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Im Kino: "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull":Sag mal, weinst du?

Detlev Bucks "Felix Krull" ist der Gin Tonic unter den Thomas-Mann-Verfilmungen - und stellt die Frage, welche Opfer großer Betrug verlangt.

Von Nicolas Freund

Zu den Gags, die keine Adaption des "Felix Krull" auslässt, gehört die windige "Schaumweinfabrikation" des Vaters, Engelbert Krull: Loreley extra cuvée. "Ihren Champagner sollte die Polizei verbieten", heißt es im Roman von Thomas Mann. "Vor acht Tagen habe ich mich verleiten lassen, eine halbe Flasche davon zu trinken, und noch heute hat meine Natur sich nicht von diesem Angriff erholt. (...) Ist es Petroleum oder Fusel, was Sie bei der Dosierung zusetzen?" Der Vater antwortet in der Romanvorlage auf diese Vorwürfe mit ebenso verschnörkelten Thomas-Mann-Sätzen, die in der neuen Verfilmung von Detlev Buck folgendermaßen zusammengefasst wurden: "Das Publikum will keinen guten Sekt, es will einfach nur Sekt." Und der sprudelt schon im Vorspann des neuen Films.

Seit Luchino Viscontis Verfilmung von "Tod in Venedig" (1974), das die Filmwelt einhellig als Meisterwerk einstuft, haben es alle Thomas-Mann-Adaptionen, sagen wir: schwer. Trotzdem suchen sie mit unheimlicher Regelmäßigkeit die deutschen Kinos heim, zuletzt manifest als die vierte Version der "Buddenbrooks" (2008), kostümsicher ausstaffiert bis zur letzten Rüsche. Es ist das Leitproblem vieler dieser Verfilmungen, dass die Zylinder und wallenden Kleider, wie mit einem Goldrahmen versehen und mit der Akribie einer Schulinszenierung auf die Leinwand gebracht, den Kern der Romane, die Ironie, die philosophischen, theologischen und kunstkritischen Exkurse, meist nur noch erahnen lassen.

Ein wenig wirkten diese Werke immer, als wolle sich der deutsche Film mit ihnen seiner eigenen hochkulturellen Relevanz versichern, als seien sie eine Art Feigenblatt für all die Keinohrhasen und Göhtes, die sonst die deutschen Kinos füllen. Es muss ja auch Filme für den Deutschunterricht geben, die der Lehrerin nicht peinlich sind. Nun war also mal wieder der "Felix Krull" an der Reihe, man muss wirklich sagen, an der Reihe, denn einige dieser Verfilmungen entstehen auch deshalb mit der Regelmäßigkeit von Jahrzehnten, weil sonst die Lizenzrechte der Filmstudios an den Romanen verfallen. Das war zumindest der Grund für die Entstehung der meisten Mann-Verfilmungen in den Siebzigern und Achtzigern, wie Bernhard Sinkel, Regisseur der "Krull"-Fernsehserie von 1982, einmal ausplauderte. Zeitlich würde es also passen, dass jetzt wieder ein "Krull" drankommt. Das hieße aber auch, dass möglicherweise demnächst ein neuer "Zauberberg" droht oder ein "Tod in Venedig".

Das Drehbuch hat Detlev Buck zusammen mit Daniel Kehlmann geschrieben

"Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" ist Thomas Manns letzter Roman. Er erschien 1954, ein Jahr vor Manns Tod, und handelt von dem gleichnamigen Hochstapler, der sich mit seinem guten Aussehen, erstickender Freundlichkeit und viel krimineller Energie bis in die höchsten Gesellschaftskreise hinaufmogelt. Ein sogenannter Schelmenroman, eine Künstlersatire, in der Mann sein eigenes Handwerk zerlegt, denn natürlich täuscht auch der Schriftsteller ständig, bedient sich bei Kollegen und verkauft Zusammengepanschtes einfach nur glänzend etikettiert weiter. Das Schreiben als der Loreley extra cuvée unter den Künsten. Das ist natürlich selbst wieder hochgradig ironisch, aber wie immer bei der Ironie steckt hinter dem Schein und dem Uneigentlichen ein ernster Kern.

Um diesen nicht zu verfehlen, hat sich Regisseur Detlev Buck, der zuletzt mit zahllosen Verfilmungen der "Bibi Blocksberg"-Hörspiele auf sich aufmerksam gemacht hat, als Drehbuchautor den lebenden Schriftsteller an Bord geholt, der wohl nach Ansicht der Filmemacher am nächsten an Thomas Mann herankommt: Daniel Kehlmann.

