Süddeutsche Zeitung

Diskussion um Kreuz auf Berliner Stadtschloss:Symbol der Unterdrückung

Lesezeit: 2 min

Ein Kreuz auf dem Berliner Stadtschloss ist das falsche Signal zur falschen Zeit. Mehr noch als das ganze Schloss verweist es auf den überwundenen preußischen Obrigkeitsstaat.

Kommentar von Kia Vahland

Symbole können Politik nicht ersetzen, wohl aber sie verstärken. Der französische Präsident Emmanuel Macron löst auch deshalb europaweit Enthusiasmus aus, weil er sich auf Bilder versteht.

Seine Kulisse am Wahlabend war der Pariser Louvre, der ehemalige Königspalast, der inzwischen - umgewidmet zu einem der weltweit führenden Museen - allen Bürgern des Landes gehört.

Symbol für diese Weltgewandtheit bei demokratischer Transparenz ist die gläserne Pyramide im Innenhof. Als Macron vor den Augen der Kameras alleine den Hof abschritt, konnte er sich in diesem Ambiente so geschichtsbewusst und patriotisch wie demokratisch und kosmopolitisch zeigen.

Das wäre in Deutschland nicht so einfach. Im Land der NS-Täter gehört ein vorsichtiger Umgang mit der Geschichte zur Staatsräson. Weil die Nationalsozialisten ihre Herrschaft mit einer dominanten Bildsprache in Kunst, Architektur und im Film gefestigt hatten, schreckten die Politiker der Bonner Republik vor großen Bildern zurück.

Dies änderte sich erst langsam mit Berlin als Hauptstadt, wo mit der gläsernen Reichstagskuppel und dem stelenartigen Holocaustdenkmal zwei starke Symbole einer geschichtsbewussten, offenen Gesellschaft entstanden.

Auf das Stadtschloss gehört heutzutage kein Kreuz mehr

Nun wächst gerade der wichtigste Repräsentationsbau, das rekonstruierte Berliner Stadtschloss, in das die ethnologischen Museen und andere Sammlungen einziehen werden. Das alte Schloss krönte seit dem mittleren 19. Jahrhundert eine massive Kuppel mit einem vergoldeten Kreuz. Soll nun auch das Kreuz wieder errichtet werden, auf einem Museumsbau, mit dem sich die Bundesrepublik von heute an die Welt richtet?

Dies wäre das falsche Symbol zur falschen Zeit. Mehr noch als das ganze Schloss verweist dieses Kreuz auf dieser Kuppel auf den preußischen Obrigkeitsstaat. Der Aufbau entstand erst, nachdem der preußische König die freiheitliche Revolution von 1848 niedergeschlagen hatte und Hunderte Aufständische im Berliner Barrikadenkampf gestorben sind.

Die kreuzbewehrte Kuppel signalisiert den Triumph des Gottesgnadentums über demokratische Strömungen, über Versammlungs-, Rede- und Pressefreiheit. Sie steht nicht für das Christentum allgemein, sondern für eine ungute Vermengung von Religion und Politik, die anderslautende Ansichten unterdrückt.

Gegen die Bildmacht von Schloss, Kuppel, Kreuz kommt ein Wort nicht an

Stünde das alte Schloss noch da und mit ihm die originale Kuppel und das preußische Kreuz, wäre dies unabänderlicher Teil steingewordener Geschichte. So aber ist es ein Statement. Es zeigt der Welt, wo sich die heutige Bundesrepublik verortet. Dann ist nicht vermittelbar, warum ein halb säkulares, der Aufklärung verpflichtetes Land seinen wichtigsten Museumsneubau mit all seinen buddhistischen, muslimischen und naturreligiösen Exponaten ausgerechnet unter ein Kreuz stellt.

Das Symbol ist zu mächtig, um es sich selbst zu überlassen; jeder wird darin erkennen, was er möchte. Im Zweifel ist das eine Absage an ein friedliches, gleichberechtigtes Zusammenleben der Religionen und Kulturen.

Da hilft es nichts, wenn das Schloss zudem, wie es die drei Gründungsintendanten nun vorschlagen, den von dem Künstler Lars Ø. Ramberg für den Palast der Republik entworfenen Schriftzug "Zweifel" aufgesetzt bekommt. Gegen die Bildmacht von Schloss, Kuppel, Kreuz kommt ein Wort nicht an. Der Vorschlag zeigt erneut das Dilemma: Der deutschen Republik fehlen immer noch eigene Bilder, die ihr Selbstverständnis verkörpern und so einen gesellschaftlichen Konsens zur Schau stellen und vertiefen können.

Sollten hier einmal in einer Schicksalswahl Europa-Enthusiasten rechtsextreme Rassisten besiegen - sie hätten keine Bühne, auf der sie ihr Ergebnis bildmächtig feiern und in die Welt rufen könnten.

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SZ vom 07.06.2017/pak
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