Süddeutsche Zeitung

Serie "Was folgt":Alles plattmachen

Das Tempelhofer Feld bot vielen in der Pandemie Zuflucht. Statt es zu verkleinern, sollte es vergrößert werden, und zwar so richtig. Anderes hingegen kann ruhig kleiner werden.

Von Juliane Liebert

Endlich wird geimpft. Aber sind wir noch die, die wir vor Corona waren? Sind wir, in mehr als dieser Hinsicht, überhaupt noch zu retten? Persönliche Geschichten aus helleren Tagen.

Ja, was folgt? Als Erstes eine Saftkur.

Ich habe heute eine Saftkur angefangen, weil ich - nicht als einzige Person in meinem Freundeskreis - während der Pandemie fett geworden bin. Es soll Menschen geben, denen das nicht so ging, die täglich Sport getrieben haben und jetzt ihre Prachtkörper neugierig in die ersten Sonnenstrahlen strecken. Aber die kenne ich nicht und bin auch selbst keine von diesen Disziplinbestien. Bevor jemand sagt, oberflächlich, Unsinn, du, fett? Bodyshamest du dich da selbst? Bist du etwa keine wahre Feministin? Danke, danke, aber Fakt ist: Alle meine Kleidungsstücke passen nicht mehr, und ohne Kleidung kann man nicht raus. Nicht mal als Feministin. Es ist schon ein Kreuz.

Während der Pandemie durfte man nicht raus, weil Pandemie war, und jetzt, wo sie vorbei ist, ist man zu fett. Deswegen also Saftkur. Sobald die überstanden und man geimpft ist - man also wieder in seine Hosen reinkommt - kann man theoretisch bald wieder das zu tun anfangen, was man vor der Pandemie so getan hat. Nur, was war das? Flüchtige Erinnerungen. Man war ... in Innenräumen ... aber nicht den eigenen ... in denen Musik gespielt wurde ... da waren auch ... andere Menschen ... sehr dicht an einem dran ... da, wo normalerweise unter den Augen die Maske sitzt, waren ... noch andere Dinge ... ein längliches, vertikales mit zwei Löchern unten, und ein horizontales, geschwungenes, das sich öffnete und schloss, öffnete und schloss ... alle tranken aus den gleichen Flaschen und fassten sich die ganze Zeit an ... weg mit den Gedanken, hinfort!

Zur Person

Juliane Liebert ist Journalistin und Autorin und hat zuletzt den Gedichtband "lieder an das große nichts" veröffentlicht.

Vielleicht ist es zweckmäßiger, sich auf die Dinge zu berufen, die man schon während der Pandemie getan hat, und zu schauen, wie man sie verbessern kann. Spazierengehen, beispielsweise. Flanieren, strollieren. Es gibt einen Ort, der nicht wenige Menschen während der Corona-Monate vor dem sicheren Wahnsinn bewahrt hat: Das Tempelhofer Feld. Die Berliner hatten das Feld vor x Jahren mit einem Volksentscheid vor der Randbebauung gerettet, und jetzt, während der Pandemie, gab das Tempelhofer Feld die Liebe zurück. Es war für viele eine Zuflucht, die ihnen Trost bot, Platz zum Draußensein.

Das Tempelhofer Feld sollte nach der Pandemie vergrößert werden. Bis Berlin weg ist

Irgendwo in der Mitte des Feldes beobachtete ich im vergangenen Jahr einen Mann, der dort an einem geheimen Ort einen kleinen Ahornbaum besuchte, den er gepflanzt hatte. Der Ahorn war noch ganz jung, schmal und ein wenig zerzaust. Man hoffte, dass niemand auf die Idee kommen würde, das Gras dort zu mähen, denn dann würde der Ahornbaum mit ziemlicher Sicherheit mit abgemäht werden, zart wie er war. Wir gingen ab und zu hin, um ihn zu gießen. Er war noch zu klein, um irgendeine Art von Schatten zu spenden. Ob er es wohl schaffen würde?