Die Grundgeschichte ist bekannt. Der junge Felix Krull (Jannis Niewöhner) arbeitet, weil die Familie nach dem Tod des Sektfabrikanten-Vaters zerbrochen ist, als Liftboy in einem Pariser Nobelhotel, wo er sich mit Charme und Geschick immer mehr Vorteile verschafft, bis er schließlich sogar die Identität eines reichen Adeligen annimmt und mit dessen Geld und Ansehen zu einer Weltreise aufbricht, die allerdings nicht erzählt wird. Thomas Mann hat den Roman nicht vollendet, ihn, wie er selbst sagte, "weit offen stehen" gelassen, was natürlich für jemand wie Kehlmann viele Möglichkeiten bietet. Der hat den Roman aber nicht fortgesetzt, der Film hält sich sogar recht streng an den Ablauf der Vorlage von der Jugend Krulls und der Zeit im Hotel bis zum Ende in Portugal. Doch Kehlmann hat einen Aspekt betont, der in dem Roman schon angelegt, aber gut versteckt war, nämlich die dunkle Seite Felix Krulls, das Melancholische dieser Existenz zwischen Schein und Sein, zwischen ständigem Betrug und Leidenschaften, die dem untergeordnet werden müssen.

Die berühmte Musterungsszene gerät witzig - wird aber auch ins Schmerzhafte übertrieben

Das überrascht etwas, denn die schillernden Hochglanzbilder Bucks versprechen anderes. Es gibt viel Klamauk und Sex, mehr, als in der Vorlage auch nur angedeutet wird. Kehlmann hat die Intrigen Krulls zu einer éducation sentimentale für den jungen Mann gemacht und betont, was alles geopfert werden muss, für den Betrug und den schönen Schein. Sein Krull trägt außerdem eine gruselige Totenschädel-Puppe bei sich, mit der er einst als Kind Hamlet, Prinz von Dänemark, spielte. Gegen Ende von Shakespeares Drama findet Hamlet den Schädel Yoricks, des Hofnarrs, mit dem er als Kind so viel Spaß hatte. "Ein Bursch von unendlichem Humor." Was bleibt von den Scherzen? Nur Verse und Romane, wie es in "Felix Krull" eine reiche Hotelgästin beim Sex raunt? Diese Frage begleitet Kehlmanns jungen Hochstapler ebenso wie den Künstler.

So auch in der berühmten Musterungsszene. Krull beharrt darauf, unbedingt dienen zu wollen, und täuscht dann einen epileptischen Anfall vor, was die Stabsärzte dazu bringt, ihn auszumustern. Bei Kehlmann fährt Krull in dieser sehr witzigen Szene dieselbe Strategie, übertreibt es aber bis ins Schmerzhafte, indem sein Krull geifernd vor den Ärzten davon fantasiert, wie der Feind, dem er die Gewehrkugeln "ins Fleisch" jagen möchte, "elend ausblutet" und Schlimmeres. Der lustige Krull als Psychopath. Kehlmann hat etwas bitteren Wermut in den Schaumwein gekippt.

Vor der Musterung lässt der Film es nicht aus, Krulls Vorbereitung auf dieses Schauspiel als erotisches Rollenspiel mit seiner tragischen Liebe Zaza (Liv Lisa Fries) zu inszenieren, deren Rolle der Film glücklicherweise stark ausbaut. Das funktioniert alles auch wegen Jannis Niewöhner, der nach kurzer Eingewöhnung Krull als den einnehmenden Charakter spielt, dem man die charmante Art ebenso wie die Tränen abnimmt. Es passt schön dazu, wie eisenhart traurig Liv Lisa Fries als Zaza schauen kann und wie herrlich naiv David Kross als Marquis Louis de Venosta. Am Ende droht in dieser Dreierkonstellation das ganze Schauspiel in sich zusammenzubrechen - und mit Krulls ausbeuterischer Anstellung in einem Luxushotel sowie dem Gefälle zwischen der Welt des Scheins und der des Seins lässt sich dieser drohende Fall der Kulissen durchaus als Systemfrage verstehen. Wer ist denn kein Hochstapler?

Aber Buck und Kehlmann sind keine Spielverderber, und sie wissen, das Publikum möchte nicht mehr einfach nur Sekt, auch keinen guten. Detlev Bucks "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" ist der Gin Tonic unter den Thomas-Mann-Verfilmungen.

Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull - D 2020. Regie: Detlev Buck. Buch: Daniel Kehlmann, Detlev Buck. Kamera: Marc Achenbach. Mit: Jannis Niewöhner, Liv Lisa Fries, David Kross. Warner, 114 Minuten.

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