Süddeutsche Zeitung

Debüt-Album von Harry Styles:Harry Styles im Justin-Bieber-Dilemma

Der größte Teenieschwarm der größten Boygroup unserer Zeit veröffentlicht ein Soloalbum. Man mag es kaum sagen, aber: Es ist eine Sensation.

Von Julian Dörr

Das wahre Leben des Harry Styles liegt wohl irgendwo zwischen einer Matratze auf dem Dachboden eines Hauses im Norden Londons und einem Kotzfleck am Rande des Freeways 101 in Los Angeles. Der Kotzfleck, das ist schnell erklärt, ist so etwas wie ein Fan-Schrein. Erbaut von ein paar wirklich engagierten One-Direction-Fans. Anhänger der Boygroup, die es als erste britische Band mit ihrem Debütalbum auf Platz eins der US-Charts gebracht hat. Keine Band hat auf Youtube mehr Abonnenten. Oder Fans, die ein Schild eben genau dort aufstellen, wo sich einer der Umschwärmten auf den Asphalt eines Freeways übergeben hat.

Harry Styles war von allen Umschwärmten der Umschwärmteste. In der für Boygroups so wichtigen Personaldramaturgie war er der niedliche Rebell, der schmollende Miesepeter. Musikproduzent Simon Cowell, eine Art Dieter Bohlen mit Geschmack, hatte die fünf Jungs von One Direction in der britischen Casting-Show The X Factor zu einer Band zusammengeschustert. Am Ende belegten sie zwar nur den dritten Platz, ihre Karriere aber hob ab. Und Harry Styles zog aus seinem Elternhaus in den Norden Londons. Da sein neues Haus aber noch renoviert werden musste, kam Styles bei einem befreundeten Fernsehproduzenten unter - auf dem Dachboden. Was auch die Matratze erklärt. Aus zwei Wochen wurden jedoch fast zwei Jahre. Zwei Jahre, in denen One Direction vor Hunderttausenden von Menschen spielten und Millionen Platten verkauften - und Harry Styles, der Weltstar, als Dauergast auf einer Dachboden-Matratze schlief.

Da ringt einer mit der schieren Überwältigungskraft seiner Stimme den Zeitgeist nieder

Man muss sich jetzt die Matratze und den Kotzfleck, die Eckpfeiler dieses noch jungen Lebens, vor Augen halten, um diese Geschichte auf die nötige Fallhöhe zu heben. Denn: One Direction sind nicht mehr. Und Harry Styles steht mit seinen 23 Jahren vor einem Problem, nennen wir es: das Justin-Bieber-Dilemma. Wie geht Kunst, wenn man eine Karriere als Teenieschwarm zu zeitgenössischem Stromlinienpop aufgebaut hat? Und die Welt sich mehr für das eigene Datingleben (Taylor Swift, Kendall Jenner) interessiert als für die Musik?

Es gibt aus diesem Dilemma ja nur zwei Wege. Man erfüllt alle Erwartungen. Oder man bricht mit ihnen. Zayn Malik, Harry Styles ehemaliger One-Direction-Kollege, hat sich für den ersten Weg und rotlichternden Zeitgeist-R'n'B nach den Bauplänen von The Weeknd und Drake entschieden. Songs, so dicht dran an der Gegenwart, dass sie morgen schon vergessen sind.

Und jetzt also das erste Solo-Album von Harry Styles (Smi Col/Sony). Richtig neugierig wurde man vor ein paar Wochen, als sich Father John Misty, der ja selbst gerade eines der aufregendsten Alben des Jahres veröffentlicht hatte, zu Wort meldete und Harry Styles' Debüt als fucking insane bezeichnete. In aller Kürze: Er hat recht. Es ist tatsächlich ein Wahnsinn. Man möge bei akuter Neugier stellvertretend alle sechs Minuten von "Sign of the Times" hören, dem - legen wir uns mal fest - besten Pop-Song des Jahres. Hören, wie zärtlich das Balladen-Piano die Stimme von Harry Styles in den Raum trägt. Hören, wie dann die Gitarre dazwischenrutscht, wie sich das Schlagzeug mit Stadion-Wumms aufbäumt und der Sänger fleht, man solle doch jetzt nicht weinen. Und dann immer weiter hören, wie sich Styles nach vier Minuten aus seinem eigenen Song reißt, um die Zeichen der Zeit mit der schieren Überwältigungskraft seiner Stimme niederzuringen.

Harry Styles' selbstbetiteltes Debütalbum erwischt einen so unerwartet heftig, weil es eigentlich unmöglich ist. Unmöglich, wenn man bedenkt, wo dieser Mann herkommt: Bei One Direction hat er in Hyper-Pop-Produktionen zu Sätzen wie "Not even the Gods above can seperate the two of us" den Horizont angeschmachtet. Jetzt versucht er, so viel Pomp wie möglich in eine Indie-Rock-Ballade zu stopfen. Harry Styles kümmert sich nicht um den Zeitgeist. Da ist eben "Sign of the Times", da ist aber auch die gering dosierte Psychedelia von "Carolina", der Country-Schmalz von "Two Ghosts". Kein Song, bei dem man nicht schon nach wenigen Sekunden das exakte musikalische Vorbild nennen könnte: Hier die Beatles, da Bowie. Hier Fleetwood Mac, da die Rolling Stones.

"Harry Styles" gehört also zur fortschrittfeindlichsten Pop-Gattung überhaupt: der Altmännermusik.

Warum das alles trotzdem so irrsinnig gut ist, versteht man, wenn man sich zwei sehr wackelige Handy-Videos anschaut. Das erste zeigt Harry Styles auf der Bühne des berühmten Clubs The Troubadour in Los Angeles. Neben ihm steht Stevie Nicks, eine Grande Dame des Westcoast-Pop. Gemeinsam singen sie den Fleetwood-Mac-Klassiker "Landslide". Als zum allerletzten Mal der Refrain anhebt, bricht Harry Styles die Stimme. Und dann steht da dieser junge Kerl in seiner goldenen Glitzerhose, wischt sich die Tränen aus den Augen, fährt sich durch die Haare, setzt sich auf den Bühnenrand.

Und plötzlich fühlt sich das alles so gegenwärtig an, so unmittelbar. Wie all diese Versatzstücke des Pop in absoluter Gleichzeitigkeit nebeneinander stehen. Die kreischenden One-Direction-Fans, der weinende Harry Styles, die Goldhose, Stevie Nicks und Fleetwood Mac. Ja, Harry Styles spielt Altmännermusik. Aber er ist weder Kopist noch Reaktionär. Er ist ein Kind des Internets. In seiner Welt hat die gesamte Pop-Geschichte schon immer gleichzeitig stattgefunden. Wenn alles jederzeit verfügbar ist, was sagen dann noch Epochen aus? Oder Genres? Was kann ein Ex-Boygroup-Mitglied und Teenieschwarm dann nicht tun? Auf der zweiten Aufnahme steht Harry Styles auf einer Bühne und covert Kanye Wests "Ultralight Beam". Es klingt wie "Hotel California". Es ist: der Triumph des Internets über die Musikgeschichte.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.3526253
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/biaz/mane
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.