Süddeutsche Zeitung

Filmfest Venedig 2012:Barbie-Attacken

Lesezeit: 4 min

Vorab ist in Italien spekuliert worden, das Filmfestival Venedig könnte skandalös schmuddelig geraten - hauptverdächtig war der Film "Spring Breakers" über Saufgelage und Schießorgien von vier College-Barbies. Außerdem aktuell im Programm: Stoff für Alpträume, Sterbehilfe und Star-gespickte Historienepisoden.

Susan Vahabzadeh

Manchmal lädt ja auch ein hässlicher Anblick zu einem Wachtraum ein, und die notdürftig verkleideten Baugruben, die das Festivalareal auf dem Lido umgeben, traurige, teure Zeugnisse des verhagelten Baus eines neuen Festivalpalasts, sind plötzlich eine Filmszenerie. Sie wären das ideale Biotop für Kang Do in Kim Ki Duks "Pieta", der sich auch immer nur in Gebäuden zu bewegen scheint, die nie fertig geworden sind, oder in solchen, die der Verfall langsam schon wieder dem Erdboden gleichmacht. Kang Do lebt davon, dass er Krüppel produziert - er leiht armen Schluckern Geld, das sie nicht zurückzahlen können, verpasst ihnen eine Unfallversicherung und schlägt ihnen dann die Gliedmaßen zu Brei.

Eines Tages steht eine Frau vor seiner Tür, schlängelt sich in seine Wohnung, fängt an zu spülen und behauptet, sie wäre seine Mutter. Der Koreaner Kim Ki Duk ist eine Ideenfabrik, "Pieta" sei sein 18. Film, verkündet der Vorspann, und es ist ihm eine teuflisch originelle Story eingefallen - wenn man sich an einem rächen will, der kein Herz hat, dann muss man ihn erst einmal durch Liebe erweichen, damit er verletzlich wird. "Pieta" ist ziemlich brutal und manchmal komisch, aber das Bild, wie sich das Monster Kang Do verzweifelt in einer Grube an zwei Leichen klammert und wünschte, sie würden leben, ist stark genug für einen ganzen Albtraum.

Kino ist die Kunst des Erzählens mit Bildern - aber was ist, wenn die Bilder eines Films leer sind? Und kann es das überhaupt geben, leere Bilder? Was, wenn ein Film nur davon erzählt, dass ein nicht mehr ganz junger Regisseur - der sich seit den Neunzigern keinen Millimeter weiterentwickelt hat - sich unheimlich gern an den wackelnden Hintern möglichst junger, möglichst dummer kleiner Hühner aufgeilt? Ist das wirklich eine Geschichte, die zu erzählen lohnt?

Es hat vorab in der italienischen Presse Spekulationen darüber gegeben, der Wettbewerb der 69. Filmfestspiele in Venedig könne skandalös schmuddelig geraten - der Hauptverdächtige war da Harmony Korine mit "Spring Breakers". Da geht es um vier College-Barbies, alle nicht besonders helle, die um jeden Preis zur Spring Break nach Florida wollen, um sich dort richtig volllaufen zu lassen und mit jeder Menge Typen zu schlafen.

Grandioser als jede andere Szene in diesem Wettbewerb

Zum Skandal taugt das, was dabei herausgekommen ist, eigentlich nicht - mit ein paar Kraftausdrücken und nackten Mädels kann man eigentlich keinen mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Dass die Barbies brutal werden, ist auch nicht neu - das hat voriges Jahr Zack Snyder mit "Sucker Punch" schon ähnlich nichtssagend durchexerziert. Man muss Harmony Korine allerdings zugutehalten, dass "Spring Breakers" hervorragend gefilmt und geschnitten ist, mit kleinen Zeitsprüngen vor und zurück, in rauschhaften Bilder, die zu dem Saufgelage, das sie abbilden, ganz gut passen.

Genaugenommen ist der Überfall, mit dem die Mädchen ihren Trip finanzieren, wohl grandioser als jede andere Szene in diesem Wettbewerb: Das Auto, das die Mädchen einem Lehrer geklaut haben, hält in der Nacht vor der Vordertür eines hell erleuchteten Diner, zwei steigen aus, eine steuert den Wagen langsam zur Hintertür, und während sie um das Gebäude herumfährt, sieht man Fenster für Fenster, wie die anderen beiden drinnen die Gäste ausrauben. Aber da hat "Spring Breakers" die Grenze zum Voyeurismus überschritten - keine einzige Figur in diesem Film erwacht je zum Leben, sie bleiben lächerliche Pappkameraden. Die Mädchen lernen in Florida einen Gangster kennen, schließen sich ihm an und ballern auf alles, was sich bewegt, immer im Bikini - hier gibt es nichts mitzufühlen, und wer dabei auf der Strecke bleibt, ist einem als Zuschauer ungefähr genauso egal, wie es Harmony Korine zu sein scheint.