Neuerdings wird wieder verstärkt die Randbebauung des Feldes diskutiert (von Parteien, die eh niemand wählt, aber man weiß ja nie). Deswegen ist es dringend an der Zeit, noch mal über das Tempelhofer Feld, unseren großen Retter, nachzudenken. Denn der einzig wahre Vorschlag, was mit ihm geschehen sollte, wurde noch gar nicht gemacht. Hier kommt er: Ich plädiere dringend dafür, das Tempelhofer Feld nach der Pandemie nicht zu verkleinern, sondern zu vergrößern. Am besten, bis Berlin weg ist. Beziehungsweise nur noch Feld. Dann, und nur dann, könnte man für eine behutsame Randbebauung des dann neu benannten Berliner Feldes plädieren.

Der Bundestag könnte nach Oranienburg. Das Außenministerium nach Eberswalde. Ein paar Kulturstandorte und Gründerzeithäuser könnten als Kulturdenkmäler auf dem Feld erhalten werden. Die Ringbahn wird zum Radweg. Die Stadtautobahn zur naturbelassenen Wildbrücke, damit Wölfe und Rehe das Berliner Feld in Ruhe durchwandern können. Unter den Linden wird renaturiert zum Lindenwald. Vom Brandenburger Tor aus ein Baumwipfelpfad angelegt. Der Fernsehturm wird mit Wein und Efeu begrünt. Der Reichstag mit seiner Kuppel könnte als Orangerie genutzt werden (sofern man die nach dem Klimawandel noch braucht.) Die Spree würde auf dem gesamten Stadtgebiet renaturiert. Die Oberbaumbrücke sollte auch mit Bäumen bepflanzt werden, damit der Name endlich stimmt. Der Rest sollte größtenteils als Wiese — als Berliner Feld eben — angelegt werden. Mit Schafen und Feldlerchen, und das Stadtschloss dient als Toilettenhaus. Die Mohrenstraße wird endlich in Möhrenstraße umbenannt und mitsamt ihrer Umgebung für den Biolandbau freigegeben. Das Schloss Charlottenburg dient als Stall für genau ein Pferd, und in großen Glitzerbuchstaben steht auf dem Dach: ein Königreich für ein Pferd. Wäre das nicht schön?

Selbst banale Alltagshandlungen wie Händewaschen waren politisch aufgeladen

Was mich vor allem am Feld interessiert, ist der Reiz der Brache. Ich glaube, die Menschen lieben es auch so sehr, weil es eigentlich ein Flughafen und kein durchdesignter Park ist. In den Städten wie in den Diskussionen gibt es immer weniger solcher Räume, die dauerhaft unfertig sind, frei von konzeptuellem Ballast, die nur Luft und Himmel und Platz zum Ausprobieren bieten - also gerade das, was in einer komplexen Gesellschaft rar ist. In der Pandemie - obwohl sie mit dem Lockdown ja selbst eine Brache hervorbrachte - schien dieser Raum sogar noch enger zu werden. Selbst banale Alltagshandlungen wie Händewaschen waren politisch aufgeladen. Und die zwar zehrende, aber auch relativ komfortable Isolation in der eigenen Wohnung stand in grellem Kontrast zum Leid. Freunde wurden krank, Verwandte und Bekannte starben allein im Krankenhaus.

Anfang des Jahres besuchte ich einen engen Verwandten. Er hatte im Dezember drei Wochen in der Psychiatrie gelegen und war dort wegen des Pflegepersonalmangels fast verhungert und verdurstet. Jetzt war er zurück in seinem betreuten Wohnheim, und man konnte ihn wieder besuchen. Als wir ankamen, war er in Windeln und lag in einer Lache Urin auf dem Rücken. Jemand hatte ihm zwar Kuchen hingestellt, aber den nicht geschnitten, weswegen er ihn nicht essen konnte. Wir richteten ihn auf, wickelten ihn neu, schnitten den Kuchen, den er aufaß. Er freute sich, dass ich da war. Nach einer halben Stunde Besuch hatte er - wie üblich - genug und meinte, dass sei ja alles schön und gut und er fühle sich geschmeichelt, aber jetzt könnten wir bitte auch mal wieder gehen. Wir hatten keine Ahnung, wann wir ihn das nächste Mal besuchen können würden. Es war abhängig von den Tests, den Zahlen, die hoch und runter gingen, in einem ewig scheinenden, abstrakten Ringen. Bald werde ich öfter hinfahren können.

Alle Folgen der Serie finden Sie unter sz.de/wasfolgt

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