Parbat" nannte der seinen Bericht über seine Erfahrungen mit dem Berg -, die Zukunft an den Achttausendern gehört nun den Jungstars allein. Der Erste, dem das klar wird, ist der Zeitungsverleger Dr. Burda, der das Team in Rawalpindi zum Abendessen lädt und dem Messner seinen Drive vermittelt - individuell und unbelastet, Porträt des jungen Bergsteigers als Künstler! Dr. Burda bleibt cool wie eine Sphinx, aber er sponsert die Expedition, hat das Erstveröffentlichungsrecht.

Eine Übersteigung hätte Reinhold Messner auch beim Nanga Parbat im Juni 1970 von Anfang an im Sinn gehabt, ist ein Vorwurf der Kollegen, damit hätte er den Bruder, der ihm heimlich nachgestiegen ist, maßlos überfordert, physisch, aber auch was die Ausrüstung anging - die Brüder waren ohne Seil, Biwakbedarf und Proviant losgezogen. Den Abstieg die Diamirwand hinunter, auf der anderen Seite, nach zwei grauenvollen Nächten, überlebte Günther nicht.

"Du wirst mir den Günther heil zurückbringen, versprich mir das"

Für Reinhold Messner ist seit dem Leichenfund die Geschichte aufgeklärt, der Film soll nun die Rufmordkampagne, der er sich ausgesetzt sah, endgültig beenden. Der Filmemacher Vilsmaier hat das akzeptiert - ein Film von Joseph Vilsmaier, in Zusammenarbeit mit Reinhold Messner steht auf den Plakaten - und dadurch dem Genre des Bergfilms einiges seiner inneren Dynamik genommen.

Der Berg ist ein Monster, immer wieder durch die dumpfen Akkorde von Oscarpreisträger Gustavo Santaolalla beschworen, sogar der Geist Mummerys, des britischen Erstbesteigers von 1895, spukt durch den Film. In "Nordwand", Philipp Stölzls Beitrag zum neuen Bergfilm, 2008, waren monströser als die Natur die gesellschaftlichen Verhältnisse, der Faschismus als Vorläufer der Eventkultur. Dr. Herrligkoffer verbringt die meiste Zeit in seinem Zelt im Basislager mit Diktieren, druckreif.

Den unerbittlichen Drive voran kennt man aus dem klassischen amerikanischen Actionkino: Ein Zurück kann es nicht geben, aus äußeren Zwängen nicht und nicht aus inneren, so funktionieren Pionier- und Entdeckerfilme. Die Selbstverständlichkeit, mit der dabei menschliche Kommunikation erprobt wird, vermisst man am Ende bei Vilsmaier, jene Spannung, wenn gemeinsames Handeln sich ergibt aus der Situation heraus, ein Handeln, das den richtigen Augenblick, den moment juste packt. In dem man private Motivation - Obsession auch - zusammenbringt mit Verlässlichkeit und Verantwortung, den Tugenden des Professionalismus.

Messner und Vilsmaier aber wollen das Drama, das der Brüderschaft, dieser so schwierigen, fragilen, destruktiven Beziehung. Gemeinsam proben Reinhold und Günther, an der Friedhofswand und am Heiligkreuzkofel in den Dolomiten, für ihren großen Traum. Aber dann sagt beim Abschied die Mutter zu Reinhold "Du wirst mir den Günther heil zurückbringen, versprich mir das", und Günther, der jüngere, will nicht immer dem älteren hintendran bleiben. Wer um den inneren Kern der Tragödie weiß, ist der Dorfpfarrer, sein Blick lässt die Brüder Messner nicht aus, wenn er in der Kirche predigt und vom Zusichfinden - Matthias Habich, der Anfang der Woche siebzig wurde, spielt das mit der ganzen zerfurchten Aufrichtigkeit des Genres. Wenn die Brüder dann zum Gipfel aufbrechen, trägt Reinhold einen blauen, Günther einen roten Anorak.

NANGA PARBAT, D 2009 - Regie, Bildgestaltung: Joseph Vilsmaier. Buch: Reinhard Klooss, Sven Severin. Musik: Gustavo Santaolalla. Mit: Florian Stetter, Andreas Tobias, Karl Markovics, Jule Ronstedt, Volker Bruch, Lena Stolze, Markus Krojer, Lorenzo Nedis, Matthias Habich. Senator, 104 Minuten.

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SZ vom 13.01.2010/iko
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