Isabelle Huppert, sehr fleißig

Auch Marco Bellocchio ist vorab unter Generalverdacht gestellt worden, mit seiner schlafenden Schönen, "Bella addormentata", auf italienischen Empfindlichkeiten herumzutrampeln, aber auf gänzlich andere Art. Es geht in seinem Film um einen realen Fall, der Anfang 2009 Aufruhr verursachte - ob der Vater von Eluana Englara, die zu diesem Zeitpunkt seit siebzehn Jahren im Koma lag, die lebenserhaltenden Maßnahmen herunterfahren lassen dürfe. Die Kirche und Berlusconi waren dagegen, säkulare Gruppen dafür, die Emotionen kochten hoch.

Vor dem Hintergrund der letzten Tage, bevor die Frau, kurz vor einer Abstimmung im Senat, nun ganz definitiv starb, verwebt Bellocchio vier Geschichten: Ein Senator, Beffardi, will bei der Abstimmung gegen die Parteidisziplin stimmen, weil er den Vater verstehen kann. Seine schwer religiöse Tochter versucht, ihn unter Druck zu setzen, die lernt derweil einen Jungen von der anderen Seite kennen. Ein Arzt kümmert sich um eine Frau, die sich unbedingt umbringen will, und eine Schauspielerin (Isabelle Huppert) spielt sich selbst Gottgläubigkeit vor in der Hoffnung, ein Wunder könne ihre eigene Tochter aufwachen lassen, die ebenfalls im Koma liegt.

Es ist vollkommen klar, auf welcher Seite Bellocchio selbst steht, aber er gibt in "Bella addormentata" jeder Position die Gelegenheit, zu Wort zu kommen, und er tritt keinem auf die Füße. Vielleicht ist das ein wenig arg ausgewogen, und ein Film, der wie ein Essay aufgebaut ist, ist immer zu stark durchkonstruiert, um wirklich bewegend sein zu können - aber es sind interessante Momente dabei herausgekommen. Eine Szene beispielsweise, in der eine Frau dem Arzt vorwirft, er wolle ihre Mutter umbringen, weil er sagt, er könne nichts mehr für sie tun. Sind die Grenzen der Medizin eine Sünde?

Noch fragmentarischer als Bellocchios Gedankenspiele wirkt dann "The Lines of Wellington", eigentlich als TV-Miniserie gedreht, vorbereitet von dem im vergangenen Jahr verstorbenen Raúl Ruiz und vollendet von seiner Ehefrau Valeria Sarmiento. Es sind Geschichten vom Krieg, 1810, die Franzosen marschieren durch Portugal und hinterlassen eine Spur der Verwüstung, die Menschen fliehen vor ihnen Richtung Lissabon: ein Soldat, der einem Überfall entkommen ist und seine Einheit sucht, eine englische Familie mit einer nymphomanischen Tochter, ein Bücherwurm, der seine verschwundene Ehefrau sucht.

Vieles davon ist sehr theatralisch inszeniert, was dazu beiträgt, dass "The Lines of Wellington" in lauter Einzelteile zerfällt. Aber manche dieser Teile sind für sich genommen großartige Kurzfilme. Einmal kommt der französische Maréchal Massena in das Haus eines Schweizer Kaufmanns zum Essen. Am Tisch sitzen Isabelle Huppert, Catherine Deneuve und Michel Piccoli und lästern über die Franzosen. Oder einige Szenen mit John Malkovich, der Wellington als blasierten alten Sack angelegt hat - ein wunderbarer Moment, wenn die Franzosen auf die Befestigungen stoßen, die Wellington seit anderthalb Jahren hinter der Front hatte bauen lassen, ohne dass sie davon auch nur gehört hatten. Er steht oben auf der Außenmauer, mit einem Fernglas, und betrachtet sein Werk, mit so viel Arroganz im Blick, dass er den eigenen Triumph nicht genießen kann.

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Quelle:
SZ vom 06.09.2012/ihe
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