Süddeutsche Zeitung

Im Kino: Brownian Movement:Katzenhaft

Körperlich abstoßend, stark behaart, pickelig - die Männer, mit denen die verheiratete Ärztin Charlotte schläft, sind keineswegs attraktiv. Sie stößt auf Unverständnis, es folgen berufliche Konsequenzen. Ein Film über Einsamkeit und Freiheit.

Eine Frau, ihre Liebe, ihre Lust. Charlotte ist Ärztin in einem Krankenhaus in Brüssel, ihr Mann Architekt, sie haben einen Sohn. Sie mietet heimlich ein Appartement in der Stadt, hell und geräumig, weißer Flokati, breites Bett, Sessel und Sekretär an der Wand. Ein Eindruck von bürgerlicher Leere und Anonymität. Hierher bestellt Charlotte Männer, die sie in der Klinik, bei der Arbeit, entdeckt hat. Männer mit eher abstoßender Körperlichkeit, mit starker Behaarung oder pickliger Nase, alte Männer. Sandra Hüller ist Charlotte, maskenhaft ihr Gesicht, ab und zu huscht ein Schatten von Neugier darüber, blitzt ein Moment von Unberechenbarkeit auf. Sie legt sich neben die Männer, nimmt sie in die Arme, hat Sex mit ihnen, kühl, unbewegt, mechanisch. Eine Experimentieranordnung, ein Laborversuch.

Warum machen Sie das, wird Charlotte gefragt, als das Arrangement auffliegt. Aber es gibt keine Erklärung. Nur ein merkwürdiges Beharren auf Präsenz - das Kino war schon immer an Physik stärker interessiert als an Psychologie. Bei der Brownschen Bewegung des Titels geht es um die Bewegung von Molekularteilchen bei Erhitzung von Flüssigkeiten, da wirken Kräfte aus verschiedenen Richtungen ein und setzen die Teilchen auf unvorhersehbare Weise in Bewegung.

"Buñuels ,Belle de Jour' war, glaube ich, eine der Inspirationen für diesen Film", erzählt die Filmemacherin Nanouk Leopold, "ich sah den Film, als ich sechzehn war. Es geht um eine Frau und ihre Sexualität. Catherine Deneuve wacht im Bett auf und hat diesen erfüllten Ausdruck im Gesicht, sagt zu ihrem Mädchen: Du hast keine Vorstellung ... Das öffnete mir die Augen - dass eine Frau so etwas sagen kann."

Sandra Hüllers Unnahbarkeit ist bewegend, irritierend, enervierend, sie bewegt sich in luftleerem Raum, selbstzufrieden, lauernd, katzenhaft. Charlotte wird die Approbation entzogen, sie wird zur Therapie bestellt, ihr Mann begegnet ihr mit Unverständnis. "Die Einsamkeit des Liebenden", schreibt Barthes, der große leidende Kenner der Liebe, "ist keine Einsamkeit der Person (die Liebe vertraut sich an, sie spricht, sie teilt sich mit), sie ist Einsamkeit des Systems: ich bin der Einzige, der sie zum System macht ..."

Ein Märchenfilm. Im zweiten Teil führt ein Auftrag Charlottes Mann nach Indien. Sie begleitet ihn, möchte bei ihm sein, aber immer wieder setzt sie sich tagsüber ab. Er folgt ihr, findet sie in leeren, renovierungsbedürftigen Bauten, einsam, an die Wand gelehnt, auf den Boden ausgestreckt. Die Architektur Europas war wuchtig und dominant, war Unterdrückung. Nun findet Charlotte offene, in ihrer Funktionalität nicht festgelegte Bauten. Eine Freiheit, die aus den Räumen kommt.

BROWNIAN MOVEMENT, NL/D/Belg. 2010 - Regie, Buch: Nanouk Leopold. Kamera: Frank van den Eeden. Schnitt: Katharina Wartena. Mit: Sandra Hüller, Dragan Bakema, Sabine Timoteo, Ryan Brodie. Filmlichter, 100 Minuten.

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SZ vom 07.07.2011/cris
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